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05. September 2011

Hauptsache exotisch

Neue Studie zu den "Völkerschauen" Ende des 19. Jahrhunderts.

  1. Manuel Armbruster Foto: Schneider

  2. Anzeige aus der Freiburger Zeitung von 1888 privat Foto: weismannicht

Hauptsache exotisch: "Teufelstänzer, Zauberer und Schlangenbeschwörer" waren dabei – und Elefanten. Die 22-köpfige "Singhalesen-Karawane" sollte der Freiburger Bevölkerung im Frühling 1888 angeblich einen Eindruck vom Leben in Ceylon vermitteln. In Wirklichkeit bekräftigte die Show Klischees, genau wie "Völkerschauen". Mindestens vier – je nach Definition auch sechs – fanden zwischen 1875 und 1914 in Freiburg statt, hat der Student Manuel Armbruster erforscht.

Es war eine Menge Arbeit. Zwei Stunden brauchte Manuel Armbruster (28), um jeweils ein Jahr in einer Zeitung zu überfliegen. Dabei beschränkte er sich auf die Wochen der Frühjahrs- und Herbstmesse – denn es war üblich, dass "Völkerschauen" auf Jahrmärkten stattfanden. Akribisch durchforschte er die Jahrgänge der "Freiburger Zeitung", der "Breisgauer Zeitung", Kirchenzeitungen, Polizeiakten und andere Dokumente aus der Zeit von 1875 bis 1914 nach Hinweisen.

In der Fachliteratur zu "Völkerschauen" wird Freiburg nicht erwähnt. Und so nutzte Manuel Armbruster, der Politikwissenschaften, Philosophie und öffentliches Recht studiert, ein dreimonatiges Praktikum beim Projekt "Freiburg postkolonial" zum Recherchieren. Neben der "Singhalesen-Karawane" zählt er Darbietungen von "Congo-Negern" aus Kamerun im Jahr 1885, die "Truppe der wilden Dahomey-Weiber" 1900 und ein "Senegalesen-Dorf" aus Westafrika im Jahr 1910 zu den Freiburger "Völkerschauen" im engeren Sinn. Eine "Congo-Neger-Schau" 1894 und die "Original-Basuto-Neger-Krieger" 1907 ordnet er eher Schaubuden-Veranstaltungen zu. Denn "Völkerschauen" setzten zumindest vordergründig auf Bildung. Nachgestellte Verrichtungen, im Fall der "Singhalesen-Karawane" das Arbeiten mit Elefanten, oder beim "Senegalesen-Dorf" auf dem Stühlinger Kirchplatz ein künstlich geschaffenes Dorf – bestehend aus 35 Bewohnern mitsamt Schule und Moschee – sollten den Alltag der Menschen in fernen Länder näher bringen. In der "Congo-Neger-Schau" dagegen tanzten "Congo-Neger", die vorher angeblich "jahrelang in der Sklaverei" gelebt hatten, spektakulär auf glühenden Eisenplatten oder bestrichen ihre Körper mit glühendem Eisen.

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Klar aber ist, betont Manuel Armbruster: Auch die sich seriös gebenden "Völkerschauen" setzten immer auf die voyeuristischen Bedürfnisse des Publikums. Wer wollte, konnte 1885 für 25 Pfennig Eintritt im Lager der "Congo-Neger" Menschen bei Alltagsverrichtungen beobachten. Meist waren sie – passend zu ihrer "Exotik" – leicht bekleidet, teilweise wurden auch damals tabuisierte Vorgänge wie das Stillen von Kleinkindern vorgeführt. Bei der Amazonenschau der "wilden Dahomey-Weiber" war die erotische Komponente ohnehin klar. Gespräche mit den Darstellern waren nicht vorgesehen, am liebsten war den Organisatoren, wenn keine Verständigung möglich war, sagt Manuel Armbruster – das verstärkte den Anschein der Authentizität.

Von den Menschen, die sich in anderen Kontinenten von Agenten für die Beteiligung an "Völkerschauen" anwerben ließen, ist wenig bekannt. Sie schlossen Verträge ab, manche kamen mehrmals, viele nur für eine Saison. Der bekannteste Veranstalter war Carl Hagenbeck, der von Hamburg aus "Carl Hagenbecks Internationale Circus- und Singhalesen-Karawane" auf Tournee schickte – unter anderem nach Freiburg. Über den genauen Ablauf oder Reaktionen der Zuschauer in Freiburg fand Manuel Armbruster wenig. Doch er stieß auf Zeitungsberichte von Anthropologen, die sieben Teilnehmer der "Singhalesen-Karawane" ausgesucht und begutachtet hatten. Das makabere Ergebnis: Ihre "wohlgebildeten" Gesichter ließen nach Meinung der Wissenschaftler auf "intellektuelle Begabung" schließen.

Mehr Infos in Manuel Armbrusters Text auf http://www.freiburg-postkolonial.de

Autor: Anja Bochtler