Stadionpläne

Flugplatz oder Bauplatz?

/ Von Joachim Röderer

& Von Joachim Röderer

Sa, 10. März 2012

Freiburg

Auf der großen grünen Fläche hätte ein Stadion Platz – oder auch Wohnbebauung. Droht den Fliegern der Abflug? Wohl eher nicht.

Seit 105 Jahren besteht der Flugplatz im Nordwesten der Stadt – er ist damit einer der ältesten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Nicht zum ersten Mal in seiner Geschichte landet der Flugplatz demnächst wohl auf dem Prüfstand. Müssen die Flieger bald den Abflug machen? Im Gutachten zum Stadionneubau geben die Gutachter dem Flugplatz nämlich gute Noten als Standortvariante für einen möglichen Stadionneubau. Die Stadtverwaltung sieht im Flugplatz, der in ihrem Eigentum steht, dagegen derzeit überhaupt keine Option. Die Ratsfraktion der Grünen erwägt am 27. März im Gemeinderat den Antrag zu stellen, dass der Flugplatz mit in einen Standortcheck kommt, neben den O
ptionen Ausbau und Standort "Hirschmatten". Die Hürden für eine Bebauung des Flugplatzes liegen allerdings hoch. Eine Übersicht über die Sachlage mit allem Für und Wider.

LANGFRISTIGE VERTRÄGE
Der Verkehrslandeplatz Freiburg verbuchte im vergangenen Jahr insgesamt rund 26 000 Starts und Landungen – vor allem Geschäftsflüge haben zugenommen, die Privatflüge dagegen nahmen ab. Der Flugplatz liegt bei der Zahl der Flugbewegungen unter den Höchstwerten vor etwa zehn Jahren. Doch am Flugplatz wird nicht nur geflogen, sondern auch gearbeitet. 14 Firmen mit 50 bis 60 Mitarbeitern haben dort ihren Sitz, berichtet Gerhard Meier, Geschäftsführer der Flugplatz GmbH. Die Verträge mit den Nutzern sind in der Regel bis 2031 geschlossen. Angesiedelt am Platz sind auch 14 Vereine, die insgesamt acht Hallen nutzen – ebenfalls mit langfristigen Verträgen. Sie müssten mit hohen Abfindungen zur Aufgabe ihrer Rechte bewegt werden. Drei bis vier Millionen Euro würden dafür fällig, schätzt Meier. Ausweichmöglichkeiten gebe es für die flugaffinen Firmen wenig bis kaum. Auch die Deutsche Luftrettung bräuchte für den Rettungshubschrauber einen Standort. Auch am Flugplatz in Bremgarten könnten nach seiner Einschätzung nur wenig unterkommen. Bei einer Firma und einem Verein gibt es den Spezialfall, dass eine Kündigung ihrer Verträge vor 2031 nur möglich ist, wenn das überlassene Gelände für ein "übergeordnetes öffentliches Interesse" notwendig wird und dies quasi eine Enteignung rechtfertigen würde. Bei der Verlagerung der Messe auf Teile des Flugplatzgeländes wurden die Möglichkeiten einer Enteignung schon einmal geprüft und verneint. Firma und Verein wollten den Standort "zu keinem Geld der Welt" aufgeben, so Meier. Bliebe als Option der Klageweg, der wiederum dann Jahre dauern könnte – somit fiele der Flugplatz als kurzfristig realisierbarer Standort weg. Flugplatzchef Meier macht sich um die Zukunft des Landesplatzes deswegen keine Sorgen: "Der Gemeinderat kann sich nicht über bestehende Verträge hinwegsetzen."

BEISSSCHRECKE & CO.
Die Braunfleckige Beißschrecke ist Freiburgs berühmtestes Insekt – sogar der Papst musste bei seinem Freiburg-Besuch im vergangenen Jahr um diese vom Aussterben bedrohte Art einen Bogen machen. Die Beißschrecke genießt einen hohen Schutzstatus. Bei allen Änderungen der Schutzfläche müsste die höhere Naturschutzbehörde entscheiden, das wäre das Regierungspräsidium. Auf dem Flugplatz gibt es zudem noch den Biotoptyp "Sandmagerrasen". Ein Schelm, der Böses dabei denkt: Erst diese Woche verschickte die Stadtverwaltung eine Pressemitteilung über seltene Vogel- und Pflanzenarten am Flugplatz und meldete, dass dort nun wieder einmal ein Kiebitz gesichtet worden sei, dessen Bestände in Deutschland stark abgenommen hätten.

