75. Todestag

Im Münster erinnert ein Fenster an Edith Stein

Carola Schark

Von Carola Schark

Mi, 09. August 2017

Freiburg

Vor 75 Jahren wurde Edith Stein in Auschwitz ermordet. Im Münster hat Hans-Günther Van Look ein Fenster für sie geschaffen.

Heute vor 75 Jahren wurde die 1998 heiliggesprochene Philosophin Edith Stein von den Nationalsozialisten ermordet. Ein Fenster im Münster erinnert an sie.

Der Welt entrückt stehen sie da, die Heiligen, stets aufrecht und schlank. Mit ihren schönen, reinen Gesichtern sehen sie gütig auf die Betrachter herab. Es fällt schwer, sich in diesen überhöht dargestellten Figuren wiederzufinden. Das abgebildete Fenster bildet da eine wohltuende Ausnahme und nimmt Bezug auf einen Ausspruch, der Edith Stein zugeschrieben wird: "Du sollst sein wie ein Fenster, durch das Gottes Liebe durchleuchtet in die Welt." Der 2007 verstorbene Künstler Hans-Günther Van Look hat es im Jahr 2001 geschaffen. Mit Edith Stein hat ihn viel mehr als die Arbeit an diesem Fenster verbunden, denn er lebte seit seiner Geburt in der der früheren Wohnung von Edmund Husserl. Dort ist die Philosophin als Assistentin Husserls ein- und ausgegangen. Im Gegensatz zu den drei Stadtpatronen Georg, Lambert und Alexander hat sie einen direkten Bezug zu Freiburg. Sie hat in Günterstal im Haus Dorfstraße 4 sowie in der Wiehre gewohnt. Auch im Kloster St. Lioba fühlte sie sich heimisch, wo ein Gedenkzimmer für sie eingerichtet ist.

Das nach einem Passfoto in Grisaille-Technik gestaltete Gesicht der damals 47-Jährigen zeigt erste Spuren des Alters und der Sorge. Mit dieser Spannung zwischen Fotorealismus und traditionellem Glasfenster gelang Van Look ein Werk, von dem sich der Blick nur schwer abwenden lässt. Zeigt das Antlitz der Heiligen scheinbar Ratlosigkeit, tritt ihr Fuß jedoch entschlossen in die Welt hinein. Denn die 1891 als Tochter eines jüdischen Holzhändlers in Breslau Geborene war ihrer Zeit weit voraus: Sie schrieb Bücher, hielt Vorträge, reiste und strebte eine wissenschaftliche Karriere an. Edith Stein pfiff auf Konventionen. Sie war sportlich, lustig, manchmal vorlaut und konnte Walzer linksrum tanzen.

"Jitschel" wurde sie als kleines Mädchen von ihren Spielkameraden genannt. "Jitscheln" bedeutet, platte Steinchen auf der Oberfläche des Wassers hüpfen zu lassen. Die Lektüre einer Biografie der Heiligen Teresa von Avila führte sie zum katholischen Glauben. Auf dem Bild ist sie im braunen Gewand der Unbeschuhten Karmelitinnen zu sehen, deren Orden sie seit 1933 angehörte und wo sie den Namen "Teresia Benedicta vom Kreuz" angenommen hatte.

In das Kunstwerk ragen kalte, blaue Splitter, welche für die Verfolgung durch die Nationalsozialisten stehen. Doch vom Himmel kommt das göttliche Licht in gebündelten Strahlen herab und schützt sie. Der Künstler sagte über sein Motiv, er habe die Heilige "von der Auschwitz-Rampe wegziehen" wollen, um nicht Tod und Verfolgung in den Vordergrund zu stellen. Neben der Porträtierten wächst nicht zufällig eine Zypresse. Das immergrüne Gewächs steht für das ewige Leben und leitet mit seiner senkrechten Form angeblich Gebete direkt zu Gott. Im Hintergrund des Bildes ragt das Karmelgebirge in Palästina auf. Fast unter geht aufgrund dieser mächtigen Symbolik der siebenarmige jüdische Leuchter. Doch ist er ein zentrales Element des Bildes, das auf Schwester Benedictas Ursprung verweist. Für die Nazis blieb sie zeitlebens eine "verdammte Jüdin". Mit diesen Worten war sie von einem SS-Offizier beschimpft worden, dem sie auf die Frage nach ihrem Bekenntnis geantwortet hatte, sie sei katholisch.

"Du sollst sein wie ein
Fenster, durch das

Gottes Liebe

durchleuchtet in die Welt."

Edith Stein
Nach fünf Jahren im Kölner Karmel war sie 1938 vor den Nazis in das Karmeliterkloster von Echt in Holland geflüchtet. Es wurde ihre letzte irdische Heimat. Nachdem Geistliche gegen Judendeportationen protestiert hatten, wurden Anfang August 1942 knapp 100 Katholiken in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt, darunter Edith Stein und ihre Schwester Rosa. Am 9. August 1942 wurden beide getötet.

Doch die Nazis konnten die Erinnerung an Schwester Benedicta nicht auslöschen, wozu auch dieses wertvolle Fenster heute noch beiträgt. Im Jahr 1987 wurde sie von Papst Johannes Paul II selig- und 1998 schließlich heiliggesprochen. Seit 1999 ist sie eine der Patroninnen Europas.

Das Himmlische in ihr hatte ihr Neffe Helmut Stein schon früh erkannt. Er sagt über seine Kindheit: "Zu meinem Geburtstag am 24. April habe ich immer von ihr eine rote Lokomotive erhalten. Zu ihrem Geburtstag im Oktober hat sie als Geschenk von mir dieselbe Lokomotive zurückbekommen (ganz kaputt). Zum nächsten Geburtstag habe ich dieselbe Lokomotive von Tante Edith wieder erhalten, aber so gut wie neu. Eine Tante, die eine Lokomotive heilen kann, ist ein Engel."