Gerhard Preiß ist Didaktiker und will Kinder für Zahlen begeistern

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Sa, 04. Juni 2016

Freiburg

Keine Angst vor der Mathematik: Wenn Gerhard Preiß aus seinem Leben erzählt, dreht sich alles um Zahlen.

Es wimmelt von Zahlen in der Welt des Professors Gerhard Preiß: Da sind zum Beispiel die zwölf Kilometer, die er als Kind neun Jahre lang täglich mit dem Fahrrad von seinem Wohnort zum Gymnasium in Waldshut zurücklegte. Vergangenes Jahr ist er 80 geworden, seit 50 Jahren ist er verheiratet.

Wenn er aus seinem Leben erzählt, dreht sich alles um die Zahlen. Kein Wunder: An 5000 Kitas in Deutschland wird mit dem von ihm entwickelten "Zahlenland" gearbeitet. Von Afrika über Alaska bis zu den Azoren habe es sich herumgesprochen. Dabei hat der Mathematik-Didaktiker erst nach seiner Emeritierung an der Pädagogischen Hochschule Freiburg so richtig damit losgelegt. Mit 67 ist er zum Unternehmer geworden und hat – mit Tochter Gabi Preiß – eine Firma gegründet, die Fortbildungen und Vorträge für das pädagogische Personal organisiert und die Zahlenland-Materialien einschließlich der von Gerhard Preiß selbst verfassten Kinderbücher vertreibt. (An diesem Wochenende kommen die 30 Referenten aus ganz Deutschland zu ihrem Jahrestreffen in Freiburg zusammen.)

Sein Arbeitszimmer unterm Dach seines Hauses in Kirchzarten kündet davon, dass er selbst sich noch längst nicht zur Ruhe gesetzt hat. Gerade erst hat er an der Uni Hildesheim einen Vortrag gehalten über die frühkindliche mathematische Bildung und erstaunt festgestellt, dass der Großteil der Professorenkollegen junge Frauen waren. Schwappt die Liebe zu den Zahlen womöglich sogar auf das weibliche Geschlecht über?

Der 81-Jährige findet es nicht übertrieben, wenn man ihm ein emotionales Verhältnis zu den Zahlen unterstellt. "Alles mit Zahlen ist mir mühelos zugeflogen, wo andere große Schwierigkeiten hatten", erinnert er sich. Sein großes Anliegen: Kindern die Angst vor der Mathematik nehmen. Denn "Angst lähmt und verhindert die Zuwendung". Um schon die Kleinen "freundlich" für die Zahlen zu stimmen, hat er Teppichfliesen mit Ziffern bemalt und sie zu einem begehbaren Zahlenweg zusammengesetzt. Er baut Häuser für die Zahlen und reist mit den Kindern in Zahlenländer, die sie sich in Rollenspielen, mit Rätseln, Liedern und Geschichten erschließen. "Die Kinder müssen dabei was erleben. Wir müssen die Lebenswelt der Kinder in die frühe mathematische Bildung einbeziehen."

Zupass kamen ihm in den 80er-Jahren die Erkenntnisse der Hirnforschung: Im Zusammenspiel von Sprache, Bewegung und guten Gefühlen sollten die Zahlen in neuen neuronalen Netzwerken im Kopf der Kinder positiv verankert werden. Zweimal ein Jahr lang hat er mit einer Gruppe von geistig behinderten Kindern gearbeitet und die Lernprozesse beobachtet. "Einfach nur zählen üben bleibt äußerlich." Die Ergebnisse der Pisastudie 2001 haben den Zahlenland-Professor in die Aufmerksamkeit der Medien katapultiert: "Plötzlich war die mathematische Bildung ein Thema." In seinem Arbeitszimmer findet sich noch ein "Spiegel" von 2002. "Kindgerechter kann Zahlenlehre nicht sein", bescheinigte ihm eine Reporterin.

Auf Umwegen zur Pädagogik

Erst auf Umwegen hat der inzwischen fünffache Großvater zur Pädagogik gefunden. Am Berufswunsch Forstwissenschaftler hinderte ihn eine leichte Farbenblindheit. Er wich aus auf Mathematik und Physik an der Uni Freiburg. Schon nach dem Vordiplom warb ihn ein Gymnasium in Davos wegen gravierenden Lehrermangels vertretungsweise in den Schuldienst ab. "Als 22-Jähriger musste ich von einem Tag auf den anderen ohne didaktisch-pädagogische Vorbildung 28 Wochenstunden Mathematik unterrichten." Man hätte ihn gerne behalten, aber er beendete sein Studium in Freiburg. In Davos aber hatte er erfahren: "Der Lehrerberuf war richtig für mich." Am Kepler-Gymnasium holte er sein Referendariat nach.

Aus dem beschaulichen Davos hatte es ihn dann in das 68er-bewegte Freiburg verschlagen, dem er mit Sympathie begegnete, ohne die Gewalt und ideologischen Ausschweifungen gut zu heißen. Seine Kriegs- und Nachkriegserfahrungen hatten Gerhard Preiß gelehrt: "Deutschland hatte Nachholbedarf in aktiver Demokratie."

Eine Haltung, die sich auch in seiner Zahlenland-Pädagogik niederschlägt: "Offen arbeiten, andere einbeziehen, Respekt vor der Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes haben – auch wenn es nichts mit Zahlen zu tun haben will."