Mit dem Senator zur Schule

Carola Schark

Von Carola Schark

Do, 31. August 2017

Freiburg

Jahrzehntelang prägten in Freiburg Büssing-Busse das Stadtbild und den öffentlichen Nahverkehr.

FREIBURG. Im Jahr 1925 bekam die seit 1901 verkehrende Freiburger Straßenbahn einen kleinen Bruder: Die ersten MAN-Langhauber-Busse verkehrten ab 1925 in der Stadt. Sie brachten Arbeiter und Flaneure vom nördlichen Stühlinger nach Betzenhausen und zurück. Die Geschichte des Omnibusverkehrs in Freiburg ist jedoch vor allem mit der Firma Büssing verbunden, deren Fahrzeuge hier ab den 1940er Jahren im Einsatz waren.

Der Name Büssing war übrigens kein Einfall eines findigen Marketingstrategen; Firmengründer Heinrich Büssing (1843 bis 1929) hieß wirklich so. Ab 1903 baute er in Braunschweig zunächst Lastwagen und schon ein Jahr später den ersten Omnibus. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, und bald schon galt Büssing als führende Marke. Ab den dreißiger Jahren wurde die sogenannte "Spinne" am Kühlergrill zum Erkennungsmerkmal. Der Grafiker Ernst Neumann-Neander war auf die Idee gekommen, den Lufteinlass für den Motor hinter Zierleisten zu verstecken. Zur "Spinne" gesellte sich ein weiteres Tier, das die Front markierte, nämlich der Braunschweiger Löwe.

Früh hatte die innovative Firma erkannt: Der Motor ist kein Pferd, das den dahinter liegenden Wagen ziehen muss. Sie hatte deshalb auf Unterflurmotoren gesetzt – während andere Hersteller noch an den altmodischen Langhaubern (mit dem Motor vor dem Führerhaus) festhielten. Ein solcher moderner "Trambus" mit Unterflurmotor hat den Motor nicht vorn, sondern zum Beispiel stehend neben dem Fahrerplatz, im Heck oder eben unter dem Boden wie eine Straßenbahn.

In der ersten Hälfte der 1940er Jahre kamen die ersten Büssing-Busse nach Freiburg. Die kantigen, schmucklosen Wagen kurvten später durch von Trümmern gesäumte Straßen. Erst in der Wiederaufbauzeit nach dem zweiten Weltkrieg wurde das Design der Busse nach und nach schicker. Chromleisten rundum blinkten mit der "Spinne" um die Wette.

Zwei Büssing-Omnibusse, die 1956 angeschafft worden waren, verfügten über 29 Sitz- und 33 Stehplätze sowie einen Zahltisch für den Schaffner. Den Karosseriebau übernahm die Firma Emmelmann in Hannover, weshalb solche Fahrzeuge auch als "Emmelmänner" bezeichnet werden. Waren sie schon von außen dank Spinne und Löwe von hohem Wiedererkennungswert, so bargen die beiden Wagen auch im Innenraum eine Besonderheit. Denn die damals sprichwörtlichen "halbstarken" Jugendlichen hatten immer wieder mit ihren Taschenmessern die Lehnen in den Bussen aufgeschlitzt, so dass die Polsterung herausquoll. Um den Spitzbuben den Spaß zu verderben und die Kosten zu reduzieren, wurden die Fahrzeuge mit hölzernen Straßenbahnsitzen ausgestattet.

Originell war nicht nur das Design der Büssing-Fahrzeuge, sondern auch manche Typenbezeichnungen. Denn wer kann schon behaupten, von einem "Senator" zur Schule gefahren worden zu sein? Für Bobbele war das in den 1960er und 1970er Jahren der Regelfall. Morgens warteten Trauben von Schülern auf den brummenden "Senator". Die kleinen Scheinwerfer mit reduzierter "Spinne" dazwischen gaben seiner Front einen resignierten Ausdruck, der zu den müden Gesichtern an der Haltestelle passte. Immerhin sorgten die schrägen seitlichen Fenster für etwas Dynamik.

Neben den "Senatoren" knatterte damals so mancher vierrädriger "Konsul" durch Deutschland, gelegentlich "Präfekten" und "Präsidenten" überholend. Die rollenden Würdenträger verschwanden zwar dank ihrer Robustheit lange nicht aus dem Stadtbild; ihre Nachfolger mussten sich jedoch mit fantasielosen Typenbezeichnungen zufrieden geben. Nicht nur in Freiburg setzten Verkehrsbetriebe immer wieder auf Büssing. Doch in den späten 1960er Jahren gingen die Verkäufe bei Büssing aufgrund steigender Konkurrenz zurück, und die Traditionsfirma wurde 1971 von MAN übernommen. Im September 1981 endete dann mit der Ausmusterung des letzten "Präfekt 13 D" die Ära der Büssing-Busse im Freiburger Nahverkehr. Auf die meisten wartete der Schrottplatz oder improvisierte "Museen", wo sie jahrelang im Freien stehen mussten. Im Sommer 2010 aber kehrte ein Veteran in die Heimat zurück, der 1956 zugelassene TU 7 (Trambus Unterflur mit 7-Liter-Maschine). Von Ternitz bei Wien, seiner letzten Station einer langen Odyssee durch verschiedene Museen, reiste er per Tieflader in die historische Wagenhalle an der Urachstraße, wo der Verein "Freunde der Freiburger Straßenbahn" eine Werkstatt betreibt. Bis 1965 war er im Freiburger Linienverkehr eingesetzt, ist dann zum Pannenhilfsfahrzeug umgebaut und bis 1981 als solches genutzt worden. Derzeit läuft die Restaurierung des Veteranen in ehrenamtlicher Arbeit. Der Traum rückt näher, mit dem über 60 Jahre alten Fahrzeug die Straßen zu erobern, während der Originalmotor tuckert – um beim Öffnen der Türen das für Busfans schönste Geräusch der Welt zu hören: Pfffft!