Affäre Klümper

Freiburg ließ Doping-Arzt jahrelang mietfrei praktizieren

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Do, 05. März 2015 um 10:53 Uhr

Freiburg

Der frühere Sportmediziner Armin Klümper soll früher unter anderem Fußballprofis gedopt haben. Die Stadt Freiburg buhlte regelrecht um ihn. Sie verlangte jahrelang keine Miete von dem umstrittenen Mediziner.

In den 1970er und 80er Jahren soll Armin Klümper Fußballprofis leistungssteigernde Mittel verabreicht haben. Damit steht der mittlerweile 79 Jahre alte Radiologe, der in Südafrika leben soll, einmal mehr im Zentrum einer Dopingdebatte. Inwiefern förderte eigentlich die Stadt Freiburg seine Arbeit? Fest steht: Sie unterstützte den Bau der Sporttraumatologie im Mooswald und ließ den von Spitzensportlern verehrten Mediziner dort jahrelang mietfrei praktizieren.

"Ein Guru in der Klemme"

Etliche Jahre lang wurde Armin Klümper als Guru der deutschen Sportmedizin gefeiert – auch dann noch, als er wegen Rezept- und Abrechnungsbetrugs im Februar 1989 und im April 1997 zu Geldstrafen von 157.000 und 162.000 Mark (zirka 80.000 Euro ohne Kaufkraftanpassung) verurteilt und wegen Dopinggerüchten immer stärker in die Kritik geraten war – im April 1987 war seine Patientin, die Siebenkämpferin Birgit Dressel, gestorben. "Ein Guru in der Klemme" hatte das Magazin Stern schon 1986 getitelt.

Doch der Reihe nach: Ende der 1970er Jahre drohte Klümpers sportmedizinische Abteilung der Uniklinik Freiburg nach Bad Krozingen abzuwandern. Dort sollte für 20 Millionen D-Mark (10 Millionen Euro) ein Klinikneubau entstehen. Die Landesregierung war bereit, der Verlagerung der Freiburger Sportmedizin zuzustimmen, die Kurzentren des Landes sollten verstärkt zu Gesundheitszentren entwickelt werden, zudem befürchtete man, dass sich dort private Konkurrenz niederlassen könnte.

Für viele in Freiburg war der Umzugsplan ein Unding, Oberbürgermeister Eugen Keidel sah ideelle und wirtschaftliche Nachteile auf die Stadt zukommen, auch die CDU-Politprominenz wie der damalige Landtagsabgeordnete Ludger Reddemann kämpfte für den Standort Freiburg. Klümper hatte eine unglaubliche Lobby in der Stadt, erinnert sich ein Mitarbeiter im Freiburger Rathaus.

Stadt investierte in Neubau 1,6 Millionen D-Mark

Schließlich wurde für die "sporttraumatologische Spezialambulanz" der Uniklinik für 8 Millionen Mark (4 Millionen Euro) ein Neubau im Mooswald in Nachbarschaft zum Eugen-Keidel-Bad errichtet. Spatenstich war im Oktober 1980, eingeweiht wurde das Gebäude 1982. 60 Prozent der Kosten übernahm der Bund, jeweils 20 Prozent – also 1,6 Millionen Mark (800.000 Euro) – steuerten Stadt und Land bei. Die städtische Beteiligung wurde im Juli 1980 im Gemeinderat besiegelt. Für die Einrichtung kamen Bund (60 Prozent) und Land (40) auf. Der Zweck der öffentlich geförderten Institution war "die gesundheitliche Betreuung von Spitzensportlern und andere im Bundesinteresse liegende Zwecke", so das Bundesinnenministerium.

Eigentümerin wurde die Stadt. Teil des Vertrages zwischen der Gebäudeeigentümerin und der Uniklinik als Mieterin war, dass die Klinik keine Miete zahlen musste. 1990 gab der umstrittene Klinikprofessor seinen Beamtenstatus auf und verließ die Uniklinik. Die bislang der Uniklinik unterstellte Sporttraumatologie übernahm Klümper als Privatmann. Die Mietkonditionen blieben dieselben: Die Stadt verlangte weiterhin keine Miete. "Das finanziell marode Freiburg schenkt dem mehrfachen Umsatzmillionär somit annähernd eine halbe Million Mark im Jahr", schrieb das Nachrichtenmagazin Spiegel im März 1993.

