Im Kibbuz fing alles an

Anja Bochtler

Von Anja Bochtler

Sa, 07. März 2015

Freiburg

Er ist Christ, sie ist Jüdin: Ein Familienporträt zum Beginn der "Woche der Brüderlichkeit".

Bald, an Pessach, treffen sich alle in Israel: Die Eltern Remigius Nägele und Yael Leshem-Nägele, die mit ihrer Tochter Naomi (32) im Stühlinger leben, von wo aus Naomi zur Arbeit im "Hofgut Himmelreich" fährt. Der Sohn Benjamin (30), der Referent im Europäischen Parlament in Brüssel ist. Und die Tochter Ela (25), die 2013 das berühmte Cecil-Rhodes-Stipendium bekam und in Oxford ihre Doktorarbeit in Rechtstheorie schreibt. Vieles ist besonders an dieser Familie – unter anderem auch, dass Katholizismus und Judentum beide selbstverständlich dazugehören.

Wahrscheinlich werden Remigius Nägele und Yael Leshe-Nägele bei der "Woche der Brüderlichkeit" der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (siehe Info-Box) vorbeischauen. So wie meist. Zu ihrem Alltag gehören ihre zwei Religionen seit 42 Jahren – 1973 im Kibbuz "Ashdot Yaacov Ichud", fing alles an.

Remigius Nägele, 1952 geboren, bei Isny im Allgäu aufgewachsen, stammt aus einer sehr katholischen Familie. Der Bischof hatte die Hälfte der Internatskosten übernommen, damit er aufs Gymnasium gehen konnte – in der Hoffnung, er würde Priester. Kurz vor dem Abitur entschied sich Remigius Nägele dagegen und ging zur Freiwilligenarbeit nach Israel, fasziniert von der Gemeinschaft im Kibbuz. Dort traf er die damals 17-jährige Yael, die als Erntehelferin mit ihrer Schule im Einsatz war. Sie wurde 1956 als Kind von Holocaust-Überlebenden geboren, die Mutter war durch den Industriellen Oskar Schindler gerettet worden, der Vater 1934 nach Israel geflohen. Ihre Familie lebte das Judentum so, wie sie es bis heute macht: Feiertage werden gefeiert, die vielen Gesetze aber nicht eingehalten.

Nach der jüdischen Lehre sind die Kinder einer jüdischen Mutter jüdisch. Naomi, Benjamin und Ela Nägele hatten die Wahl. In der Grundschulzeit waren sie sowohl im katholischen Religionsunterricht als auch beim Unterricht der Jüdischen Gemeinde. Alle entschieden sich fürs Judentum. Ela, die Jüngste, tat das mit solcher Entschlossenheit, dass sie als Zwölfjährige orthodox wurde. Das sorgte anfangs für Irritation bei ihren Eltern. Und es machte den Alltag komplizierter, wegen der koscheren Regeln beim Kochen. Remigius Nägele, der Geologe ist und zurzeit Philosophie studiert, und Yael Leshe-Nägele, die als Sozialarbeiterin beim Diakonischen Werk Familien berät, haben ihre unterschiedlichen Religionen immer akzeptiert. Konvertieren wäre nie in Frage gekommen, sagt Remigius Nägele: "Man kann nicht seine Kindheit auswechseln. Das ist Fügung."

Er begleitet seine Frau oft in die Synagoge, zu seiner Gemeinde im Dominikanerkloster St. Albert geht er meist allein. Für seine katholische Heimat im Allgäu wurden die Besuche seiner Familie zur Bereicherung: "So kam das Dorf plötzlich mit dem Judentum in Kontakt." Seine Mutter hatte anfangs Probleme, erfuhr er viel später – bei der Mutter seiner Frau war’s genauso. Das legte sich sehr schnell.