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19. November 2016

Heitere Rabbinerin

LEUTE IN DER STADT: Diane Lakein betreut seit vier Jahren die liberale Gescher-Gemeinde.

  1. Diane Tiferet Lakein Foto: Kunz

Etwa 70 Gemeindemitglieder zählt die liberale jüdische Gemeinde Chawurah Gescher in Freiburg. Die angehende Rabbinerin Diane Tiferet Lakein betreut seit fast vier Jahren diese rührige Gemeinde seelsorgerisch und begleitet sie in religiösen Dingen. Bis sie im Januar 2017 als Rabbinerin ordiniert wird, tut sie all dieses unter den Fittichen einer versierten Mentorin: Elisa Klapheck, Professorin und Rabbinerin einer jüdischen Gemeinde in Frankfurt.

Diane Lakein vermittelt im Gespräch ein feines Gemisch von Heiterkeit und Ernsthaftigkeit. Die 50-jährige Rabbinatsstudentin spricht mit großer Klarheit von ihrem bewegten Leben, von ihren Fragen und Überzeugungen und das – nach vielen Jahren in Deutschland – fast ohne hörbaren Akzent. Geboren in San Francisco verbrachte sie als Kind mit ihrer Familie sechs Jahre in Stockholm und besuchte dort eine jüdische Schule, studierte später in Princeton Sinologie und internationale Politik – ein Jahr lang war sie Studentin in Beijing. "In meiner Person sind Multikulti und Mehrsprachigkeit von klein auf enthalten", sagt Diane Lakein, "das verpflichtet."

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Offenheit und Gleichberechtigung

Und in ihrer jüdischen Familie begegnete ihr von klein auf nahezu das gesamte Spektrum der im Judentum vertretenen Strömungen: "Von atheistischen Verwandten bis hin zu ultraorthodoxen Chabad-Anhängern ist da alles vertreten." Sie selbst wuchs in einer traditionell ausgerichteten Familie auf, – die Stockholmer Gemeinde war nur insofern liberal, als es in der Synagoge eine Orgel gab, aber die Frauen und Mädchen saßen nicht unten bei den Männern, sondern wie auch in orthodoxen jüdischen Synagogen separat oben auf der Empore. Just während ihrer Stockholmer Zeit lag dort aber Veränderung in der Luft. Sie selber machte sich dafür stark, als Mädchen unten bleiben und die Lesung zu hören dürfen. "Manche nannten mich eine Pionierin", erzählt Diane Lakein, "ich habe das nicht so empfunden, aber dass da ein Prozess in Gang kam, ist richtig." Heute hat auch diese Gemeinde eine Rabbinerin.

Auf ihrem eigenen Lebensweg war Diane Lakein lange weit entfernt von einer rabbinischen Laufbahn. Im Anschluss an ihren ersten Studienabschluss begann sie ein Doktorstudium in Ethnologie und Geschichte, mit einem DAAD-Stipendium kam sie für die Recherche nach Deutschland. Das war 1994, die Nachwendezeit: "Mich hat interessiert, wie geht man in Deutschland mit rassistischen Übergriffen wie in Hoyerswerda um? Was tut eine antirassistische Bewegung?" Gegen etwas zu sein, kam ihr nicht als ausreichende Antwort vor: "Ich habe eine andere Sprache gesucht." Sie entfernte sich vom akademischen Diskurs und machte sich auf die Suche. "So", sagt sie schlicht, "bin ich zu Gott gekommen."

Fünf Jahre war sie in Berlin geblieben, hatte in der Zeit auch ganz "weltlich" eine Familie gegründet, die dann nach Köln umzog. Um ihren Kindern ein positives jüdisches Bild zu vermitteln, begann sie dort in einer liberalen Gemeinde Familiengottesdienste zu geben. Mit über 30 Jahren wurde sie dort zum ersten Mal im Leben zum Tora-Lesen aufgerufen. Die Segensworte vor und nach der Lesung hatte sie als Kind schon gelernt – und nie sagen dürfen. Seit 2008 absolviert die – inzwischen nach einem weiteren Studium auch examinierte Religionslehrerin – berufsbegleitend ihr Rabbinatsstudium bei der Alliance for Jewish Renewal. Mit ihr schließen vier Frauen dort im kommenden Januar ihr Studium ab. In manchen Jahren sind’s mehr Männer, sagt sie.

Auch als ordinierte Rabbinerin wird Diane Lakein weiter zwischen ihrem Zuhause in Bonn und ihrer Gemeinde in Freiburg pendeln. Die liberale Richtung des Judentums ist in ihrer Offenheit und mit dem klaren Bekenntnis zur Gleichberechtigung ihre jüdische Heimat. Gegen andere Strömungen setzt sie sich nicht ab: "Ich verstehe mich als zugehörig zur Klal Israel, der offenen, jüdischen Gemeinschaft, die alle Juden einschließt. Jede Strömung im Judentum hat ihre Geschichte und auch ihre Berechtigung."

Sehr viel erklären die 35 Grundsätze der Union Progressiver Juden. Sie stehen auf: http://www.liberale-juden.de

liberaler Gescher

Die Liberale Jüdische Gemeinde Chawurah Gescher in Freiburg bietet unter anderem Lese- und Filmkreise zu jüdischen Themen und einen Chor mit hebräischem Liedrepertoire. Kontakt: kultur@gescher-freiburg.de.
Regelmäßige Seminare, Konzerte, Veranstaltungen und Gottesdienste können nach Voranmeldung auch von Gästen besucht werden, wie am 9. Dezember, um 18.30 Uhr die Kabbalat Schabbat, und das Chanukka-Fest am 25. Dezember. Mehr Infos und Kontakt: http://www.gescher-freiburg.de
vorstand@gescher-freiburg.de  

Autor: lit

Autor: Julia Littmann