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28. Oktober 2017

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Freie Waldorfschule Rieselfeld erstellt Gemeinwohlbilanz - mit Spitzenergebnis

Die Freie Waldorfschule Rieselfeld hat als erste Schule überhaupt eine Gemeinwohlbilanz erstellt – und ein Spitzenergebnis erzielt.

  1. Die Küche kocht täglich frisch, ökologisch und vegetarisch. Foto: Ingo Schneider

Wie demokratisch, nachhaltig und solidarisch handelt ein Unternehmen? Während Firmen ihre Finanzen regelmäßig offenlegen müssen, gilt das noch nicht für ihre Arbeitsbedingungen oder die Produktqualität. Die Freie Waldorfschule im Rieselfeld wollte gegensteuern und hat als erste Schule überhaupt eine Gemeinwohlbilanz erstellt.

"Für Unternehmen lohnt sich die Ausbeutung von Natur und Mitarbeitern", sagt Steffen Schürkens, Lehrer an der Freien Waldorfschule Rieselfeld. Um sich an ökologische und ethische Standards zu halten, müsse eine Firma viel Zeit und Geld investieren – ohne Anerkennung vonseiten des Staates oder der Verbraucher.

Das wollen viele Unternehmen ändern, darunter die Waldorfschule. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Schüler Julius Schulze-Schilddorf hat Schürkens eine sogenannte Gemeinwohlbilanz erstellt. Aufgeschlüsselt in Kategorien wie Menschenwürde, ökologische Nachhaltigkeit und demokratische Mitbestimmung werden hierbei jegliche Wirkungen eines Unternehmens auf die Mitarbeiter, Kunden und die Umwelt eingestuft und anschließend zu einem Gesamtpunktewert verrechnet. In ihrer Bilanz aus dem Jahr 2016 erzielte die Schule 789 von 1000 möglichen Punkten – ein Spitzenergebnis.

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Die Pluspunkte: Die Schulcafeteria kocht täglich frisch, ökologisch und vegetarisch; weiter verzichtet die Schule auf Putzkräfte aus dem Niedriglohnsektor und verteilt die Einkommen gerecht. Konkrete Änderungen habe es im Schulalltag seit der Gemeinwohlbilanz aber nicht gegeben, berichtet Schürkens. "Wir haben schon vorher bewusst gemeinwohlorientiert gearbeitet, das gehört zum Prinzip einer Waldorfschule", sagt der 48-jährige Lehrer. Dass das jetzt auch schwarz auf weiß gedruckt steht, sei nur ein formeller Schritt.

Dennoch waren Schürkens und Schulze-Schilddorf mehr als ein halbes Jahr lang damit beschäftigt, die Abläufe in der Schule zu überprüfen. Begleitet und kontrolliert wurden sie dabei von einem Partnerunternehmen, das ebenfalls an seiner Gemeinwohlbilanz arbeitete, sowie einer Vertreterin des Vereins für Gemeinwohlökonomie. Ein unbeteiligter Mitarbeiter des Vereins evaluierte die Selbsteinschätzungen der Schule schließlich zu einem korrigierten Gesamtergebnis.

Dieses Verfahren sei momentan sinnvoll, da sich ohnehin nur Unternehmen einstufen lassen, die sich für die Idee der Gemeinwohlökonomie begeistern und sich ehrlich einschätzen. "Sobald auch Firmen mitmachen, die schlechtere Werte erwarten, sollte verstärkt von unabhängigen Beobachtern evaluiert werden", räumt der Waldorflehrer ein.

Generell sieht er in der Gemeinwohlökonomie eine große Chance, dringende Probleme wie Wirtschaftskrisen oder dem Klimawandel anzugehen. Seine Vision für die Zukunft: verantwortungsbewusste Menschen, die nur Produkte mit Gemeinwohleinstufung kaufen und ein Steuersatz für Unternehmen, der sich nach deren Gemeinwohlwert richtet. "Wir als Schule haben eine zentrale Vorbildfunktion, deshalb beteiligen wir uns an der Bilanz", erklärt Steffen Schürkens. "Wir sind ein Labor für die Gesellschaft. Hier sollen Schüler erleben, in welche Richtung wir uns entwickeln könnten".

Autor: Claudia Förster