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17. Februar 2010

Integration

Internationale Hauptschule: Deutsch lernen, Heimat finden

Edith Bieber, die an der Internationalen Schule im Römerhof Flüchtlinge unterrichtet, kennt das Gefühl des Fremdseins.

  1. Edith Bieber vor ihren Schülerinnen und Schülern im Römerhof. Foto: Michael Bamberger

"Die Internationale Hauptschule im Römerhof ist eine Chance", heißt es auf der ersten Seite der kleinen Schulbroschüre. Für manche die erste, für andere die letzte. Als offene Bildungseinrichtung des Caritasverbands Freiburg nimmt die Schule das ganze Jahr über Schüler auf und führt sie im Erfolgsfall zu einem Abschluss. Viele kommen aus den umliegenden Heimen für Flüchtlinge und Asylsuchende.

Fast 1,90 Meter groß ist der Mann aus Nigeria. Dennoch wirkt er ein wenig verloren in seinen weiten Jeans. Seinen Kopf bedeckt eine schwarze Wollmütze. Er hält der Dozentin eine Gabel unter die Nase. "Die Kuchengabel", brummt er mit sonorem Bass. Edith Bieber lächelt ihn an: "Sehr gut, Goodluck. Du kannst dich wieder setzen." Goodlucks Augen weiten sich zu einem Lächeln, langsam kehrt er zu seinem Tisch in der vierten Reihe zurück. Goodluck ist einer der 29 Schüler aus Biebers Klasse für Sprachanfänger, die sich an diesem Morgen in dem kleinen Klassenzimmer drängen. In Nigeria hatte er vor seiner Flucht zuletzt als Koch in einem kleinen Restaurant gearbeitet. In dem Land, in dem er seit acht Monaten lebt, lernt er heute die Wörter Kochlöffel und Teigschaber.

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Edith Bieber streicht sich durch die kurzen Haare, greift erneut nach einem Gegenstand auf ihrem Pult und hält ihn über ihren Kopf. Sie ist Anfang 50, kleiner als die meisten ihrer Schüler und trägt eine grüne Strickjacke zur beigen Hose. "Was ist das?", ruft sie ihren Schülern zu und zeigt dabei einen kleinen Küchenpinsel. "In Deutschland benutzen wir so etwas in der Küche." Ratlosigkeit. Arabische, englische und französische Wortfetzen klingen im Flüsterton durch den Raum. "In Afrika, nein!", schallt es plötzlich aus der letzten Reihe. Alle lachen.

"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren", steht auf Plakaten in den Gängen und in jedem Klassenzimmer. Edith Bieber muss ihren Schülerinnen und Schülern oft Lehrerin und Mutter zugleich sein: "Man muss viel Rücksicht nehmen, ein offenes Ohr haben", sagt sie. Viele ihrer Schüler kommen aus Kriegsgebieten: Irak, Afghanistan, dem Kosovo. Einen Neuanfang müssen sie bewältigen – in einem fremden Land, ohne Eltern und Familie. "Der Sozialbetreuer und ich sind meist die einzigen deutschen Bezugspersonen für diese jungen Menschen", sagt Edith Bieber.

Im Klassenzimmer ist es zum ersten Mal an diesem Morgen still. Alle beugen sich konzentriert über ihre Schultische. Buntstifte kratzen auf Papier. "Einen homogenen Unterricht zu gestalten ist manchmal richtig schwer", seufzt Bieber, "die Unterschiede im Leistungsniveau sind immens." Ihre Schüler kommen aus allen Teilen der Welt, sie sprechen unterschiedliche Sprachen haben verschiedene Kulturen. Der Jüngste ist 15, der Älteste 25 Jahre alt. Manche haben in ihrem Heimatland eine Schule besucht, vielleicht sogar einen Abschluss erworben, andere können weder lesen noch schreiben. "Wenn wir müde vom Deutsch- und Mathelernen sind, malen wir. Manche haben ja noch nie einen Buntstift in der Hand gehabt." So sitzen 29 zum größten Teil erwachsene Männer und Frauen an ihren Tischen und malen Mandalas.

