Im Schwitzkasten

Uwe Mauch

Von Uwe Mauch

Fr, 21. Juni 2013

Freiburg

Auf dem ersten Podium zur Bundestagswahl fühlen Schüler den Kandidaten auf den Zahn.

Ein Sozialdemokrat, den Obama bestürzt. Eine Grüne, die keine Solaranlage auf dem Dach hat. Ein Christdemokrat, der gegen Videoüberwachung von öffentlichen Plätzen ist. Ein Liberaler, der mit Tempolimit liebäugelt. Ein Linker, der die Türkei aus der EU halten will. Ein Pirat, der nicht regieren will. Die erste Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl besaß hohen Unterhaltungs- und Erkenntniswert. Schülerinnen und Schüler des Deutsch-Französischen und des Berthold-Gymnasiums hatten dazu eingeladen und im Vorfeld frische Fragen erarbeitet.

"Es kommt einiges auf Sie zu", warnt Moderator und BZ-Herausgeber Christian Hodeige die sechs Kandidaten. Er hat die 16- bis 19-jährigen Schüler gecoacht. Mit Erfolg. Selbstbewusst fühlen sie den Politprofis auf den Zahn, mahnen kürzere und verständlichere Antworten an, und scheuen sich nicht vor eigenen Positionen. Dass die fünf Männer und eine Frau auf dem Podium ständig Schweißausbrüche bekommen, liegt allerdings an den tropischen Temperaturen, die am Mittwochabend im Saal des DFG in der Oberau herrschen. Trotz glänzender Gesichter und feuchter Haare kommt das Sextett vor rund 150 zumeist jungen Zuhörern recht locker rüber.

Zu Beginn ziehen sich die Kandidaten auf Programme und Verlautbarungen ihrer Parteien zurück. "Was tun Sie, damit wir morgen nicht arbeitslos sind?", lautet die erste Frage der jungen Interviewer. Gernot Erler (SPD) geißelt den rigiden Sparkurs der Bundesregierung, der die Wirtschaft der Krisenstaaten lähme und deren junge Generationen um die Zukunft bringe. Pirat André Martens spricht gar von Kolonialismus. Kerstin Andreae (Grüne) rät gerade den sonnenreichen EU-Staaten zur Energiewende. Der Linke Tobias Pflüger ist sowieso gegen alle Rettungsschirme. Derweil will Matern Freiherr Marschall von Bieberstein (CDU) Solidarität mit den betroffenen Ländern, und Sascha Fiek (FDP) sieht Deutschland auf Kurs.

Mit jeder Frage werden die Kandidaten authentischer. Wie wollen sie die Schuldenbremse einhalten? Grün-Rot ist für eine Vermögensabgabe. "Steuererhöhungen sind doch kein Schuldenabbau", kontert Marschall und unterbreitet den Sparvorschlag, Europas Armeen sollten ihre Waffen gemeinsam und somit günstiger einkaufen. Ganz anders André Martens: Er würde Drohnen jeder Art sparen. Und der Linke Pflüger hält gar nichts von der Schuldenbremse.

Spannend wird es, wenn die Kandidaten mit grüner Ja- und roter Nein-Karte klare Kante zeigen müssen. Alle sind für ein Verbleib Deutschlands in der Europäischen Union. Dass die Türkei draußen bleiben sollte, finden in ungewöhnlicher Koalition Marschall, Martens und Pflüger. Für ein dreigliedriges Schulsystem und fürs Sitzenbleiben sprechen sich nur Fiek und Marschall aus. Klar gegen ein Tempolimit auf Autobahnen sind CDU-Kandidat und Pirat. Einen Rücktritt von Verteidigungsminister Thomas Maizière finden Erler, Martens und Pflüger richtig. Einige Male ringen die Kandidaten richtig mit sich, bevor sie eine klare Entscheidung treffen müssen – ohne Erklärung oder Relativierung.

Zum Schluss wollen die Jugendlichen wissen, wo die Kandidaten eine andere Meinung haben als ihre Parteien. Gernot Erler ist für ein Tempolimit, Kerstin Andreae hält die Steuerpläne, die der grüne Parteitag beschlossen hat, nicht für den "allein selig machenden Weg" und hat damit ihre Kritik noch zurückhaltend formuliert. Marschall wünscht sich ein stärkeres Bekenntnis der CDU zur Marktwirtschaft und weniger Wahlversprechen. Tobias Pflüger hätte gerne die Bundeswehr abgeschafft, was die Linke in ihrem Programm aber noch offen lasse. André Martens hätte das bedingungslose Grundeinkommen, das die Piraten fordern, fast zum Parteiaustritt gebracht.

Souverän und sattelfest sind die Bundestagsabgeordneten Andreae und Erler. Marschall ist verbindlich und zugewandt, lässt sich aber zweimal zu oberlehrerhaften Reaktionen verleiten. Fiek schafft es, flapsig und seriös daherzukommen, während Pflüger den Parteijargon nicht ganz ablegen kann. Punkte macht Martens, der sich als schlagfertig, themensicher und selbstironisch erweist.

Nach eineinhalb Stunden sind Kandidaten und Publikum durchgeschwitzt. Politische Bildung vom Feinsten, hat Moderator Christian Hodeige ausgemacht. Wenn die Interviewer mal im Fernsehen auf Politiker losgelassen würden, müssten sich die Jauchs und Plasbergs warm anziehen – aber nicht an solchen Tagen.