Themenabend

Hermann Staudinger: Pazifist, Nazi, Judenbeschützer, Antisemit?

Frank Zimmermann

Von Frank Zimmermann

Fr, 07. April 2017

Freiburg

Im Zuge der Debatte um die Umbenennung von Straßennamen ist auch der Freiburger Nobelpreisträger Hermann Staudinger in den Fokus gerückt. In der Staudinger-Schule gab es am Dienstag eine spannende Podiumsdiskussion mit Experten und Schülern.

Nach ihm ist nicht nur eine Straße in Haslach benannt, die mit einem Hinweisschild auf seine problematischen Facetten – etwa seine antisemitischen Äußerungen – versehen werden soll, sondern auch die Gesamtschule im selben Stadtteil.

Als im vergangenen Herbst die von der Stadt beauftragte Expertenkommission die Ergebnisse ihrer vierjährigen Forschungen vorstellte, wurde auch intensiv über den Makromolekular-Chemiker Hermann Staudinger diskutiert. Wunsch der Kommission und von Oberbürgermeister Dieter Salomon war, dass die Staudinger-Schüler in die Debatte miteinbezogen werde, "damit ihnen die Komplexität bewusst werde und sie sehen, dass es mit Schwarz-Weiß-Bewertungen nicht getan ist", so der Kommissionsvorsitzende Bernd Martin. In den vergangenen Monaten hat sich der Oberstufenkurs von Geschichtslehrer André Schulz intensiv mit dem Namensgeber der Schule befasst – und nun zu einem Themenabend geladen; rund 50 Besucher, darunter relativ wenige Schüler, kamen.

Zu Gast auf dem Podium war neben dem Historiker Bernd Martin und der ehemaligen Elternbeiratsvorsitzenden und SPD-Stadträtin Renate Kiefer der Staudinger-Experte Claus Priesner von der Ludwig-Maxmilians-Universität München. Der Wissenschaftshistoriker hat Staudingers Nachlass katalogisiert und ausgewertet. Für ihn war klar: Staudinger war kein Antisemit, sondern handelte unter dem Druck der Machthaber – Staudinger musste im März 1934 ein undatiertes Entlassungsschreiben unterzeichnen, damit hatten die Nazis ihn in der Hand.

Martin versuchte, ein differenziertes Bild zu zeichnen: "Die Sachlage ist viel komplexer, sonst würden wir hier nicht sitzen." Selbst wenn man alles, was von und über Staudinger geschrieben und gesagt wurde, berücksichtige, ende man in "einer Aporie, einer Ausweglosigkeit": "Wir können nicht den Stab über ihn brechen, aber ihn auch nicht entlasten." So sind da einerseits jüdische und "halbjüdische" Wissenschaftler, die sich zugunsten von Staudinger äußerten, weil der sie geschützt habe. Andererseits gibt es antijüdische Aussagen Staudingers, etwa ein Schreiben von 1942, als er sich in Berlin auf dem Höhepunkt der Judenverfolgung beklagte, dass zu viele "Halbjuden" in seinem Institut arbeiteten. Was steckte hinter diesem ambivalenten Verhalten? Bloßer Opportunismus? Eine obskure Doppelstrategie? "Wir werden das nie herausfinden", sagte Martin.

Renate Kiefer glaubte, dass Staudinger gegenüber den Nazis "lieb Kind" gemacht habe, um beruflich etwas zu erreichen. "Er war höchst unzufrieden mit den Bedingungen im Institut." Auch Priesner fand: "Staudinger hat Mittel und Wege gesucht, um seine Forschungsinteressen möglichst rigoros umzusetzen." Kiefer fand aber auch: "Wenn ein Ergänzungsschild angebracht wird, dann gehört dort das Wort Pazifist drauf." Auch Priesner sah in Staudinger im Ersten Weltkrieg einen Gegner von Giftgaskrieg und einen Pazifisten: Dieser habe erkannt, dass es unmöglich sei, die USA zu besiegen. Martin konterte: "Ich wäre vorsichtig mit dem Wort Pazifist." Auch die Frage, ob Staudinger Nazi war, wollte er nicht mit einem klaren Nein beantworten. Immerhin habe Staudinger 1937 versucht, in die NSDAP einzutreten.

"Staudinger war menschlich nicht immer eine angenehme Erscheinung", so Martin. Er sei ungemein bedacht darauf gewesen, sein wissenschaftliches Licht gut leuchten zu lassen. In dieser Einschätzung stimmte er mit Priesner überein. "Er war eitel und total auf seine Forschungen fixiert." Für Kiefer war indes klar: "Staudinger hat keinem Juden persönlich geschadet." Vielmehr habe er einen wissenschaftlichen Streit mit jüdischen Kollegen gehabt, was ihn "verhärtet" habe: "Seine antisemitischen Äußerungen sind vor diesem Hintergrund zu sehen."

Priesner sagte: "Mir ist kein Dokument bekannt, dass eine Beteiligung Staudingers an Kampfstoffforschung belegt." Sein Ziel sei es gewesen, künstliche Polymere herzustellen, um den Rohstoffmangel im Krieg zu beseitigen. "Staudinger war wichtig für die nationalsozialistischen Machthaber, sonst wäre er sang- und klanglos von der Bildfläche verschwunden." Martin räumte ein, dass es zwar keine Belege für Staudingers Mitwirken an der Giftgasforschung gebe. Gleichwohl wies er darauf hin, dass nur 80 Kilometer von Freiburg entfernt, im KZ Natzweiler, in einer Versuchskammer Senfgas und Gegenmittel an Häftlingen aus Auschwitz getestet worden seien.

Priesners Fazit: Schule und Straße seien nicht in Frage zu stellen. Martins Urteil: "Wir sollten ruhig ein Ergänzungsstraßenschild machen, das in vorsichtiger Form auf die Komplexität hinweist." Die Schule könne es sich indes leisten, Staudinger als Naturwissenschaftler und Nobelpreisträger zu ehren.