"Freiburg muss offener werden!"

anb

Von anb

Sa, 21. Juni 2014

Freiburg

BZ-INTERVIEW mit der Musiktheaterinitiatorin Monika Hermann, die Projekte für Waisen in Kenia und syrische Flüchtlinge plant.

HERDERN/FREIBURG. Als Monika Hermann (51) den Berichten von Karolina Schwegler und der Sängerin Anita Morasch über ihre Kenia-Reise zuhörte, entstand die Idee: Die Aufführung eines afrikanischen Märchens mit Kindern aus afrikanischen Ländern in Freiburg soll das Waisenhaus "Green Olive" in Twapa bei Mombasa unterstützen. Gleichzeitig ist Monika Hermann mit ihrem "Verein für interkulturelles Theater" wie gewohnt an einigen Projekten dran – auch mit syrischen Flüchtlingen. Anja Bochtler sprach mit ihr.

Sie stecken seit 13 Jahren viel Zeit und Energie in Musiktheaterprojekte mit Kindern und Jugendlichen. Der Aufwand ist groß, die Finanzierung war bisher immer unsicher, manchmal drohen Sie auf Kosten sitzenzubleiben – warum machen Sie trotzdem immer wieder weiter?

Hermann: Musik erreicht die Gefühle auf direktem Weg und überwindet Barrieren. Es fing alles an mit 40 Kindern an der Waldorfschule St. Georgen mit einem poetischen Stück, "Der Feuervogel und der graue Wolf". Inzwischen sind Kinder und Jugendliche von zehn sehr verschiedenen Schulen dabei, seit unseren Roma-Märchen auch einige Roma-Jugendliche. Mich reizt die Lust am Spielen, Entdecken, Sich-Einlassen, Etwas-Entwickeln.

BZ: Das Interkulturelle ist der rote Faden bei allen Projekten, das ist Ihr Thema. Seit wann und wieso?

Hermann: Ich bin in Denzlingen aufgewachsen, dort bin ich mit 16 Jahren dem Südafrikaner Jabulane Ngwenya aus Soweto begegnet. Er war als gewaltfreier Widerstandskämpfer gegen die Apartheid viele Monate im Gefängnis. Zur Erholung kam er über den Weltkirchenrat in unsere Gemeinde – es entstand eine besondere Freundschaft. Immer wieder mutige Menschen kennenzulernen ist eine Erfahrung, die mich sehr geprägt hat. Mit 20 habe ich dann in einem Slum-Viertel in Texas mit schwarzen Kindern gearbeitet und Flüchtlinge aus El Salvador unterstützt. Was ich jetzt mit den Roma in Freiburg im Kampf gegen ihre Abschiebung und Diskriminierung erlebe, ist wie eine Wiederholung dieser Zeit, als ich für Flüchtlinge übersetzt und ihnen bei ihren Asylanträgen geholfen habe. Freiburg muss offener werden für Flüchtlinge, wir müssen der Isolation und den Vorurteilen etwas entgegensetzen!

BZ: Immer ergibt sich bei Ihnen ein Projekt aus dem anderen – wird Ihnen das nicht manchmal zu viel?

Hermann: Zurzeit arbeite ich vormittags in meinem Beruf als Heilpädagogin und habe nachmittags Zeit fürs Theater. Ich bin immer noch bewegt von den Erlebnissen rund um unsere Aufführung über "die Kinder von La Hille" im vergangenen Herbst, durch die ich einige der überlebenden jüdischen Kinder kennenlernen konnte. Ich bin und bleibe zum Beispiel in Kontakt mit Ruth Usrad in Israel und ihrer Schwester Betty Bloom in London. Und dann erfuhr ich von dem Waisenhaus "Green olive" in Kenia, wo 40 Kinder und Jugendliche zusammenleben und, ähnlich wie die Kinder in La Hille, die sich vor den Nazis versteckten und untereinander stützten, fast nur auf sich allein gestellt sind.

BZ: Kümmert sich niemand um die Kinder?

Hermann: Es gibt dort nur eine Leiterin, ansonsten kümmern sich nur die älteren Kinder um die Kleineren. Unterkunft und die Versorgung dort sind ärmlich. Das Projekt braucht dringend Sponsoren. Ich hoffe, dass sich in Freiburg Unterstützer finden. Vielleicht gelingt das mit unserem Märchen mit Musik, das wir entwickeln – mit Kindern, die aus afrikanischen Ländern stammen, und deutschen Kindern.

BZ: Da sind auch noch ein Roma- und ein Syrien-Projekt ...

Hermann: Ja, das Syrien-Projekt fängt gerade neu an. Das Stück habe ich schon geschrieben, es heißt "Zenobia – schau nicht zurück, Fluchtgeschichten früher und heute". Es wechselt zwischen den Ebenen der historischen Zenobia um 267 nach Christus, syrischen Göttern und aktuellen Geschichten syrischer Flüchtlinge, die in Deutschland ankommen. In Syrien ist die Wiege der Zivilisation, die älteste Kultur der Welt, die Syrer können darauf stolz sein! Wir suchen noch Menschen zwischen 12 und 99 Jahren, die mitmachen – egal, ob sie Theatererfahrung haben oder nicht.

Schnuppertermin "Zenobia – schau nicht zurück": Morgen, Sonntag, 17 bis 19 Uhr in der Waldorfschule St. Georgen, Bergiselstraße 11. Infos: http://www.interkulturelles-theater.de Tel. 01573/5537296


Monika Hermann (51) ist freie Heilpädagogin, lebt in Herdern, ist verheiratet, hat eine 20-jährige Tochter und einen 14-jährigen Sohn. Sie hat den "Verein für interkulturelles Theater" mitsamt den Musiktheaterprojekten "Tabun" und "Travka Muravka" gegründet.