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08. März 2017

Erziehung

Freiburger Elternbeirat fordert, die PIA-Praktikantinnen in Kitas nicht auf den Stellenschlüssel anzurechnen - das würde eine halbe Million Euro kosten

Seit sechs Jahren gibt es einen neuen Weg in den Beruf der Erzieherin: die praxisorientierte Ausbildung. Die zumeist Quereinsteigerinnen verdienen in dieser Art dualer Ausbildung von Anfang an Geld, Und sie werden zu 25 Prozent auf den Personalschlüssel angerechnet. Für manche Kita ein Grund, auf PIAs zu verzichten. Der Elternbeirat fordert von der Stadt, auf die Anrechnung zu verzichten.

  1. Gute Betreuung in den Kitas ist dem Elternbeirat wichtig. Er verlangt, dass jene, die als Azubis den Quereinstieg in den Beruf der Erzieherin gewählt haben, nicht zum Personalstamm gezählt werden. Foto: Ingo Schneider

PIA ist ein Renner. "Wir können uns nicht retten vor Anfragen", sagt Kerstin Kohler-Gern von der Kita-Fachberatung der Diakonie. Mit der vor sechs Jahren gestarteten "Praxisintegrierten Ausbildung" (PIA) wollte die Politik dem drohenden Fachkräftemangel entgegen wirken. Das kann auch funktionieren, meint der Gesamtelternbeirat der Freiburger Kitas (GEB-K) – wenn die Auszubildenden nicht von Anfang an auf den Stellenschlüssel in den Kitas angerechnet würden. Der GEB-K fordert, im Doppelhaushalt 2017/2018 dafür finanzielle Spielräume zu schaffen.

"Wir machen’s nicht." Rita Hillebrand, Geschäftsführerin der Kinderhausinitiative mit zehn eher kleinen Einrichtungen, beschäftigt grundsätzlich keine PIA-Azubis, obwohl mindestens einmal wöchentlich Interessenten anfragten. Aber fachfremdes Personal, das im Personalschlüssel als 25-Prozent-Fachkraft angerechnet wird, hielte sie für einen "qualitativen Rückschritt". Julia Peickert hingegen wäre ohne PIA nicht auf die Idee gekommen, sich zur Erzieherin ausbilden zu lassen.

Die 31-Jährige ist gelernte Friseurmeisterin und wollte noch mal etwas Neues machen. Inzwischen ist sie im dritten und damit letzten Ausbildungsjahr zur Erzieherin. Sie war auf die von Anfang an gezahlte Vergütung um die 700 Euro angewiesen. Unter den PIAs sind viele Ältere, die sich beruflich umorientieren oder nach einer Familienphase noch mal einen Einstieg finden wollen.

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In der von der Diakonie getragenen Kita Immergrün im Stadtteil Vauban ist Julia Peickert eine von drei PIAs. Sie besuchen jeweils drei Tage in der Woche die Schule und arbeiten zwei Tage in der Einrichtung. Für deren Leiter Dominik Krakutsch ist das eine Herausforderung, vor allem in den ersten beiden Jahren: "Sie kommen ohne Vorwissen und brauchen viel Anleitung." Die Praxisaufträge aus der Schule und die Alltagsabläufe in der Kita passten nicht immer nahtlos ineinander. Die gesplittete Ausbildung gehe auf Kosten der Kontinuität in der Arbeit mit Kindern. Mit einer 75-Prozent-Fachkraft statt der drei PIAs wäre der Einrichtung besser gedient. Würden sie nicht auf den Stellenschlüssel angerechnet, würde auch Rita Hillebrand jederzeit welche nehmen.

Zwei Wege in den Beruf der Erzieherin

Silke Mellert hat die traditionelle Ausbildung zur Erzieherin durchlaufen: Nach drei Jahren Schule, in denen sie nur tage- oder wochenweise für Blockpraktika in wechselnden Einrichtungen war, absolviert die 20-Jährige ihr Anerkennungsjahr (AKJ), das vierte ihrer Ausbildung, ebenfalls an der Kita Immergrün. Erstmals bekommt sie mit 1100 Euro netto Geld dafür.

Am Ende werden Julia Peickert und Silke Mellert den gleichen Abschluss haben, aber unterschiedliche Wege gegangen sein. Die 20-jährige AKJ-lerin ist durchgängig in der Einrichtung, bringt viel Fachwissen mit und kann schon ziemlich viel Verantwortung übernehmen. "Sie ist 100 Prozent da", sagt Dominik Krakutsch. Im Stellenschlüssel hingegen zählt eine AKJ-lerin nur zu 50 Prozent.

Die Gesamtelternvertretung fordert deshalb, die Stellenanrechnung für die ersten beiden Jahre der PIA-Ausbildung ganz abzuschaffen. Andernfalls würde das Potenzial an Interessenten für diesen Ausbildungsweg nicht ausgeschöpft. Was das kosten würde, kann die Stadtverwaltung noch nicht sagen. Sie rechnet mit "sicher nicht unerheblichen finanziellen Auswirkungen". Experten kommen auf etwa eine halbe Million Euro. Mit den Fraktionen laufen Gespräche. Die Unabhängigen Listen (7 von 48 Mandaten), Freiburg Lebenswert / Für Freiburg (4) und JPG (4) hätten den Elternvertretern Unterstützung zugesagt. Ende März findet die zweite und öffentliche Lesung im Gemeinderat statt. Anfang Mai soll der Haushalt verabschiedet werden.

Die Kita Immergrün jedenfalls hat keinerlei Nachwuchssorgen. Julia Peickert und Silke Mellert werden nahtlos in den festen Mitarbeiterstamm wechseln.



PIA

PIA steht für "Praxisorientierte Ausbildung". Sie orientiert sich an der dualen Ausbildung und soll den Beruf der Erzieherin attraktiver machen – unter anderem deshalb, weil die Azubis von Anfang an Geld verdienen. Nach Recherchen des Freiburger Gesamtelternbeirats für Kindertagesstätten bildet die Stadtverwaltung derzeit 15 PIA-Azubis in ihren circa 20 Einrichtungen aus, die freien Träger 50 in rund 200 Einrichtungen. Nach den Vorgaben des Landesjugendamts können PIA mit einem Stellenanteil von maximal 40 Prozent auf den Fachkraftschlüssel angerechnet werden. In Freiburg hat der Kinder- und Jugendhilfeausschuss 2012 beschlossen, die Ausbildungskräfte aus fachlichen und organisatorischen Gründen vom ersten bis zum dritten Ausbildungsjahr nur als 25-Prozent-Stelle anzurechnen.  

Autor: arü

Autor: Anita Rüffer