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19. Oktober 2016

Freiburger Straßennamen (2)

Johann Jacob Renner war ein umstrittener Freiburger Statthalter

Johann Jacob Renner war Stadtrat und Wohltäter – und mit verantwortlich dafür, dass viele Freiburger Frauen als „Hexen“ verbrannt wurden. Eine Wissenschaftlerkommission hat daher vorgeschlagen, die ihm gewidmete Rennerstraße umzubenennen – so wie elf andere Straßen auch. Die BZ befasst sich in einer Serie mit den Ergebnissen der Kommission.

  1. Johann Jacob Renner, Ölbild um 1613 Foto: Stiftungsverwaltung

Am 27. August 1603 tobte ein ungewöhnlich heftiger Streit in der Sitzung der Freiburger Ratsherren: Andreas Flader, als Statthalter des Schultheiß’ für gerichtliche Angelegenheiten zuständig, beklagte sich laut Ratsprotokoll "bewegt", also emotional: Die ständigen Verhöre der im Turm gefangenen "Hexenweiber" seien ihm zu viel, er wolle sie nicht mehr führen, zumindest sollten sich die beiden anderen Herren der Stadtregierung beteiligen. Obristzunftmeister Johann Jacob Renner und sein Kollege forderten Flader "mit hitzigen Worten" auf, seine Aufgabe selbst zu erledigen – der Streit eskalierte, bis die Ratsherren die "drei Häupter" vor die Türe schickten.

Im Jahr 1603 verdächtigte die Obrigkeit in Freiburg 25 Frauen der Hexerei, fast alle von ihnen wurden festgenommen, verhört und gefoltert, 13 Frauen wurden schließlich geköpft und öffentlich verbrannt. Vier Jahre zuvor war es zu einer ersten Hinrichtungswelle in Freiburg gekommen: Zwischen 30. Januar und 24. März 1599 ließ die Stadt zwölf Frauen öffentlich hinrichten, vor allem Witwen und alleinstehende Frauen.

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Zunächst traf es Arme und Alte, dann auch Frauen aus der Oberschicht. Die letzten drei Hingerichteten des Frühjahrs 1599 waren Witwen ehemaliger Ratsmitglieder: Margaretha Mößmerin, Catharina Stadellmenin und Anna Wolffartin. An sie erinnert heute eine Tafel am Martinstor. Zuständig für alle Prozesse war als Schultheiß-Statthalter dieses Jahres Johann Jacob Renner. Die Historikerinnen Sully Roecken und Carolina Brauckmann haben in ihrer Frauengeschichte Freiburgs "Margaretha Jedefrau" die Hexenprozesse ausführlich beschrieben. Warum es in diesen beiden Jahren zu Hinrichtungswellen in der Stadt kam, lässt sich nicht eindeutig klären.

Johann Renner vermachte

sein Vermögen den Armen

Hexenprozesse waren um 1600 in Europa weit verbreitet, sie sind nicht allein auf das Wirken eines einzelnen Mannes wie Johann Renner zurückzuführen (siehe auch Infokasten). Doch in beiden Jahren, in denen in Freiburg die Hexenverfolgung Hochkonjunktur hatte, war Renner Mitglied der dreiköpfigen Stadtregierung, 1599 war er sogar unmittelbar verantwortlich für die Prozesse. Wegen seiner führenden Rolle als Hexenverfolger empfiehlt die Wissenschaftler-Kommission, die nach ihm benannte Rennerstraße im Stühlinger umzubenennen.

Ihren Namen erhielt die Straße 1882. Damals wurde das Gebiet hinter dem Freiburger Bahnhof – der älteste Teil des heutigen Stadtteils Stühlinger – erschlossen und bebaut. Akten zur Benennung gibt es nicht, eine "Straßenbenennungs-Commission" wurde erst 1888, also sechs Jahre später, eingerichtet. Der damalige Grund, ihn mit einer Straße zu ehren, dürfte wohl vor allem in seinem Testament zu finden sein: Darin setzte der kinderlose Renner die Armen der Stadt Freiburg als Erben seines Vermögens ein.

Ansonsten ist wenig bekannt über den Ratsherren und Stifter Johann Jacob Renner – außer dass er eine beeindruckende Karriere in der vorderösterreichischen Stadt Freiburg mit ihren damals rund 9000 Einwohnern hinlegte: 1590 wurde er zu einem der "Zwölf Beständigen" im dreimal pro Woche tagenden Rat der Stadt ernannt, also zu einem lebenslangen bürgerlichen Mitglied. 1597 gehörte er zum ersten Mal der Stadtregierung an und war als Obristmeister für die Anliegen der Bevölkerung zuständig, ein Amt, das er in den folgenden Jahren im Wechsel mit dem eines Statthalters mehrfach innehatte. Sein Testament verfasste er 1613; weitere Lebensdaten sind nicht überliefert.

Der Umgang mit als Hexen bezeichneten Frauen war auch zu Renners Lebzeiten nicht unumstritten. Ratsprotokolle zeigen, dass sich zum Beispiel ein Untersuchungsrichter namens Textor zumindest für ihm bekannte Frauen einsetzte. Pfarrherr Johann Armbruster sorgte 1599 dafür, dass verurteilte Frauen die Kommunion empfangen durften. Bereits damals habe es auch "klare und begründete Stellungnahmen gegen den Hexenwahn" gegeben, schreibt die Namenskommission in ihrem Gutachten. Renner habe sich aber "die durchaus mögliche Gegenposition nicht zu eigen gemacht, sondern sich durch sein Verhalten sogar als besonders eifriger Hexenjäger erwiesen".

Hexenverfolgung

Hexenprozesse sind kein Phänomen des Mittelalters, sondern des späten 16. und 17. Jahrhunderts. Frauen wurden eine (auch sexuelle) Verbindung mit dem Teufel, schädliche Magie und Hexenversammlungen vorgeworfen, oft wurden unter Folter Geständnisse und Namen von "Gespielinnen" erpresst. Seltener galten Männer als Hexer oder Zauberer. Vermutlich fielen in Europa mehrere zehntausend Menschen den Verfolgungen zum Opfer. Ursachen sind unter Historikern umstritten; kirchliche Schriften spielten eine Rolle, der Hexenwahn wird auch als Reaktion auf die großen gesellschaftlichen Umbrüche und Krisen im 16. Jahrhundert gesehen.  

Autor: thg

Autor: Thomas Goebel