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21. März 2015

Suche nach der eigenen Geschichte

Ingelore Prochnow wusste lange nicht, dass sie im KZ Ravensbrück geboren wurde

Ingelore Prochnow wusste Jahrzehnte lang nicht, dass sie im KZ Ravensbrück geboren wurde, auch Anne Böhnischs Eltern waren dort.

  1. In der Katholischen Akademie an der Wintererstraße ist noch bis 27. März die Ausstellung „Naziterrror gegen Jugendliche – Verfolgung, Deportation und Gegenwehr" zu sehen. Foto: Fotos: Michael Bamberger

  2. Ingelore Prochnow Foto: Michael Bamberger

  3. Anne Böhnisch Foto: Michael Bamberger

In ihrem Ausweis stand als Geburtsort immer: Ravensbrück. Doch Ingelore Prochnow, die im April 71 Jahre alt wird, wusste mehr als 40 Jahre nicht, dass sie im Konzentrationslager geboren wurde. Anne Böhnisch, die im Mai ebenfalls 71 wird, war erst mit 64 Jahren so weit, das Schicksal ihrer ermordeten Mutter in Ravensbrück und im Umerziehungslager Rudersberg zu erforschen. Beide erzählten Jugendlichen von sechs Schulen in der Reihe "Naziterror gegen Jugendliche" in der Katholischen Akademie von der schmerzhaften Suche nach ihrer Geschichte.

Gespürt hat es Ingelore Prochnow, die in Bielefeld lebt, immer: Irgendwas stimmte nicht. Von ihren Adoptiveltern, die ihr eingeprägt hatten, ihnen dankbar zu sein, erfuhr sie nicht viel. Sie musste versprechen, nie nach ihrer leiblichen Mutter zu suchen, darum wartete sie, bis die Adoptiveltern Mitte der 1980er Jahre starben.

Mit über 40 saß sie dann beim Jugendamt fassungslos vor ihrer Adoptionsakte: Da stand, dass sie im KZ Ravensbrück geboren wurde und dort ein Jahr mit ihrer Mutter irgendwie überlebt hatte – 98 Prozent der Kinder in Ravensbrück starben. Da stand auch, dass ihre Mutter sie zweieinhalb Jahre nach der Befreiung in der Silvesternacht 1947 allein in einem Flüchtlingslager zurückgelassen hatte, da war sie drei Jahre alt. Behörden gegenüber gab die Mutter ihr Kind als tot an, sie entzog sich dem Jugendamt. Die kleine Ingelore lebte ein Jahr in einer Pflegefamilie, bis besorgte Nachbarn dafür sorgten, dass sie von dort wegkam: Sie hatte dauernd geweint und war unterernährt.

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An all das kann sich Ingelore Prochnow nicht erinnern. Doch Andeutungen ihrer Adoptiveltern ergaben jetzt plötzlich Sinn. Sie forschte weiter und fand heraus: Ihre Mutter war 19 Jahre alt, als sie schwanger wurde, ihr Vater war ein polnischer Zwangsarbeiter. Solche Beziehungen waren verboten, beide kamen ins KZ. Ingelore Prochnow hat ihre Mutter Jahrzehnte später über die "Lagergemeinschaft" gefunden und sie 1986 getroffen. Das, was sie dringend suchte, bekam sie nicht: Weder eine Umarmung noch eine Erklärung. "Ich muss damit leben, dass mich meine Mutter weder damals noch später haben wollte", sagt sie – es fällt ihr immer wieder schwer, das auszusprechen. Sie sucht bis heute nach Gründen. Sie vermutet,dass ihre Mutter ihr, dem ungewollten Baby, unbewusst die Schuld für ihre eigene Inhaftierung gab. Die Mutter verhinderte auch, dass Ingelore Prochnow ihren Vater rechtzeitig finden konnte – erst 2007 konnte sie seinen Namen ermitteln, da war er tot.

Ingelore Prochnow ist trotz allem froh über die Klarheit, die sie nun hat. Sie fährt regelmäßig zu den Befreiungsfeiern nach Ravensbrück. Der Gedanke, dass sie dort einst von vielen Frauen umsorgt wurde, tröstet sie ein bisschen – denn eines ist klar: Wäre das nicht so gewesen, dann hätte sie nicht überlebt. Natürlich bleibt es schmerzhaft. Das zeigt sich auch, als die Jugendlichen nach ihren Kindern fragen. Bisher halten sich die zwei Töchter fern von der Vergangenheit ihrer Mutter. Das tut ihr weh. Bei Anne Böhnisch aus Zweiflingen und ihren drei Kindern ist das ähnlich. Sie kann aber gelassener damit umgehen, sie glaubt, dass ihre Kinder sich selbst schützen müssen, und sagt: "Es ist, wie es ist." Auch sie wusste lange nicht viel über ihre Geschichte. Sie wuchs bei ihren Großeltern auf, bekam früh das Mitleid ihrer Umgebung zu spüren, weil sie keine Eltern mehr hatte.

Es dauerte sehr lange, bis sie sich bereit fühlte, mehr zu erfahren – mit 64 Jahren, nach einer schweren Krankheit. Und das fand sie heraus: Ihre Mutter wurde mit 17 Jahren zum Arbeitsdienst in der Landwirtschaft verpflichtet, dort begann eine Liebesgeschichte mit einem polnischen Zwangsarbeiter. Die beiden wurden verhaftet. Nach vier Monaten Gefängnis wurde Anne Böhnischs Mutter entlassen, sie war schwanger.

Bei ihren Eltern kam ihre Tochter zur Welt, nach drei Monaten wurde sie wieder verhaftet und kam ins Umerziehungslager Rudersberg, später ins KZ Ravensbrück. Der Vater von Anne Böhnisch hatte nach ihrer Mutter gesucht, bei seiner Tochter aber hat er sich nie gemeldet. Nach seinem Tod fand sie eine Nichte von ihm, zu ihr entstand ein inniger, dauerhafter Kontakt. Durch Fotos und Erzählungen weiß Anne Böhnisch, dass sie nicht nur äußerlich einiges mit ihrem Vater gemeinsam hat. Sie ist stolz darauf, weil sie auf ihren Vater stolz ist, der seine Zeit im SS-Sonderlager Hinzert überlebte und 1956 nach Kanada auswanderte.

Autor: Anja Bochtler