Oper

Massenets Oper "Cendrillon" feiert Premiere am Theater Freiburg

Alexander Dick

Von Alexander Dick

Fr, 07. April 2017

Freiburg

TICKET-INTERVIEW: Barbara Mundel und Olga Motta über ihre Freiburger "Cendrillon".

Aschenbrödel, Aschenputtel, Cinderella – ein großer europäischer Märchenstoff. In der Vertonung Jules Massenets, nach dem Märchen von Charles Perrault inszeniert Barbara Mundel "Cendrillon": ihre erste Opernregie. Alexander Dick sprach mit ihr und mit Ausstatterin Olga Motta darüber.

Ticket: Barbara Mundel, im Libretto heißt es, das Stück spiele "in märchenhafter Zeit"...
Mundel: (lacht)... das bringen Sie etwa nicht mit mir zusammen...
Ticket: ... doch. Sind Sie mit Ihrer ersten Operninszenierung – zum Abschluss Ihrer Freiburger Intendanz – auf der Suche nach der Utopie?
Mundel: Vielleicht unbewusst. Die Lust an einem märchenhaften Stoff, an Theaterzauber – das war schon eine Intuition.
Ticket: Auch mit Blick auf diese Vertonung des Aschenputtel-Stoffs?
Mundel: Ja. Rossinis "La Cenerentola" hätte mich nicht so interessiert. Wir wollten eine französische Oper machen, auch eine, die nicht so bekannt ist hier. Das Stück wurde ja in Deutschland spät...
Ticket: ... erst 1967 in Darmstadt erstaufgeführt.
Mundel: Unglaublich. Und man kann nicht sagen, dass es zum Repertoire gehört. Wenn man sich nun, wie wir, damit auseinandersetzt, dann kann man das gar nicht verstehen. Ich liebe es inzwischen sehr, es ist eine wunderschöne Musik, und es hat auch Tiefgang. Aber es ist schon sehr weit weg von deutscher Operntradition.
Ticket: Wie sehen Sie die Rolle von Märchen in unserer Gesellschaft heute?
Motta: Für meine Kinder spielten die Märchen, das Vorlesen, eine ganz große Rolle. Manche meiner Freundinnen sagten aber damals schon, Märchen seien zu grausam. Heute kennt man oft leider nur noch die Disney-Versionen...
Ticket: ... Cinderella...
Motta: ... genau. Ich denke, dass Märchen eine nicht mehr so große Rolle spielen, was sehr schade ist.
Mundel: Auf der anderen Seite gibt es bei Kindern nach wie vor das Bedürfnis, Fantasiewelten zu durchleben. In den Welten von Harry Potter oder selbst den ganzen Vampir-Themen bricht sich das dann auf andere Art auf oder hat eine andere Ausformung. Nicht mehr in den alten Märchen, sondern in anderen Formen – von Mangas bis zu Computerspielen.
Ticket: Um ein berühmtes Buch des amerikanischen Psychologen Bruno Bettelheim zu zitieren: "Kinder brauchen Märchen"?
Mundel: Ja. Aber vielleicht hat sich das ein bisschen nach hinten verschoben, wenn die Kinder ihre Lesestoffe selbst bestimmen können. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass die Kinder zuvor zu wenig von diesen oft auch sehr schrecklichen Märchenwelten vorgelesen bekommen haben.
Motta: Das Tolle ist ja, dass durch das Vorlesen die eigene Fantasie gefordert ist. Es ist ja ein Riesenunterschied, ob ich mich mit meiner eigenen Vorstellung den Stoffen nähern kann, oder ob ich die Bilder gleich vorgesetzt bekomme.
Ticket: Im Theater müssen Sie aber Bilder entwickeln. Wie sind Sie vorgegangen?
Mundel: Es soll sich an "Menschen ab 12" wenden (lacht).
Motta: Wobei für den Raum die Fantasie schon eine große Rolle spielte, die durch die Musik freigesetzt wird: das Märchenhafte, die Feen, die Doppelbödigkeit – das alles soll sich darin vereinen. Die Deutung soll aber nicht so eindeutig sein, sie soll mehrere Lesarten erlauben, je nachdem, was der Zuschauer vermag. Man kann sich auch einfach nur amüsieren.
Mundel: Ich hoffe das. Auch Verzauberung wir eine große Rolle spielen. Ich finde es großartig, wie erfindungsreich diese Musik ist. Da gibt es irrsinnige Wechsel vom Karikaturistischen ins Traumhafte, Magische, dann diese tiefen Gefühlswelten.
Ticket: Müssen wir bei dieser Oper auch nach der Botschaft fragen?
Motta: Wir kommen nie drum herum, uns die Frage zu stellen. Es geht um das Erwachsenwerden, aus der Kinderwelt in das eigene Leben zu finden.
Mundel: Das ist das Existenzielle daran, die tiefere Schicht.
Motta: Und das ist zeitlos, so lange es Familienstrukturen gibt.
Ticket: Was sollen die Leute von dem Abend nach Hause mitnehmen?
Mundel: Glück. Und Nachdenklichkeit.
Motta: Und Fantasie.

Termine: Freiburg, "Cendrillon oder der gläserne Schuh", Theater, Großes Haus,
Premiere: Sa, 8. April, 19 Uhr;
weitere Aufführungen bis 7. Juli