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11. September 2013

"Ich bin echt viel ausgeschlafener!"

An der Waldorfschule Wiehre fängt der Tag jetzt später an.

  1. Spätere Anfangszeiten sind gut, aber nach den Ferien sind ohnehin alle fit auf dem Weg zur Schule. Foto: Schneider

Deutschlehrer Arne Gasthaus muss noch auf den Spickzettel mit den neuen Schulrhythmen schauen, wenn er nach den Pausenzeiten gefragt wird. Vieles hat sich an der Freien Waldorfschule Wiehre mit dem neuen Schuljahr verändert – die größte Aufmerksamkeit erregt die nach hinten verschobenen Anfangszeiten. Statt wie bisher um 7.45 Uhr starten die Kinder von der 1. bis zur 5. Klasse um Viertel nach acht, alle anderen um halb neun. Damit reagiert die Schule, vereinfacht gesagt, auf den Biorhythmus ihrer rund 500 Schülerinnen und Schüler.

Seit einigen Jahren im Gespräch ist auch in der Wiehremer Waldorfschule das Thema Chronobiologie. Die untersucht, wie die zeitliche Gestaltung von Abläufen mit biologischen Rhythmen zusammenpasst. Viel wird in diesem Zusammenhang kritisiert: Schulen starten morgens lange, bevor Kinder aufnahmefähig sind. Vor allem die Lehrerinnen und Lehrer nahmen die populäre Diskussion auf: Im vergangenen Herbst trat die "Rhythmusdelegation" in Aktion. Zwölf Mitglieder aus allen Bereichen der gesamten Schulgemeinschaft investierten viele hundert – im Wesentlichen unbezahlte – Arbeitsstunden, um innerhalb nur eines Schuljahres nicht nur Zeiten, sondern auch Strukturen und Inhalte neu zu gestalten.

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Ulrike Kretzschmar ist Chemielehrerin an der Waldorfschule und beschreibt die "alte" Rhythmisierung so: "Gerade für Jugendliche ist ein Schulbeginn um Viertel vor acht ja noch mitten in der Nacht. Unterricht kommt da oft gar nicht an." Sie gehörte zu dem Freiwilligenteam, das die Erkenntnisse der Chronobiologie an der Schule nun umgesetzt hat.

Zunächst wurde viel gelesen und diskutiert, dann wurden Experten zu Rate gezogen. Der Chronobiologe Max Moser reiste aus Wien an, hielt Vorträge für Eltern, Schüler, Lehrer, Mitarbeiter aus allen Bereichen und unterstützte Diskussionsrunden. Außerdem wurde eine Prozessbegleiterin für die Zeit des Ideensammelns und Entscheidungenfindens angeheuert: Ulrike Luthardt hat bereits rund um den Globus Schulentwicklungen beratend begleitet. "Sie war mit ihren Fragen und Anregungen von außen eine Riesenhilfe auf unserem Weg", resümiert Deutschlehrer Gasthaus.

"Das kontroverse Gespräch war immer gut."

Elternvertreterin Katja Schlecht
Es ging schließlich nicht darum, einfach nur den Unterrichtsblock um eine halbe oder Dreiviertelstunde nach hinten zu verschieben. Zugleich wurden Pausenzeiten verkürzt, um an anderer Stelle eine zusätzliche Bewegungspause einbauen zu können. Das Stundenraster wurde umgekrempelt, für Deutsch und Mathe beispielsweise gibt es nun Doppelstunden. Soll heißen: Der gesamte Rhythmus von Anspannung und Entspannung ist neu getaktet, Lernphasen sind entzerrt; Bewegungsphasen dazwischen entlasten.

Parallel zur "Forschungsarbeit" der Rhythmusdelegation lief eine Fragebogenaktion quer durch die gesamte Schule. Lehrer, Schüler, Eltern beantworteten mit hoher Rücklaufquote um die 85 Prozent jeweils ein Dutzend spezifischer Fragen. "Das war für die Arbeitsgruppe eine wichtige Legitimation", erklärt Arne Gasthaus. "Und für uns eine irre Arbeit", fügt Elftklässler Jorin Heide hinzu, "wir haben die Bögen nämlich akribisch ausgewertet und in anschauliche Grafiken übersetzt."

Angewandte Mathematik und ein einverständiges Ergebnis konnten am Ende zufrieden konstatiert werden. Die allermeisten hatten sich für späteren Schulbeginn ausgesprochen. Und doch gibt es an Tag zwei der neuen Regelung durchaus Gegenstimmen wie die von Volker Steffe. Der Ingenieur und Familienvater nämlich kommt nun in die Bredouille: "Mit der Arbeitswelt passt der spätere Schulbeginn nicht zusammen – und mit unserem Familienrhythmus schon gar nicht." Der ältere Sohn nämlich geht auf eine andere Schule und muss ohnehin früh raus, kein Gewinn für die Familienorganisation.

Das ist bei Katja Schlecht anders. Die Elternvertreterin hat in der Rhythmusdelegation mitgearbeitet – "auch das kontroverse Gespräch war immer gut und offen" – und stellt bei ihren drei Kindern auf Anhieb Positives fest: Michel und Johanna, die beiden älteren, profitieren von der Entspannung im Schultag. "Sie mögen die neue, zusätzliche Pause, dieses Mehr an Bewegung." Und dank des gemeinsamen morgendlichen Aufbruchs kommt der vierjährige Jakob nun prompt nicht mehr als erster in die noch leere Kita.

Und auch in den Klassen der Waldorfschule ist allenthalben viel Zustimmung zur Veränderung. Die Schülerin Fatima Mohammed stellt fest: "Früher musste ich um sechs aufstehen, jetzt um sieben – und ich bin echt viel ausgeschlafener!" Welche der erhofften Ziele mit der Umstellung erreicht werden, hat die Schulgemeinschaft jetzt schon im Blick, denn gleich im ersten Jahr läuft eine Evaluierung, also eine Erfolgskontrolle. Sind die Kinder und Jugendlichen wacher und aufnahmefähiger, gar pünktlicher? Der Schüler Elias Wunstorf ist skeptisch: "Wenn sich das alles eingespielt hat, kommen wieder alle zu spät!" Insgesamt aber ist viel Schwung in diesem Aufbruch. "Allein schon, dass hier so viel getan wurde, um die Schule zu bewegen, finde ich cool", lobt Elftklässlerin Naïma Ciobanu.

Die Waldorfschule ist allerdings nicht die einzige Schule in Freiburg, die das Schulleben am Biorhythmus der Schüler orientiert. Schon vor einem Jahr hat die staatliche Adolf-Reichwein-Schule (Weingarten) die Zeiten umgestellt. Und nun ziehen Schenkendorf-Schule (Haslach) und Schönbergschule (St. Georgen) nach. Dort hat man die Rhythmisierung auch mit Blick auf den zukünftigen Ganztagsschulbetrieb gestaltet, berichtet Schulleiterin Sonja Simonis.

Autor: Julia Littmann