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02. September 2011

Gentrifizierung Merzhauser Straße: Schwierige Veränderungen

Im Quartier westlich der Merzhauser Straße werden Wohnungen saniert und teuer verkauft.

  1. Neu auch die Zäune Foto: Ingo Schneider

Der Hinterhof der Langemarckstraße 90. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Unterm Baum stehen Tisch und Stühle, daneben trocknet Wäsche. Alles ist offen und für alle da. "Hier bei uns ist richtig Leben", sagt Ingo Leistner. "So war’s früher überall." Die Häuser der Langemarckstraße 90, 92, 94 und 96 und der Gorch-Fork-Straße 1 bis 3 sind die Letzten ihrer Art. Inseln im Quartier westlich der Merzhauser Straße, wo die Südwestdeutsche Bauunion fast alle Wohnungen gekauft hat. Jetzt wird alles schicker und teurer: Gentrifizierung in Freiburg.

Die typischen Geräusche rund um die Langemarckstraße? Rufe von Bauarbeitern, Bohren, Hämmern. Fast überall wird saniert und gewerkelt. Davon abgesehen ist es ruhig, Menschen sind kaum zu sehen. Die Häuser mit den frisch gestrichenen knallig roten oder orangefarbenen Fassaden wirken größtenteils noch unbewohnt. Sie stehen im Kontrast zu den verträumt-verblichen-verwitterten Wänden in der Langemarckstraße 90, dem Zuhause von Ingo Leistner, und den anderen übrig gebliebenen Inseln, die zurzeit noch der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) gehören. Überall drum herum wurden aus früher gemeinsam genutzten Grünflächen Parkplätze, Spielplätze wurden aufs rechtlich festgelegte Mindestmaß verkleinert, die neuen Vorgärten sind eingezäunt. Mittlerweile fest zum Straßenbild gehören die Gitter, die eine Nutzung der Balkone verhindern – entweder weil dort noch niemand wohne oder weil die Mieter den Aufschlag für zehn zusätzliche Quadratmeter Balkonfläche nicht bezahlen wollen, sagt Uwe Kleiner, der Geschäftsführer der Südwestdeutschen Bauunion. Er betont gern, dass alle Veränderungen den Wünschen der neuen Bewohner entsprechen, die nun oft auch ihre neuen Besitzer sind. Das Geschäft laufe gut: "Alle fertig sanierten Wohnungen sind verkauft."

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Manchmal fahren inzwischen dicke Autos durch die Straßen, sagt Ingo Leistner, solche wie es hier früher nie gab. Vermutlich gehören sie Wohnungsinteressenten, die einen Besichtigungstermin haben. Da fragt er sich: "Gehörst du hierher?" Das soll nicht feindlich klingen, sagt er schnell: "Wir haben nichts gegen die Leute." Doch er findet, sie sollen die Zukunft im Quartier nicht allein bestimmen.
Das "Heldenviertel" genannte Quartier hatte lange

einen abenteuerlichen Ruf.

Wenn Geert Rehnig in seiner Wohnung in der Admiral-Spee-Straße 3 aus dem Fenster schaut, sieht er nur noch ab und zu Kinder auf dem Stück Wiese, das jahrelang als Treffpunkt genutzt wurde. Zwischen dem Sandkasten, einer Schaukel und einer Bank liegt neuerdings viel Müll herum. Im Haus gegenüber gehen Bauarbeiter ein und aus. Hier ist überall Baugebiet, offiziell darf dort nicht mehr gespielt werden. Auf der Wiese soll bald ein neues Haus entstehen. Geert Rehnig hat sehr unterschiedliche Zeiten erlebt, seit er 2003 in seine Wohnung gezogen ist – er hat einen privaten Vermieter, der nichts mit der Südwestdeutschen Bauunion zu tun hat. Lange hatte das einst "Heldenviertel" genannte Quartier einen abenteuerlichen Ruf. "Anfangs war’s wild", erzählt Geert Rehnig, "die Polizei kam mindestens einmal am Tag." Durch das Engagement von Sozialarbeitern, Polizei und Mietern habe sich die Lage entspannt. Auch er selbst ist einer der Engagierten, die mitmischen, in der Bewohnerinitiative und als stellvertretender Vorsitzender des Quartiersrats.