PROBLEM ERSATZFLÄCHEN
Etwas abstrakter ist das Thema Ausgleichsfläche: Wenn die Stadt irgendwo eine Fläche versiegelt, muss sie an anderer Stelle Ausgleichsflächen benennen und ausweisen. Genau solche Flächen liegen nun hektarweise auf dem Flugplatz, etwa für die großen Flächen der Neuen Messe. Sprich: Würde am Flugplatz ein Stadion bebaut, müssten die dann dort versiegelten Flächen irgendwo anders ausgewiesen werden plus die wegfallenden Ausgleichsflächen. Flächen in dieser Größenordnung seien in Freiburg aber wohl nicht zu finden. Im Rathaus hält dieses Ausgleichsflächenproblem für ein entscheidendes K.O.-Kriterium.

DIE ORGANTRANSPORTE
117 Starts und Landungen von Ambulanzflügen hat es im vergangenen Jahr auf dem Flugplatz gegeben, die große Mehrzahl entfiel auf Organtransporte. Für die Transplantationsflüge ist erst im Jahr 2010 die Landebahn verlängert worden. "Der Flugplatz ist für uns extrem wichtig und wird immer wichtiger", sagt der Chirurg Friedhelm Beyersdorf, Chef der gemeinsamen Herzchirurgie von Uniklinik Freiburg und Herzzentrum Bad Krozingen. Das gemeinsame Herzzentrum gehört zu den größten in Deutschland. Die Qualitätsanforderungen steigen immer mehr, weswegen viele kleinere Transplantationszentren wegfallen. Deswegen wird in Freiburg die Zahl der Transplantationen noch zunehmen. Bislang liegt sei bei 20 bis 25 Fällen. "Deswegen hat der Freiburger Flugplatz allergrößte Bedeutung für uns", so der Professor. Ein Ausweichen nach Bremgarten sei illusorisch, es würde auch keinerlei Vorteile bringen, trotz der Nähe zu Bad Krozingen: Das Herzzentrum transplantiere ausschließlich am Standort Freiburg. Auch ein Transport der Organe über Basel koste eine weitere Dreiviertelstunde Zeit. "Es zählt unterm Strich wirklich jede Minute", sagt auch Christian Thurow, Koordinator des Deutschen Stiftung Organtransplantationen in Freiburg und zuständig für die Transportlogistik. Zwischen der Entnahme eines Herzens bei einem Organspender und dem Einsetzen bei einem Patienten dürften nur vier Stunden liegen, die Lungentransplantationen liege die Obergrenze bei sechs Stunden. Durch die verlängerte Landebahn können nun Düsenjets Freiburg anfliegen – damit kann das Transplantationszentrum seinen Aktionsradius erweitern.

DIE KRITIKER
Immer wieder gibt es auch Proteste gegen den Flugplatz und vor allem gegen den Fluglärm. Eine Schutzgemeinschaft hat sich gegründet. Einsprüche hatte es auch schon gegen die Landebahnverlängerung gegeben. Ein langjähriger Flugplatzkritiker ist Horst Bergamelli, Vorsitzender des Bürgervereins Mooswald und SPD-Stadtrat. Sollte sich die Stadt für einen Stadionneubau entscheiden, müsse der Flugplatz auf jeden Fall geprüft werden, fordert er. Bei der jetzt favorisierten Option "Hirschmatten" gebe es schon jetzt Proteste der Bürger. Was den Flugplatz betrifft: Bremgarten sei als Alternative für die Flieger zumutbar: "Es liegt ja nur 15 Kilometer von Freiburg entfernt, in vielen Städten ist die Distanz zu einem Flugplatz größer", so Bergamelli.