Der Deutsche Sportbund und der Deutsche Leichtathletik-Verband wollten Klümper Ende der 90er Jahre loswerden, und auch das Bundesinnenministerium übte Druck aus, Klümper sollte nicht länger die Sporttraumatologie leiten. Der unbefristete Mietvertrag sah nach zehn Jahren eine erste Kündigungsmöglichkeit vor. Davon machte die Stadt dann auf Ende 2000 Gebrauch. Klümpers Nachfolger, vier Ärzte, mussten dann ab 2001 jährlich 285.000 Mark Miete an die Stadt zahlen.
Freiburger Doping-Kommissionen

15. Mai 2007: Die Uni Freiburg setzt eine unabhängige Untersuchungskommission ein, die Doping-Vorwürfe gegen die Unisportärzte Andreas Schmid und Lothar Heinrich aufklären soll, die Radsportler des Profiteams Telekom betreuen. Den Vorsitz hat der ehemalige Nürtinger Richter Hans Joachim Schäfer.

22. Juni 2007:
Die Freiburger Uni stellt eine zweite, ebenfalls von Schäfer geleitete und sieben Mitglieder starke Kommission vor. Die sogenannte Evaluierungskommission soll das gesamte Wirken der Freiburger Sportmedizin durchleuchten.

13. Mai 2009:
Die Schäfer-Kommission stellt ihren Abschlussbericht offiziell vor. Sie spricht von Schmid und Heinrich als Einzeltätern – und entlastet Kollegen der entlassenen Mediziner.

21. Dezember 2009: Die Kriminologin Letizia Paoli ist neue Vorsitzende der Kommission zur Aufarbeitung der Geschichte der Freiburger Sportmedizin (Evaluierungskommission). Die Professorin an der Uni Leuven in Belgien wird Nachfolgerin von Schäfer, der aus gesundheitlichen Gründen zurücktritt.

12. bis 14. September 2011: Die Freiburger Uni veranstaltet auf dringenden Wunsch der Evaluierungskommission ein dreitägiges Symposium unter dem Titel "Sportmedizin und Doping in Europa", bei der auch das Wirken der ehemaligen Freiburger Sportärzte Joseph Keul und Armin Klümper kritisch beleuchtet wird.

24. Januar 2013: Rüdiger Siewert, Chef der Freiburger Uniklinik, wirft Paoli Untätigkeit vor und kritisiert, dass noch immer kein Arbeitsergebnis vorliege.

29. Januar 2013: Paoli wehrt sich gegen den Vorwurf. Sie klagt in einem Schreiben über Behinderungen ihrer Arbeit durch die Universität. Wichtige Akten seien erst 2012 aufgetaucht. Zudem findet die Paoli-Gruppe in der Folgezeit weitere brisante Unterlagen.

12. September 2013: Die Kommission zur Aufklärung der Doping-Vergangenheit in Freiburg hat sich mit der Universität auf einen gemeinsamen Fahrplan geeinigt. Sie will der Uni bis Mai 2014 einen Abschlussbericht vorlegen. Baden-Württembergs Wissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) vermittelte in einem Gespräch zwischen der Uni um Rektor Hans-Jochen Schiewer und der Kommission um Paoli.

Mai 2014: Die Kommission kann den Abschlusstermin nicht einhalten und will sich weder von der Uni noch vom Ministerium unter Zeitdruck setzen lassen. Gleichzeitig beklagt sich Paoli, dass die Arbeit der Kommission massiv behindert werde. Zudem tauchen in den kommenden Monaten immer wieder neue Akten auf, die gesichtet und ausgewertet werden müssten. Die Kommission droht zu platzen, ohne einen Abschlussbericht vorzulegen.

17. Oktober 2014: Die Universität Freiburg wird auf Veranlassung von Rektor Schiewer eine "Forschungsstelle Sportmedizin" einrichten. Diese soll an der Medizinischen Fakultät die Geschichte der Sportmedizin in Freiburg aufarbeiten. Damit möchte die Uni Freiburg nach eigenem Bekunden die Dopingforschungen über die Zeit der Evaluierungskommission hinaus fortführen. Wieder organisiert das Wissenschaftsministerium ein Gespräch zwischen Uni und der Paoli-Gruppe, über dessen Termin es zu unterschiedlichen Meinungen kommt.

24. Februar 2015: Das ursprünglich für Dezember 2014 terminierte Gespräch im Wissenschaftsministerium findet nun in Stuttgart statt.
2. März 2015: Ein Sondergutachten der Untersuchungskommission berichtet, dass in der Bundesliga in den 1970er und 1980er Jahren regelmäßig Anabolika verabreicht worden sein soll.

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