Daneben fand noch das statt, was Ingo Leistner "ungeplante Befriedung" nennt: Vor allem in die Häuser der LBBW zogen immer mehr junge Familien ein. Leute wie er, der mit Partnerin und zwei kleinen Kindern in einer Vierzimmerwohnung lebt. Es sei jahrelang normal gewesen, dass sich Kinder aus privilegierteren und weniger privilegierten Familien draußen trafen, miteinander spielten – und die sozial Benachteiligten auch mal von den Eltern der anderen "miterzogen" wurden. Diese Atmosphäre gefiel Mirvete Cakoli sehr gut. Seit 13 Jahren lebt sie mit ihrer Familie in der Gallwitzstraße. Unter den Frauen, die sie auf dem Spielplatz oder beim Grillen traf, war sie früher mit ihren zwei Kindern eine Rarität: Die meisten anderen – von denen viele aus dem Libanon stammten – hatten mindestens fünf. Bevor die einst städtischen Wohnungen verkauft wurden, hat Mirvete Cakoli Unterschriften gegen die Pläne gesammelt, denn ihr war von Anfang an klar: "Wer die Häuser kauft, will daran verdienen." Später hat sie zwei Prozesse gegen die Mieterhöhungen der Südwestdeutschen Bauunion gewonnen. Und dann kam die überraschende Wende, als sie und ihr Mann ihre Wohnung kauften. Sie fühlen sich wohl hier, wollen bleiben. Und obwohl sie die offene Atmosphäre früher gut fand, genießt Mirvete Cakoli jetzt auch die neuen Entwicklungen: "Es ist viel ruhiger, das hat Vorteile."

Es ist nicht leicht, mit Wohnungsbesitzern ins Gespräch zu kommen: Zwei Familien, die Wohnungen gekauft haben, wollen sich lieber nicht äußern – die ständigen Diskussionen hinterlassen Spuren. Ingo Leistner ist einer von denen, die dafür kämpfen, dass nicht irgendwann nur noch Menschen im Quartier leben, die es sich leisten können, Wohnungen zu kaufen oder hohe Mieten zu bezahlen. Darum will die "Mieterinitiative Langemarckstraße 90-96 und Gorch Fock 1-3" mit Unterstützung des Mietshäuser-Syndikats die LBBW-Häuser mit insgesamt 44 Wohnungen kaufen und genossenschaftlich verwalten. Doch die Lage ist schwierig, auch, weil die Zeit drängt: Die LBBW muss ihre landesweit 20 000 Wohnungen im Jahr 2012 komplett verkaufen. Die Mieterinitiative schlägt vor, dass die Stadt mit einem Vorverkaufsrecht die Wohnungen erwirbt und dann der Initiative verkauft. Dieses Vorverkaufsrecht müsste aber erst mit einer Satzung begründet werden – und auch das nötige Geld müsste zur Verfügung stehen, sagt der städtische Pressesprecher Toni Klein. Die Stadtverwaltung schätzt auch ihre sonstigen Chancen gering ein, die derzeitige Entwicklung im Quartier zu beeinflussen: Änderungen des Bebauungsplans oder der Erlass von Erhaltungssatzungen, die Vorgaben bei Modernisierungen machen, seien kaum mehr möglich.

Doch seit einiger Zeit regt sich immer mehr Unmut gegen den Wandel des Quartiers, den die Südwestdeutsche Bauunion zum Werbeslogan erhoben hat: "Ein Quartier verändert sich!" 916 Menschen im Stadtteil unterschrieben einen Appell, Stadträte von CDU, SPD, Grünen und Unabhängigen Listen einen interfraktionellen Brief an Baubürgermeister Martin Haag. Uwe Kleiner versteht die Diskussionen nicht: "Wo ist das Problem?" Problematisch sei höchstens die Freiburger Politik, die nicht dafür sorge, dass es genügend Wohnungen gebe. Er nutzt den Engpass und steht dazu. Wer die erhöhten Mieten nicht bezahlen könne, solle Wohngeld beantragen.

Autor: Anja Bochtler (Text) und Ingo Schneider (Fotos)