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30. August 2012

Frankreich hat’s gerne filigran

Beim Aus- oder Neubau von Straßenbahnlinien spielen die städtebaulichen Auswirkungen in Frankreich eine viel größere Rolle als in Deutschland.

  1. Tram ohne eigenen Gleiskörper in Mulhouse. Foto: Rolf Müller

In Anbetracht der schwierigen Fördersituation in Deutschland mag manch deutscher Stadt- und Verkehrsplaner neidisch über die französische Grenze blicken. Denn die dort übliche Nahverkehrsabgabe (versement transport) erlaubt eine flexiblere Mittelverwendung als das deutschen GVFG, das nur eine Förderung von Einzelmaßnahmen kennt. Die Zuständigkeit für den ÖPNV ist zudem beim jeweiligen Aufgabenträger (etwa dem städtischen Verkehrsbetrieb) gebündelt, so dass Straßenbahntrassen ganzheitlich geplant und umgesetzt werden können. Kein Wunder also, dass der städtebauliche Aspekt bei allen neuen Straßenbahnstrecken in Frankreich eine große Rolle spielt – der ehemalige Bürgermeister von Nantes, Alain Chénard, unter dessen Verantwortung 1985 das erste neue französische Straßenbahnsystem seit dem Zweiten Weltkrieg eröffnet wurde, bezeichnete die Straßenbahn gar als "städtebauliche Idee des Jahrhunderts". Viele weitere Städte folgten dem Beispiel von Nantes: Grenoble, Montpellier, Marseille, Nizza, Bordeaux, Straßburg, Mulhouse, Paris, Orléans, Reims … Weitere sind im Bau oder geplant, beispielsweise in Freiburgs Partnerstadt Besançon.

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Da die "Tramway" nicht nur als Verkehrsmittel, sondern als Imageträger gesehen wird, wird bei der Gestaltung nichts dem Zufall überlassen. Finden sich in deutschen Straßenbahn-Städten oft massive Fahrleitungsmasten aus Schleuderbeton oder die auffällige Hochketten-Fahrleitungen (in Freiburg beispielsweise in der Wannerstraße im Stühlinger), bevorzugt man in Frankreich filigranere Lösungen. In einigen Städten wie Bordeaux und Reims wurde in den Innenstadtbereichen sogar ganz auf die Oberleitung verzichtet und eine unterirdische Stromzuführung gewählt.

Dieser hohe städtebauliche Standard hat freilich seinen Preis – mit durchschnittlich 20 Millionen Euro pro Kilometer Straßenbahn liegen die Baukosten in Frankreich deutlich über dem Kostenniveau deutscher Neubaustrecken. Im Vergleich dazu war der – praktisch einem Neubau gleichkommende – Umbau der Habsburger Straße mit etwa 9,8 Millionen (ohne Kanal- und Leitungserneuerung) Euro pro Kilometer fast ein Schnäppchen. Rund 17 Millionen Euro pro Kilometer wird die 1800 Meter lange neue Innenstadttrasse über Kronenstraße, Werthmannstraße, Platz der Alten Synagoge, Rotteckring, Friedrichring bis zum Siegesdenkmal kosten. Auch hier soll das Konzept einer abgestimmten Straßengestaltung "von Fassade zu Fassade" verfolgt werden, obwohl die Förderung aus dem GVFG laut Verkehrsplaner Hans-Georg Herffs noch nicht in allen Abschnitten gesichert ist.

Autor: Reinhard Huschke