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06. Juni 2017

Künstlich geschaffene Sprache

Friedlich und europafreundlich war der Esperanto-Kongress in Freiburg

Den Deutschen Esperanto-Kongress in Freiburg besuchten vor allem Ältere. Jüngere Anhänger tauschen sich im Internet aus.

  1. Zum Deutschen Esperanto-Kongress kamen 170 Anhänger der Kunstsprache in die Katholische Akademie, darunter EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis (rechts) und der irische Diplomat Sean O’Riain. Foto: Michael Bamberger

Fast alle halten sich dran: Gesprochen wird nur Esperanto. Selbst dann, wenn die meisten von ihnen Deutsche sind. In der Katholischen Akademie trafen sich über Pfingsten rund 170 Menschen zum 94. Deutschen Esperanto-Kongress. Auch der prominenteste Gast hielt am Samstagvormittag seine Rede auf Esperanto: Der litauische EU-Kommissar Vytenis Andriukaitis sprach über den Esperanto-Gründer Ludwig Zamenhof als Menschenrechtspionier.

Sie sitzen überall, auf Fluren und in verschiedenen Räumen. Es gibt Spezialangebote, unter anderem für Lehrer und Eisenbahner oder für diejenigen, die mit Esperanto Politik machen wollen: Die Partei "Europa Demokratie Esperanto" trat schon bei den Europawahlen an. Auch sonst geht’s bei diesem Kongress politisch zu, zum Beispiel beim Vortrag des bekannten Freiburger Rüstungsgegners Jürgen Grässlin.

Judith Neumair findet diese Themen gut. Sie passten zu Esperanto, sagt sie: "Die Esperanto-Idee ist friedlich und freundlich, wir wollen, dass alle miteinander reden können." Weil ihr das gefällt, stieg sie vor acht Jahren als damals 50-Jährige in die künstlich geschaffene Sprache ein. Ihr Mann war schon lange dabei. Inzwischen fahren sie zu jedem Esperanto-Kongress, von ihrem Wohnort in Pfaffenhofen bei München aus. So wie die beiden sind fast alle Kongressteilnehmer älter, abgesehen von einem parallel stattfindenden Jugendtreffen mit 20 Teilnehmern.

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Doch alle hier betonen, dass nichts dran sei an der Behauptung, Esperanto befinde sich im Niedergang. Die Jüngeren seien nur nicht so sichtbar wie die Älteren, weil sie kaum zu Kongressen kämen, sondern sich im Internet austauschten, sagt Louis von Wunsch-Rolshoven vom Deutschen Esperanto-Bund aus Berlin. Online wachse die Zahl der Esperantisten ständig, bei "Dulingo"-Kursen seien in den vergangenen zwei Jahren eine Million Menschen eingestiegen. Eine App mit geographischer Ortung zeigt, wo die nächsten Esperanto-Kundigen sind: Auf dem Handydisplay von Aleks Kadar taucht eine lange Liste mit Namen auf. Denn sie alle sind momentan auch in der realen Welt in seiner Nähe: beim Kongress.

Auch "Asterix" und "Faust"

gibt es auf Esperanto

Normalerweise ist das anders, sie wohnen unter anderem in Irland, Italien, Polen oder den Niederlanden, einer sogar in den USA. Aleks Kadar kommt aus Paris. Er liebt die Internationalität bei Esperanto-Kongressen, deshalb ist er nach Freiburg gekommen. Bis vor Kurzem war er Präsident eines französischen Esperantovereins. Begonnen hatte er 1999, bei einem Austauschsemester in Berlin, als er Betriebswirtschaft studierte. Inzwischen ist er 40 Jahre alt, arbeitet als Informatiker und hält Esperanto nach wie vor für eine gute Idee. Genauso wie Norbert Pulver aus der Nähe von Hanau, der 1950 geboren wurde und in den 80ern in einer Frankfurter Gruppe mit Esperanto loslegte: Er findet, die künstlich geschaffene Sprache stelle Gleichberechtigung her, weil alle sie neu lernen müssen. In Zeiten, in denen Europaskeptiker seine alten Ideale von Verständigung in Frage stellen, findet er Esperanto umso wichtiger.

Der EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, Vytenis Andriukaitis aus Litauen, hat 1976 Esperanto gelernt. Inzwischen spreche er es nicht mehr flüssig, sagt Louis von Wunsch-Rolshoven, der ihn nach seiner Rede getestet hat. Darum hätten sie dann auf Englisch weitergeredet. Also hat doch die Weltsprache Englisch gesiegt? So sieht das hier niemand. Angesichts dessen, dass Esperanto nie Zugang in Schulen fand und immer ein Insidertipp blieb, sind sie besonders stolz auf ihre Erfolge: zum Beispiel darauf, dass zu den derzeit 10 000 auf Esperanto erschienenen Büchern jedes Jahr rund 120 neu dazu kommen. Bei Wolfgang Schwanzer in Mainz gibt’s immerhin etwa 1000. Zu Hause hat er einen Lagerraum und verschickt Bücher auf Bestellung, meist übers Internet. Er kommt zu jedem Kongress. Auch in Freiburg bietet er eine bunte Mischung an, von vielen Wörter- und Lehrbüchern bis zu "Asterix" und Goethes "Faust".

Esperanto

1887 hat der Augenarzt Ludwig Zamenhof in Warschau die Grundlagen für eine Kunstsprache veröffentlicht. Und zwar unter dem Pseudonym Doktor Esperanto (Hoffender). Sie sollte leicht zu erlernen sein und die Kommunikation zwischen den Völkern fördern. Nach 50 Stunden kann man Esperanto, das sich spanisch anhört, sprechen und die Grammatik kennen, die viel einfacher ist als in anderen Sprachen. Dennoch: Amtssprache ist es nirgends geworden. Die Freiburger Ortsgruppe hat 20 Mitglieder. Weitere Infos unter http://www.esperanto-bw.de  

Autor: mac

Autor: Anja Bochtler