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14. März 2017

Gedichte zur Lebensbewältigung

LEUTE IN DER STADT: Simon Felix Geiger ist Sozialarbeiter und schreibt über seine eigenen Erfahrungen und seinen Glauben.

  1. Simon Felix Geiger Foto: Michael Bamberger

Er mag Rainer Maria Rilke und Hermann Hesse nicht nur, sondern kann vieles von ihnen auswendig – genau wie seine eigenen Texte: "Ich könnte stundenlang Gedichte vortragen", sagt Simon Felix Geiger (29). Einblicke in seine Werke können Interessierte durch seine Gedichtbände bekommen, die im kleinen "Brot-und-Kunst-Verlag" erschienen sind. Oder bei einer Lesung im Café Satz: Dort tritt er zusammen mit einer Grafikerin und einer Sängerin auf.

Schreiben als Selbsterfahrung – das prägt die Texte von Simon Felix Geiger, der 1987 in Reutlingen geboren wurde. Einiges in seinem Leben lief nicht ganz einfach, beim Verarbeiten hilft ihm das Schreiben. Sein Traum wäre, irgendwann teilweise von seinen Gedichten auch leben zu können und seinen Hauptjob als Sozialarbeiter fürs Schreiben zu reduzieren. Derzeit arbeitet er in der Betreuung von geflüchteten Menschen beim Caritasverband für den Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald. Die Kombination aus Sozialem und Kreativem findet er gut.

Das liegt vielleicht auch daran, wie er aufgewachsen ist. Mit einer Mutter, die Krankenschwester und Diakonin, und einem Vater, der evangelischer Pfarrer ist, drei leiblichen Geschwistern und einer Pflegeschwester war klar: In seiner großen Familie war es wichtig, "sozial" zu sein. Es war ein Pfarrhaushalt mit vielen Gästen, darunter waren auch wohnungslose und psychisch kranke Menschen, die Unterstützung suchten. Das prägte den Alltag und war für Simon Felix Geiger einerseits bereichernd, andererseits manchmal problematisch. "Für mich ist es jetzt sehr wichtig, Grenzen zu setzen", sagt er. Speziell bei der psychisch belastenden Arbeit mit Geflüchteten, die Schweres hinter sich und harte Lebensbedingungen haben. Trotzdem ist für ihn klar: "Sich um Andere zu kümmern ist was Zentrales."

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Das ist bei ihm immer auch verbunden mit dem christlichen Glauben, mit dem er aufwuchs, den er aber für sich so undogmatisch, frei und angstlösend wie möglich wahrnehmen will. In vielen seiner Texte geht es darum, und generell um "Spiritualität" und Krisenverarbeitung. Er selbst hat früh Krisen erlebt, zum ersten Mal nach dem Abi – das er nach einem Umzug im bayerisch-schwäbischen Illertissen machte –, als er 2007 für ein freiwilliges soziales Jahr nach Südafrika ging. "Das war ein zu großer Schritt für mich", sagt er im Nachhinein. An einer Schule für Kinder mit körperlichen und geistigen Behinderungen war er mit nur einem anderen Freiwilligen für die Nachmittagsbetreuung von 130 Schülern zuständig.

Die Herausforderung war umso größer, weil er sich als extrem ehrgeizig wahrnimmt. Irgendwann wurden ihm seine hohen Ansprüche und die Überforderung zum Verhängnis – nach zehn Monaten brach er ab. Als er wieder bei seiner Familie war, probierte er verschiedene Praktika aus. Von 2009 bis 2014 studierte er Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule, so kam er nach Freiburg.

Während der Krisen fand er zum Schreiben: Zuerst, als er Erfahrungsberichte aus Südafrika schrieb, dann – davon losgelöst – als Ventil, zum Hinterfragen. Er nahm an Poetry Slams teil, schrieb Rap-Texte und irgendwann bevorzugt Vierzeiler, und bei der Lesebühne Karlsruhe lernte er Florian Arleth kennen, einen der Gründer des "Brot-und-Kunst-Verlags".

Seine Themen: "Nachdenkliches, Philosophisches, Glaube, seelische Gesundheit." Neben seinem 75-Prozent-Job als Sozialarbeiter und den Gedichten hat Simon Felix Geiger im November auch noch eine Ausbildung zum "personenzentrierten Berater" bei der Gesellschaft für personenzentrierte Psychotherapie und Beratung begonnen. Und er hat geheiratet, seine Frau hatte er im Sozialarbeit-Studium kennengelernt.

Freitag, 17. März, 19.30 Uhr: "Ganzendent", Grafik, Gedichte und Gesang mit Simon Felix Geiger (Lyrik), Adél Kovacs-Ehret (Grafik) und Lisa Gruber (Gesang) im Café Satz, Guntramstraße 57. Adél Kovacs-Ehret hat zu Geigers Lyrikband Illustrationen gezeichnet, und Lisa Gruber engagiert sich als Lobpreissängerin in Gottesdiensten. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erbeten.

Autor: Anja Bochtler