Lesen öffnet neue Welten

Nina Witwicki

Von Nina Witwicki

Fr, 04. Dezember 2015

Freiburg

Seit zehn Jahren gibt es Leselernpaten in Freiburg – eine Erfolgsgeschichte für beide Seiten.

Gespannt hängt das Publikum an den Lippen des österreichischen Schriftstellers Raoul Schrott, der seine Zuhörer mit auf eine historische Reise durch seine Bücher nimmt. Nur Schrotts tiefe prägnante Stimme hallt durch den majestätischen Kaisersaal des Historischen Kaufhauses, die Anwesenden trauen sich nicht, sich zu räuspern. Genau so muss Vorlesen sein – Spannung liegt in der Luft, wie wird die Geschichte wohl weiter gehen?

An diesem Abend sind die Rollen vertauscht, denn Schrott liest für Leselern- und Vorlesepaten, sein Vortrag ist ein Geschenk für rund 280 Ehrenamtliche, die sich jede Woche aufs Neue bemühen, derzeit knapp 700 Schulkindern das Lesen und Schreiben beizubringen.

In diesem Jahr feiert das Projekt "Bürgernetzwerk Bildung Leselernpatenschaft" den zehnten Geburtstag und kann auf erfolgreiche Jahre zurückblicken, wie es Schul- und Bildungsbürgermeisterin Gerda Stuchlik in ihrer Ansprache ausdrückt. Sie betont zudem, dass sie neben den Paten aber auch besonders stolz auf die gute Zusammenarbeit zwischen dem Amt für Schule und Bildung, der Stadtbibliothek und dem Staatlichen Schulamt sei, die sich gemeinsam um das Projekt kümmern.

Bei der Leselernpatenschaft geht es hauptsächlich darum, Kinder zwischen drei und zwölf Jahren, die ein Lese- oder Schreibdefizit aufweisen, neben dem normalen Schulunterricht individuell zu unterstützen. Die Patenschaft kann jedoch nicht nur das Erlernen von Lesen beinhalten, sondern beispielsweise auch Kindern mit Migrationshintergrund die Möglichkeit bieten, die deutsche Sprache und Kultur durch eine andere Perspektive kennenzulernen.

Dankbar für diese ehrenamtliche Betreuung sind auch Vleron Sutaj, neun Jahre, und Luano Zepf, zehn Jahre alt. Beide besuchen die vierte Klasse der Adolf-Reichwein-Schule in Weingarten. "Von meiner Lesepatin habe ich nicht nur besser lesen gelernt, sondern sie erklärt mir auch viel, was in der Welt so passiert", erzählt Vleron und ist richtig froh um seine Patin Sylvia Mahler (72), die ihn bereits seit der zweiten Klasse unterstützt. "Am liebsten lese ich Abenteuergeschichten, die suche ich dann auch aus; aber wir haben auch schon gelernt, wie es im Körper so aussieht", sagt Vleron. Luano hingegen liest hauptsächlich mit seiner Lesepatin, ab und zu werden aber auch Kreuzworträtsel zusammen gelöst: "Sie hat mir gezeigt, wie man die Rätsel für Erwachsene löst, aber meistens üben wir lesen und das ist auch schon viel besser geworden."

Sylvia Mahler ist seit fünf Jahren Leselernpatin und hat sichtlich Spaß an ihrem Ehrenamt. Sie erklärt, dass man als Pate sehr viel mehr sei als eine reine Unterstützung beim Lesen: "Ich gehe individuell auf die Kinder ein. Dem einen muss ich die Welt eröffnen und auch die Kultur näher bringen, dem anderen muss ich helfen, sein Wissen zu bündeln."