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18. Mai 2011

Großvater oder Tante nach Wunsch

Das neue Netzwerk "Wahlverwandtschaften" will keinen Familienersatz, aber einen familiären Kontakt bieten / Treffen am Sonntag.

  1. Hanne Oesterle Foto: Ingo Schneider

  2. „Wahlverwandtschaften“ will ein neues Freiburger Netzwerk auf die Beine helfen. Foto: Ingo Schneider

Die Entwicklung zur Kleinfamilie, die beruflich geforderte Beweglichkeit, der Tod von Eltern, Partnern und Kindern, die weltweiten Möglichkeiten zu arbeiten und zu studieren, Scheidungen und Trennungen – all das hinterlässt Lücken, Menschen fehlen. Weil Familien mit ihrem Zusammenhalt immer öfter nicht mehr zur Verfügung stehen, soll nun in Freiburg ein Netzwerk von "Wahlverwandtschaften" entstehen.

"Der Bedarf ist da", sagt Hanne Oesterle, "jetzt geht es darum, dass sich die Menschen finden." Wahlweise als Mutter und Vater, Onkel und Tante, Schwägerin und Schwager, Bruder und Schwester, Tochter und Sohn, Großmutter und Großvater, verschiedene Generationen von Erwachsenen eben. Denn auf keinen Fall will das Projekt mit einer Partnervermittlung verwechselt werden. Und vor allem: "Das Netzwerk soll kein Familienersatz werden, sondern dem Wunsch nach einer Art familiärem Kontakt gerecht werden", erklärt die Theologin und Therapeutin.

Gerade als Trauerbegleiterin macht sie häufig die Erfahrung: In der Not ist die Familie weit weg, oder es gibt keinen Kontakt mehr zu ihr. Gleichzeitig wünschten sich auch junge Leute Wahl-Großeltern oder -Eltern, die sie gern fragen würden zu Haushalt, Kindererziehung, Berufsentscheidung, Partnerproblemen. Hanne Oesterle: "Da gibt es Bedürfnisse nach Vertrautheit und stetiger Verlässlichkeit, die von Freundschaften nicht erfüllt werden." Also dachte sie sich, da müssten eigentlich Wahlverwandtschaften gefördert werden. Und fand just unter diesem Begriff einen 2009 gegründeten gemeinnützigen Verein in Mönchengladbach. So entsteht nun in Freiburg die bundesweit vierte Arbeitsgruppe dieses Vereins, eigenständig und ehrenamtlich.

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Finden sollen sich die Wahl-Verwandten über ein Internetportal oder bei Treffen. Das erste findet in Freiburg am Sonntag statt. Ob sich daraus enge Beziehungen zwischen Erwachsenen entwickeln, ob es ein eher distanziertes Begleiten wird, lässt Hanne Oesterle offen. Nur langfristig, verlässlich und wechselseitig sollen die Wahlverwandtschaften sein für jene, die eine nicht vorhandene Familie als Mangel empfinden. Wobei die Mitbegründerin der Arbeitsgruppe Wert darauf legt: Es sind nicht etwa bedürftige Leute, die da zusammenkommen – sie mögen zwar vereinsamt sein, hätten aber ganz viel Wärme. "Wenn dieser Reichtum ein Gegenüber hat, werden die Menschen lebendiger und wieder fähig, sich auch sozial und politisch zu engagieren."

Darüber hinaus sieht Hanne Oesterle in den Wahlverwandtschaften für Menschen aus aller Welt einen hilfreichen Beitrag zur Integration. "Es ist was Beidseitiges, ohne eine Konkurrenz zur Herkunftsfamilie zu sein." Und nicht zuletzt, hofft sie, könne das Freiburger Netzwerk auch zu einer Enttabuisierung beitragen, indem die Wahl-Verwandten zu ihren empfundenen Defiziten stehen können und anderen nicht länger eine heile Welt vorgaukeln müssen.

Erstes Treffen der Freiburger Wahlverwandtschaften ist am Sonntag, 22. Mai, im Theatersaal der Volkshochschule, Rotteckring 15; Folgetreffen sind geplant. Kontakt: http://www.wahlverwandtschaften.org oder E-Mail wahlverwandtschaften-freiburg@web.de

Autor: Gerhard M. Kirk