Forschung

Herero-Schädel: Anthropologin hilft Uni Freiburg bei Inventur eines düsteren Erbes

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Fr, 25. November 2011

Freiburg

BZ-PORTRÄT:Die Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen hilft der Universität Freiburg bei der Inventur eines düsteren Erbes.

FREIBURG. Kann man bei alten Knochen ins Schwärmen geraten? Ursula Wittwer-Backofen kann es. Seit zehn Jahren ist sie Professorin für Anthropologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Freiburg. Eines ihrer Spezialgebiete sind Schädel – und das hat sie in brisante Auseinandersetzungen hineingezogen. Sie betreut die Schädelsammlung des Uni-Archivs. Etliche der dort gelagerten 1370 Schädel sind, wie das offiziell heißt, "ethisch problematisch", ein Erbe deutscher Kolonialverbrechen. Am Donnerstag hat die Universität angekündigt, im Frühling erstmals 14 Herero-Schädel an Namibia zurückzugeben. Ursula Wittwer-Backofen ist froh darüber: Ein vernachlässigtes Forschungsfeld gerät in Bewegung.

Die gebürtige Essenerin, Jahrgang 1957, ist Wissenschaftlerin aus Passion – begeistert von ihrem Fach, stets auf der Suche nach guten Bedingungen fürs Forschen und mit einem Faible für Exaktheit, auch in vermeintlichen Nebensächlichkeiten. Erst wollte sie Lehrerin für Biologie und Chemie werden. Dann kam die Wende, ein Job in den Semesterferien: Die 20-Jährige musste Knochen waschen. Das, sagt sie später, war ihre Einstiegsdroge für die Anthropologie. Skelette, die süchtig machen? Ja, denn sie sagen so viel: über das Alter eines Menschen, wie er gelebt und gearbeitet hat, über Krankheiten und Hygienestandards.

Die Spezialisierung auf Schädel war dagegen eher Zufall. Ursula Wittwer-Backofen wurde immer öfter mit forensischen Untersuchungen beauftragt. Mit computertomografischen Messungen oder DNA-Analysen klärt sie die Identität von unbekannten Toten, sogar einen vermeintlichen Friedrich-Schiller-Schädel hat sie einst geprüft – es war nicht der echte. Ihre Töchter, 19 und 21 Jahre alt, halfen als Kinder beim Sortieren, kannten nie Ekel beim Hantieren mit Knochen.

Bis vor einigen Jahren konnte Ursula Wittwer-Backofen ungestört so forschen, konzentriert, penibel, neugierig. Dann aber wurde sie als Wissenschaftlerin mit ethischen Fragen konfrontiert: Niemand weiß, wie viele der Stücke in der Freiburger Schädelsammlung als "problematisch" gelten, die Dokumentation ist dürftig, vieles ging während der Weltkriege verloren. Wahrscheinlich lagern in den Regalen neben Schädeln australischer Aborigines und namibischer Herero, mit deren Identifizierung inzwischen begonnen wurde, auch Überreste nordamerikanischer Indianer. Nur bei zwei Dritteln der Schädel wird angenommen, dass sie aus Europa stammen und moralisch unbedenklich sind.

Bei Namibia sind die deutschen Verstrickungen besonders makaber: Zehntausende Herero und Nama wurden Anfang des 20. Jahrhunderts von deutschen Kolonialtruppen ermordet. Wie viele ihrer Überreste wurden für Forschungszwecke nach Deutschland gebracht? Und wie viele landeten in Freiburg? Dort leitete von 1918 an Eugen Fischer die Alexander-Ecker-Sammlung – er war Lehrstuhlinhaber für Anatomie, später "Rassenhygieniker" im Nationalsozialismus, und wechselte 1927 nach Berlin.

Ein Jahrhundert nach dem Kolonialismus ist klar: Solange die Herkunft nicht ermittelt ist, darf mit einem Schädel nicht weiter geforscht werden. Das bindet die Forschung, moralisch, aber auch wissenschaftlich. Die Freiburger Sammlung, die 1857 durch Alexander Ecker angelegt wurde, könne erst wieder von Anthropologen genutzt werden, wenn feststeht, dass alle Bestände rechtmäßig erworben wurden, betont Ursula Wittwer-Backofen – mit der Leidenschaft einer Wissenschaftlerin, die Forschung ermöglichen will. Sie ist pragmatisch genug, zuzugeben, dass sich dafür schwer Geld locker machen lässt. In die Untersuchung der 19 Schädel hat die Uni hunderttausend Euro investiert, an Drittmittel von außen zu kommen ist mühsam. Andere Themen laufen sehr viel besser, sagt die Anthropologin, zum Beispiel die Erforschung von Sesshaftwerdung, Krankheiten, Bevölkerungswandel. Und wer im Wissenschaftsbetrieb nicht untergehen will, stellt dort Anträge, wo die Chancen gut sind.

Aber wo bleibt die Auseinandersetzung der Wissenschaft mit ihrer problematischen Geschichte? Warum kommt nur etwas in Gang, wenn der Druck wächst? Das prangern Kritiker wie der Freiburger Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann an. Ursula Wittwer-Backofen fühlt sich dadurch, sagt sie, nicht persönlich angegriffen, im Gegenteil: Sie begrüßt das steigende Interesse – besonders von der namibischen Regierung, die mit ihrer Rückgabeforderung an die Freiburger Universität die Untersuchung der 19 Schädel in Gang gebracht hatte.

Hoffnung setzt die Forscherin auf einheitliche Standards zum Umgang mit menschlichen Überresten, Standards, an denen hier gearbeitet wird und die es in England oder den USA längst gibt. Aus der politischen Ebene hält sie sich heraus. Sich für ihre wissenschaftlichen Vorgänger zu entschuldigen, ist für sie selbstverständlich. Ob aber die Bundesrepublik sich zu noch einer Entschuldigung durchringen wird, das ist nicht ihr Problem.