Live-Erlebnis Entwicklungshilfe

Petra Völzing

Von Petra Völzing

Do, 18. November 2010

Freiburg

Freiburger und Merzhauser Bürger bei Partnerprojekten in Indien.

Dass das keine Urlaubsreise werden würde, ist der Reisegruppe aus Vauban und Merzhausen klar, als sie Ende Oktober den Flieger nach Delhi besteigt und damit ihre ansonsten ordentliche Ökobilanz ruiniert. Alle haben etwas gemeinsam: Sie engagieren sich für ein Partnerprojekt in Indien. Nun wollen sie vor Ort erkunden, was mit dem Geld, das sie Jahr für Jahr sammeln, tatsächlich geschieht.

"Wenn eine Gruppe einen Betrag im fünfstelligen Bereich aufbringt, so finde ich es vollkommen gerechtfertigt, dass sie selbst sehen will, wie das Geld verwendet wird," meint Benjamin Pütter, der die Gruppe leitet. Pütter lebt selbst in Vauban und ist Indienexperte bei Misereor. Seine Haupttätigkeit ist der Kampf gegen Kinderarbeit. Im Zentrum der Reise stehen der Besuch der Partnerschule der Karoline-Kaspar-Schule (KKS) in einem Steinbruchgebiet in Rajasthan und der Besuch eines Kindergartens in Bihar, der von der Wohngenossenschaft Genova in Vauban unterstützt wird. Für die evangelische Johannesgemeinde Merzhausen sind Pfarrer Martin Auffarth und Walter Witzel mit von der Partie. Ihr Steinbruchprojekt bei Bangalore liegt nicht auf der Reiseroute.

In Indien herrscht jetzt die beste Reisezeit. Die Temperatur liegt bei angenehmen 35 Grad. Auf den Flug von Delhi nach Jodhpur in Rajasthan folgen zweieinhalb Stunden Fahrt mit dem Jeep durch die Wüste Thar. Von Zeit zu Zeit öffnet sich der Blick auf die endlosen Steinbruchfelder, in denen die meisten Menschen hier unter schlimmen Bedingungen ihre Existenz bestreiten. Um zu verhindern, dass auch die Kinder in den Steinbrüchen arbeiten, richtet Gravis, eine indische Partnerorganisation von Misereor, in den Dörfern Schulen ein. Auch das Dorf Bheel Basti, in dem sich die Partnerschule der KKS befindet, liegt in diesem Gebiet. Dort wird der Gruppe ein begeisterter Empfang bereitet. Geschmückt mit Blumenketten und roten Punkten an der Stirn tanzen die Gäste mit den Kindern und Dorfbewohnern vor der Schule. Uta Stehle, Rektorin der KKS, führt Gespräche mit der Schulleiterin und dem Lehrer. Für sie sei mit diesem Besuch der Funke zum Feuer geworden, sagt sie. Die anderen mischen sich unter die Schülerinnen und Schüler, die in den beiden Klassenräumen für den Unterricht auf dem Boden sitzen. Besonders die beiden Kinder Mattis (15) und Meret (10) aus Vauban stehen im Mittelpunkt des Interesses. Betroffenheit löste die Frage aus, warum Mattis noch nicht verheiratet sei, wo er doch mit 30 tot sein werde. Tatsächlich sterben die Steinbrucharbeiter häufig bereits in diesem Alter an Staublunge.

Gravis betreibt hier zusätzlich zur Schule intensive Elternarbeit, um im Dorf das Verständnis für die Bildung der Kinder zu erhöhen. Zum Abschied gibt es Luftballons für die Kinder und die Gruppe singt unter der Leitung von Walter Witzel eine Auswahl an deutschem Liedgut.

Die Reise nach Bihar ist mühsam. Vom Flughafen in Patna bis zum Dorf Minehere, in dem nur Kastenlose leben, sind es noch zehn Stunden Busfahrt. Hierhin verirrt sich kein Tourist. Die Menschen leben als Tagelöhner in extremer Armut. Ein Haus gibt es für den Kindergarten in Minehere nicht. Die 40 Kinder kommen mit ihrer Betreuerin auf einem Platz in der Dorfmitte zusammen. Das Projekt kam zustande, damit auch die älteren Mädchen zur Schule gehen können, die sonst auf ihre kleinen Geschwister aufpassen müssten. Sabine Heinrich und Klaus Stieber von der Genova stellen dem Jesuiten-Pater Stevan, der den Kindergarten betreut, viele Fragen zu ihrem Projekt, denn sie wollen die Daheimgebliebenen gut informieren.

Auch in Bihar zeigt sich, was Entwicklungszusammenarbeit heute bedeutet. "Es genügt nicht, Schulen zu bauen und Brunnen zu bohren" sagt Walter Witzel, der in seiner Zeit als grüner Landtagsabgeordneter einige Jahre entwicklungspolitischer Sprecher seiner Fraktion war. "Es ist wichtig, bei den Menschen ein Bewusstsein für ihre Rechte zu schaffen. Auch die Ärmsten der Armen müssen in die Lage versetzt werden, sich an politischen Prozessen im Land zu beteiligen." Hier leisten die indischen Partnerorganisationen von Misereor wichtige Arbeit, vor allem mit den Frauen. Sowohl in Bheel Basti als auch in Minehere gibt es Frauenselbsthilfegruppen, die sich, staatlich gefördert, eigene Existenzen aufbauen und auch für politische Ämter kandidieren. In Bihar, wo das Kastensystem noch sehr rigide ist, hat diese Arbeit eine besondere Bedeutung. Die deutschen Hilfswerke haben Mühe, für die abstrakte politische Entwicklungsarbeit Spender zu mobilisieren. Da hilft es, wenn engagierte Menschen zu Augenzeugen werden und zuhause ihre Erfahrungen weitergeben.