Inklusion

Was der Behindertenbeirat fordert, damit Freiburg barrierefreier wird

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Do, 31. März 2016

Freiburg

Der Weg zu einer gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit und ohne Behinderung ist mühsam. Zwar gibt’s inzwischen den städtischen „Aktionsplan Inklusion“, der etappenweise Ziele anstrebt (die BZ berichtete). Doch das reiche nicht aus und funktioniere nicht reibungslos, kritisiert der Beirat für Menschen mit Behinderung.

Wer mit Handicap lebt, stößt überall auf Hindernisse. Zum Beispiel bei der zunehmenden Zahl von Baustellen, erläutert Daniela Schmid, die Vorsitzende des Beirats für Menschen mit Behinderung. Sie hat eine starke Sehbehinderung und weiß, wie wichtig kontrastreiche Markierungen, Gitterzäune und Bänder vor Baustellen sind. Doch die gibt’s selten. Für Blinde wären Tastkanten für den Blindenstock wichtig, für alle mit Gehbehinderungen glatte Übergänge, die mit Rollstuhl und Rollator kein Problem sind.

Der Beirat fordert, dass die barrierefreie Absicherung von Baustellen fest etabliert werden soll. Auf glatte Übergänge achte man bereits, soweit möglich, sagt dazu der städtische Pressesprecher Toni Klein. Über speziell ausgestattete Bauzäune und Bänder verfüge das Garten- und Tiefbauamt bisher nicht, es wolle die Anregung aber aufnehmen.

Ein Dauer-Ärgernis sind für Menschen mit Handicaps die zahlreichen Werbe-Aufsteller und Topfpflanzen, die in der Innenstadt zusätzlich zu Café-Tischen und Stühlen die Wege verstellen. "In der Gerberau zum Beispiel kommen Menschen mit Rollstuhl kaum durch, weil alles vollgestellt ist", kritisiert Daniela Schmid. Gegen die Lobby der Gastronomen und Händler sei schwer anzukommen: "Aber es gibt auch Menschen mit anderen Interessen, die dadurch eingeschränkt werden."

In Konstanz seien strengere Regeln für eine Begrenzung von Werbe-Aufstellern und anderen Hindernissen durchgesetzt worden gegen große Widerstände, das könne ein Vorbild sein für Freiburg. Wie sieht das die Stadtverwaltung? Das Thema sei eine unendliche Geschichte, sagt Toni Klein. Die Verwaltung müsse Kompromisse finden zwischen der Barrierefreiheit und den Interessen der Händler und Gastronomen, das sei wegen der oft sehr engen Gassen und der Bächle besonders schwer und werde jeweils vor Ort geklärt. In der Rathausgasse zwischen Rotteckring und Kaiser-Joseph-Straße seien Werbereiter bereits nicht mehr erlaubt.

Zäh ist auch der Weg zur Teilhabe beim öffentlichen Nahverkehr: Eigentlich müssten nach dem Personenbeförderungsgesetz alle 374 Bushaltestellen bis 2020 barrierefrei sein, sagt Daniela Schmid, bisher seien aber nur zehn zum Unbau vorgesehen. Der Umbau sei meist sehr kostspielig, entgegnet Toni Klein. Derzeit werde geklärt, ob der städtische Haushalt dafür Mittel zur Verfügung stellen könne.

Auch ein komplett barrierefreies Bürgerhaus ist derzeit nicht in Sicht. Das Bürgerhaus am Seepark würde sich gut eignen, sagt Daniela Schmid, nötig wären aber noch ein Blindenleitsystem und eine induktive Höranlage. Eine mobile Induktionsanlage könne bei Bedarf zur Verfügung gestellt werden, argumentiert Toni Klein. Weitere Nachrüstungen seien momentan nicht vorgesehen.

Für Daniela Schmid ist klar: Im Vergleich zu früher gehe es insgesamt voran, und der Wille zu Veränderungen sei meist da. Doch es fehle an Geld und Personal, darum würden Zuständigkeiten oft hin und her geschoben und der Beirat müsse immer wieder nachhaken. Nötig wäre, dass sich jemand speziell um Barrierefreiheit kümmert: "Barrierefreiheit geht nicht nebenher."

Sie tritt für mehr Standardisierung ein, damit sichergestellt ist, dass Pläne auch verwirklicht und nach der Fertigstellung die Ergebnisse überprüft werden. Bisher, sagt die Vorsitzende, müsse sich der Beirat darum kümmern, doch das gelinge leider nur in Einzelfällen. Und immer wieder würden dann Mängel deutlich, die nachgebessert werden müssten – weil die Bauleiter noch nicht alle Handicaps im Blick hätten.