Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

21. April 2017 20:31 Uhr

Interview

March for Science: Warum Freiburger Wissenschaftler am Samstag demonstrieren

Der "March for Science" in Freiburg ist von Doktoranden initiiert – unterstützt durch das Rektorat der Universität. Rektor Hans-Jochen Schiewer spricht über die Motive, für die Wissenschaftsfreiheit auf die Straße zu gehen.

  1. Wissenschaftler demonstrieren im Februar in Boston in den USA. Sie wollen „alternativen Fakten“ und anderen wissenschaftsfeindlichen Tendenzen entgegentreten. (Symbolbild) Foto: dpa

  2. Rektor Hans-Jochen Schiewer Foto: Silvia Gehrke

BZ: Herr Schiewer, um was geht es beim March for Science?
Schiewer: Wir wollen deutlich machen: Die Wissenschaften bieten einen internationalen, offenen Diskursraum, in dem Kontroversen in wissenschaftlichen Fragen in voller Freiheit ausgetragen werden können. Wir haben Studierende aus 123 Ländern und Wissenschaftler aus nahezu ebenso vielen Staaten. Und alle kommen hier zusammen in einem gemeinsamen Verständnis von Intellektualität und Rationalität, um miteinander im offenen Gespräch zu den besten Lösungen für die Probleme der Gegenwart zu kommen.

"Wir sind diejenigen, die rational argumentieren, wir sind zu intellektueller Aufrichtigkeit verpflichtet. Und wir wollen diese Haltung öffentlich zeigen." Hans-Jochen Schiewer
BZ: Ist diese Freiheit der Wissenschaft in Gefahr?
Schiewer: In Deutschland sehe ich sie nicht in Gefahr und auch nicht auf unserem European Campus am Oberrhein. Aber natürlich gibt es Länder, die die Universität nicht wie wir als offenen Diskursraum verstehen, in dem rational um Wahrheiten und Haltungen gestritten wird. Wir müssen heute konstatieren, dass diese Rahmenbedingungen selbst in Europa nicht überall in dem Maße gegeben sind, wie wir das für selbstverständlich halten.

Werbung


BZ: Gibt es in Deutschland, etwa seitens der AfD, Bestrebungen, diese Freiheiten einzuschränken?
Schiewer: Es gibt auch in Deutschland politische Positionen, die sich mit unserem Verständnis des offenen Wissenschaftsdiskurses nicht decken. Deshalb müssen wir als Institutionen der Wissenschaft und der Forschung Flagge zeigen. Aber auch jeder einzelne Wissenschaftler und jede Wissenschaftlerin ist hier gefordert. Deshalb bereiten wir in Freiburg den March for Science vor, als Symbol, dass wir bereit sind diese Auseinandersetzung um die Freiheit der Wissenschaft zu führen.

BZ:
Heißt das, die Universitäten werden sich in die öffentliche politische Debatte einmischen?
Schiewer: Was jeder individuell tut, ist ihm freigestellt. In der Universität treffen die unterschiedlichen Meinungen gemäß dem akademischen Selbstverständnis in einen rationalen Wettbewerb zueinander. Aber die Universität ist keine Einrichtung, die sich auf die eine oder andere politische Seite schlägt.

"Es gibt einerseits einen intellektuellen Diskurs über den Wahrheitsbegriff, auf der anderen Seite gibt es die Leugnung von Fakten." Hans-Jochen Schiewer
BZ: Inwieweit tragen Universitäten nicht zur Irrationalität bei, indem Poststrukturalisten und Dekonstruktivisten in ihren Reihen den traditionellen Wahrheitsbegriff ausgehebelt haben?
Schiewer: Man muss zwei Ebenen unterscheiden. Es gibt einerseits einen intellektuellen Diskurs über den Wahrheitsbegriff, auf der anderen Seite gibt es die Leugnung von Fakten, was als postfaktisch bezeichnet wird. Das Bundesverfassungsgericht hat Wissenschaft als die systematische Suche nach der Wahrheit definiert. Und dazu gehört auch, Welt- und damit auch Wahrheitsentwürfe als Konstruktionen immer wieder in Frage zu stellen. Aber das hat nichts damit zu tun, dass man bestimmte Fakten leugnet. Poststrukturalismus oder Dekonstruktivismus sind legitime Denkrichtungen, die man im Diskurs der Universität auf ihre Sinnhaftigkeit prüfen und mit denen man zu neuen Erkenntnissen kommen kann.

BZ: Mitglieder der Universität erfahren diese Konkurrenz von Theorien aber auch als Machtspiel.
Schiewer: Machtspiele? Das sind für mich eher intellektuelle Spielereien. Wir haben ganz klare Vorstellungen von Wissenschaftsfreiheit. Deshalb haben unsere Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen auch die Freiheit, selbstbestimmt zu arbeiten.

BZ: Es sind Politiker wie Erdogan, Putin oder Trump, die in ihren Ländern die Wissenschaft bedrängen. Werden die durch Demonstrationszüge beeindruckt?
Schiewer: Wir müssen das tun, was uns gemäß ist und wofür wir stehen. Wir sind diejenigen, die rational argumentieren, wir sind zu intellektueller Aufrichtigkeit verpflichtet. Und wir wollen diese Haltung öffentlich zeigen.
Hans Jochen Schiewer ( 61) ist Germanist und seit 2008 Rektor der Freiburger Universität.

Mehr zum Thema:

Autor: Wulf Rüskamp