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07. Oktober 2013

Freiburger Initiative Schlüsselmensch erhält den Jugend-Friedenspreis

So fing es an: Laura Gorriahn (26) las von einem Flüchtling, der nur dank einiger Menschen, die sich für ihn einsetzten, die vielen Hürden in Deutschland überwinden konnte. Er nannte seine Helfer „Schlüsselmenschen“. Laura Gorriahn gründete daraufhin mit Freunden die Initiative Schlüsselmensch.

  1. Die Initiative Schlüsselmensch (von links): Laura Gorriahn, Hannah Riede, Andreas Stifel und Lisa Kiechle Foto: michael bamberger

Sie erhielt am Samstag mit dem Verein "Rock your life", der Schüler und Studierende in Tandems vermittelt, den Jugend-Friedenspreis der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen.

Neulich hat sich Hannah Riede (25) gefreut: Die Mutter des 13-jährigen Denis hat sie eingeladen, mit ihr die Hörnchen zu backen, die Hannah Riede bei ihr so gern isst. Hannah Riede studiert Politik und Geschichte, Denis ist mit seiner Familie aus dem Kosovo geflohen und lebt in der Flüchtlingsunterkunft St. Christoph an der Hermann-Mitsch-Straße. Die Initiative Schlüsselmensch vermittelt solche Patenschaften zwischen jungen Erwachsenen wie Hannah Riede, die in der Regel studieren, und Kindern in St. Christoph. Derzeit gibt es 20 Paten, nötig wären viel mehr: Von den rund 250 Menschen, die in St. Christoph leben, sind die Hälfte Kinder, fast alle stammen aus dem Kosovo.

Laura Gorriahn kam schon früher in die Unterkunft, bevor sie die Initiative Schlüsselmensch gründete, damals arbeitete sie bei Amnesty International mit. Sie war schockiert, wie wenig Unterstützung die Kinder und ihre Familien bekommen, die Flucht und Traumatisierungen hinter sich haben. Da setzen die Patenschaften an, sie reichen von Hausaufgabenbetreuung über Ausflüge bis zur Hilfe bei Behördenbriefen, jeder Pate bestimmt, wozu er bereit ist. Ausgaben finanziert die Wilhelm-Oberle-Stiftung, der Einsatz ist ehrenamtlich. Alle profitieren: Die Paten lernen interkulturelle Kompetenzen und bekommen Einblicke, die sie sonst nie hätten. Das kann schockieren, erzählt Hannah Riede: Vor ihren ersten Besuchen in St. Christoph konnte sie sich nicht vorstellen, "dass es Menschen in Freiburg gibt, die unter solchen Bedingungen leben".

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Zu den strukturellen Hindernissen, die Flüchtlinge von fast jeder Teilhabe ausschließen, kommen Vorbehalte gegenüber Roma, betont der Politikdoktorand und -Dozent Andreas Stifel (29): "Nach Studien unterstützen 40 Prozent der Bevölkerung antiziganistische Äußerungen." Er erlebt bei seinem 13-jährigen Patenkind, wie die Angst vor Abschiebung den Alltag prägt. Ganz wichtig ist für die "Schlüsselmenschen" die Zusammenarbeit mit den Sozialarbeiterinnen der Unterkunft. Auch sie setzen sich weit über ihren Job hinaus ein, ist ihre Erfahrung. "Und das ist eine Tragödie – dass das Schicksal der Flüchtlinge vom privaten Engagement einiger abhängt", bilanziert Andreas Stifel. "Nötig wären garantierte Unterstützungsstrukturen und ein Konzept, wie man würdevoll mit Flüchtlingen umgeht."

Der Jugend-Friedenspreis ist mit 1000 Euro dotiert, das Preisgeld teilen sich die beiden Gewinner.

Autor: Anja Bochtler