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22. Juni 2011

"Krisenpause" für die eigene Familie

An die 150 Kinder werden in Freiburg jährlich in Obhut genommen / Stadtverwaltung wäre froh über mehr Pflegefamilien.

Inobhutnahme – ein sperriges Wort, das sich aber gut selbst erklärt: Kindern und Jugendlichen wird im Falle akuter Notlagen Obhut außerhalb ihrer eigenen Familie gewährt – in Pflegefamilien oder in Betreuungseinrichtungen. Etwa 70 Inobhutnahmen organisierte das städtische Amt für Kinder, Jugend und Familien im ersten Halbjahr 2011. In den Vorjahren lag die Zahl der jährlichen Inobhutnahmen zwischen 135 und 152. Bis vor fünf Jahren tendierte die Zahl eher gegen hundert. Die deutliche Zunahme führten Experten auf die Sensibilisierung der Öffentlichkeit durch entsprechende Medienberichterstattung zurück.

Dabei gilt in jedem Fall, sagt Friedrich Schmid, stellvertretender Abteilungsleiter des Amtes: "Wir sehen nicht nur die Katastrophe in einer problematischen Familienbiografie – wir sehen vor allem die Chance für die Kinder." Die vorübergehende Unterbringung außerhalb der Herkunftsfamilie ist zunächst mal eine Entlastung für alle Familienmitglieder, ein Atemholen. In dieser "Krisenpause" lassen sich oft leichter Ideen für einen besseren Umgang finden – da werden die Weichen gestellt für Verbesserungen. Dafür gibt’s vom Amt individuell zugeschnittene Hilfsangebote und Unterstützung.

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Jede einzelne der Inobhutnahmen hat ihre eigene Geschichte, betont Schmid. Im Jahr 2010 gingen 31 von 135 Inobhutnahmen vom Sozialen Dienst vor Ort aus. 29 der in Obhut genommenen hingegen waren sogenannte "Selbstmelder" – in der Regel sind das eher Jugendliche. 22 Mal sorgten Polizei und Ordnungsstellen für eine Inobhutnahme – und 19 Mal waren es die Eltern in der Herkunftsfamilie, die darum baten, dass sie ihre Kinder vorübergehend in Pflege geben könnten.

Anlass für diesen – immer schwierigen – Schritt seien in der Mehrzahl der Fälle akute Konflikte, aber auch Krankheit oder schlichtweg eine Überforderung, zum Beispiel wegen psychischer Probleme der Eltern. In Obhut genommene Kinder oder Jugendliche werden entweder in Betreuungseinrichtungen untergebracht oder – häufig favorisiert – in Bereitschaftspflegefamilien. Allerdings ist in Deutschland der Anteil der in Familien untergebrachten Kinder mit knapp 50 Prozent eher gering. Familienvater Sönke Goldbach, der mit seiner Familie in Freiburg für die Bereitschaftspflege engagiert ist, findet das kaum zu glauben. In Großbritannien beispielsweise kämen Kinder und Jugendliche in langfristigen oder notfallmäßigen Pflegesituation eher in Familien unter: 80 Prozent der Fälle würden dort von Pflegefamilien aufgefangen.

In Freiburg stehen derzeit acht Familien für Notfälle bereit, die im Falle einer Inobhutnahme schnell entscheiden, ob sie die richtige Familie sind, um das Kind oder die Kinder aufzunehmen. Das sei toll, aber es sei nicht viel, sagt Veronika Traub, die beim Amt zwischen hilfesuchenden Familienmitgliedern und Pflegefamilien vermittelt: "Mit mehr Pflegefamilien ließen sich passgenauere Aufenthalte organisieren." In Freiburg gibt es derzeit 160 Pflegefamilien, in denen 180 Kinder leben, die dort eine längerfristige Perspektive haben.

Die Anforderungen an die kurzzeitig pflegenden Familien sind sogar noch höher als an die "normalen" Pflegefamilien: Weil die Aufnahme der Kinder schnell und kompetent vonstatten gehen muss, erwartet das Amt, dass zumindest ein Elternteil beruflich für diese Aufgabe qualifiziert ist. Die Aufwandsentschädigung von etwa 1200 Euro monatlich aufwärts, sagt Veronika Traub, veranlasse keine Familie, eine solche schwierige Aufgabe zu übernehmen. Und Sönke Goldbach erklärt: "Die, die das machen, leben einfach gerne über kleines Familiensystem hinaus."

Autor: Julia Littmann