Edith Bieber kennt das Gefühl des Fremdseins in Deutschland aus eigener Erfahrung.. Vor 28 Jahren erhielt sie nach langem Warten die Ausreisegenehmigung für sich und ihre Familie aus dem rumänischen Temeschburg. Nach ihrem Germanistikstudium zog es sie, wie die meisten der deutschsprachigen Minderheit im Banat, nach Deutschland. "Meine ganze Familie lebt hier in der Umgebung." Eine Wiederholung der Examensprüfung, zwei Jahre Referendariat und dann die Anstellung an der Römerhofschule – an Edith Biebers rumänische Heimat erinnert nur noch ihr stark gerolltes R.

2009 haben in Deutschland insgesamt 27 649 Menschen einen Erstantrag auf Asyl gestellt. Die Zahl ist in den vergangenen zwei Jahren wieder gestiegen, erreicht aber schon lange nicht mehr die Spitzenwerte vergangener Jahre: 1992 waren es fast 440 000 Flüchtlinge, 1999 immerhin noch mehr als 95 000, die Asyl beantragten. In Freiburg sind laut Ausländerzentralregister aktuell 66 Asylbewerber und 523 geduldete Flüchtlinge registriert. "Wenn wir diese Menschen integrieren wollen, müssen wir auf sie zugehen", sagt Bieber. Ein Dialog zwischen Kulturen ist schwierig. Missverstehen oft leichter als Verstehen. "Gute Deutschkenntnisse sind da die Grundvoraussetzungen." Die Grundlagen der Kommunikation, soziales Verhalten: Edith Bieber muss oft nicht nur Deutsch, sondern auch Deutschland erklären.

Pause: Schnell strömen die Schüler aus dem Klassenzimmer. Bieber bleibt hinter ihrem Pult zurück. Sie lehnt sich zurück und hält kurz inne. Wird ihre Arbeit genügend geschätzt? "Anerkennung bekomme ich von meinen Kollegen, von den Schülern. Manche kommen nach Jahren und erzählen von ihrem Job und ihrer Familie. Das ist dann schön." Die Tür wird aufgestoßen. Ein junges Mädchen stürmt herein und hält ihr einen Zettel vor das Gesicht: Eine Zusage für ein Praktikum in einer Bäckerei. Bieber nickt zufrieden.

Deutsch lernen

Volkshochschule Freiburg

Rotteckring 12, http://www.vhs-freiburg.de 0761/ 36895 10. Anmeldung für
die immer mittwochs zweiwöchentlich stattfinden Info-Veranstaltungen
für Integrationskurse unter
Tel. 0761/36895-10.

Fachdienst Migration
Caritasverband Freiburg Stadt
Komturstraße 36; Tel. : 0761 50 47 80

http://komturhof.homepage.t-online.de/

Südwind Freiburg
Faulerstraße 8; Tel. : 0761 40 55 55
http://www.suedwind-freiburg.de

Inova (gemeinnütziger Verein, Mitglied im Caritasverband)

Schulungscenter, Heinrich-von-Stephan-Straße, Tel. 07 61 / 7 04 81 50 (dienstags von 10 bis 12 Uhr), http://www.inova-ev.de

Projektverbund Bleiberecht

(Kooperation von Caritas, VHS, Handwerkskammer, Stadt Freiburg und anderen); Rotteckring 12; http://www.bleiberecht-freiburg.deTel. : 0761 / 36 89 33;
Kontakt: Alessandro Greco

Außerdem bieten weitere Einrichtungen wie Goethe-Institut und private Sprachschulen Deutsch-, Alphabetisierungs- oder Integrationskurse an.  

Autor: olv

Autor: Olaf Völker