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12. Juli 2014

Miteinander statt Nebeneinander

"Im Grunde hat man keine Ahnung voneinander": Seit kurzem gibt es deutsch-türkische Biografiegespräche – Freiburgerinnen und Freiburger erzählen.

  1. Ulrike Schnellbach Foto: Thomas Kunz

  2. Ibrahim Sarialtin Foto: Thomas Kunz

  3. Hildegard Wenzler-Cremer Foto: Thomas Kunz

  4. Wilfried Nagel Foto: Thomas Kunz

  5. Ali Demirbüker Foto: Thomas Kunz

  6. Fethi Olcaytug Foto: t. kunz

Wer sich kennen lernen will, muss miteinander reden. Simpel, aber wahr. Sieben in Freiburg lebende Menschen haben das selbst erlebt: Sie nahmen am ersten deutsch-türkischen Biografiegespräch teil – erzählten von ihrem Leben, hörten sich die Lebensgeschichten der anderen an, entwickelten Verständnis und Sympathie füreinander. Solche Biografiegespräche gibt es inzwischen in ganz Deutschland. In Freiburg ist ein zweites in Vorbereitung.

Deutsch- und Türkeistämmige erzählen sich ihr Leben? Hm. "Ich hatte erstmal Schwierigkeiten zu begreifen, was das ist", sagt Hildegard Wenzler-Cremer. Trotzdem hat sie mitgemacht an jenem Wochenende im Februar, als sich drei türkeistämmige und vier deutsche Teilnehmer im Studienhaus Wiesneck in Buchenbach trafen. Eine Stunde lang sollte jeder von ihnen sein Leben erzählen – das, was er eben erzählen wollte. Die anderen sollten zuhören, durften nachfragen, aber nichts bewerten oder diskutieren.

"Ganz ehrlich: Es war schwierig, Leute dafür zu finden", sagt Ibrahim Sarialtin. Er hat selbst eine bewegte Biografie, von der Schwarzmeerküste nach Bayern, zurück nach Ankara und schließlich in den Breisgau, vom Kfz-Meister zum Projektleiter bei der Handwerkskammer, vom Politikinteressierten zum Freiburger Stadtrat. Gemeinsam mit der Journalistin Ulrike Schnellbach moderierte er das erste Biografiegespräch – und weil eine türkische Teilnehmerin krank geworden war, sprang er einfach ein und erzählte als erster sein Leben.

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"Jede Geschichte hat die Neugier auf die nächste Geschichte geweckt."
, Projektleiter bei der Fördergesellschaft der Handwerkskammer

"Das war ein Eisbrecher für alle anderen", sagt Ulrike Schnellbach. Denn es ist ja nicht einfach, Barrieren zu überwinden. Seit mehr als 50 Jahren leben und arbeiten Menschen aus der Türkei in Deutschland, inzwischen sind es fast drei Millionen. Oft sind sie immer noch fremd – und genau diese Fremdheit sollen die deutsch-türkischen Biografiegespräche überwinden. Dazu allerdings muss man sich einen Ruck geben – und etwas von sich preis. Und 60 Minuten können lang sein, wenn man von sich selbst erzählt. Das zumindest dachten die Teilnehmer. Sie stellten dann fest, dass es gar nicht so war. Und dass es umgekehrt äußerst spannend war, die Biografien der anderen zu hören.
"Ich war fast erschrocken, wie wenig ich weiß und was ich auch über mich selbst erfahren habe."

Wilfried Nagel, ehemaliger Lehrer an der Staudinger-Gesamtschule

Da gab es Menschen wie Ali Demirbüker, dessen Mutter allein als Gastarbeiterin aus der Türkei nach Deutschland kam und ihren Sohn Ali und später auch ihren Mann nachholte – das entspricht so überhaupt nicht dem Bild von türkischen Frauen. Der Sohn war damals 18 Jahre alt und hatte an der Umstellung aufs Deutschsein schwer zu tragen. "In Deutschland vermisste ich meinen Vater und die Türkei und in der Türkei meine Mutter und Deutschland", sagt Ali Demirbüker rückblickend. Wie Ibrahim Sarialtin hat er als Erwachsener wieder für ein paar Jahre sein Glück in der Türkei gesucht und festgestellt: "Hier wie dort: Die Sehnsucht begleitet uns immer."

"Als er erzählte, habe ich festgestellt, dass ich mit Ali Einiges gemeinsam habe", sagt Hildegard Wenzler-Cremer. Auch ihr Vater hatte wie Vater Demirbüker eine Flaschnerei, auch sie zog mit 18 aus einem Provinzstädtchen in die Welt – wenn auch freiwillig. Ali Demirbüker: "Und ich habe erfahren, dass Hildegard in den 70ern in der Türkei war." Wilfried Nagel ist ein weiterer Teilnehmer des Gesprächs: "Ich weiß jetzt auch, dass Ali hier in Freiburg in meiner Nachbarschaft lebt." Kleine Entdeckungen am Rande. Aber es geht um mehr: "Vorher denkt man, man weiß ungefähr, wie die anderen sind und wie sie leben", sagt Ulrike Schnellbach. "Durch die Gespräche merkt man, dass man im Grunde keine Ahnung voneinander hatte – und das, wo wir seit Jahrzehnten sozusagen Tür an Tür leben und gemeinsam unsere Gesellschaft bilden." Aus dem Nebeneinander, so das Ziel, soll endlich ein echtes Miteinander werden. Das Biografie-Projekt könnte dafür eine Keimzelle sein.

"Die deutschen Biografien sind fast immer direkt oder indirekt belastet durch die Themen Krieg und Nationalsozialismus, die Lebensgeschichten der Türkischstämmigen sind geprägt durch Abschied, Aufbruch und Neubeginn."

Hildegard Wenzler-Cremer, Psychologie-Dozentin an der Pädagogischen Hochschule

Auch Fethi Olcaytug entspricht nicht dem Klischee. Zum Biografiegespräch kam der Hochschulprofessor mit österreichischer und türkischer Staatsbürgerschaft mit einer Power-Point-Präsentation über sein Leben: "Ich habe das Gespräch als Aufgabe aufgefasst", sagt er mit Wiener Akzent. Auch wenn die Präsentation dann gar nicht zum Einsatz kam, hat er fast nichts ausgelassen in seinem Vortrag, vom Zuhause in Istanbul über die Arbeit in Wien bis zur heutigen Station an der Freiburger Uni. Für ihn war das Gespräch "wundervoll – zu hören, wie offen alle waren".

"Es gab viel Überraschendes über deutsche Leben zu hören. Ich dachte, alles sei geordnet und vorgeplant, aber die Wirklichkeit stimmte nicht mit meinen Vorstellungen überein."
Fethi Olcaytug
, Professor für Mikrosystemtechnik

An jenem Wochenende hörten die Teilnehmer sehr unterschiedliche Lebensgeschichten: eine Türkin, die vier Kinder großgezogen hat und nun als psychologische Beraterin arbeitet, eine Deutsche, die sich seit Jahren in der linken Türkei-Solidaritätsarbeit engagiert, ein ehemaliger Hochschulprofessor, der sich den interreligiösen Dialog zur Aufgabe gemacht hat – insgesamt ein mehrheitlich akademisch gebildeter Kreis, die meisten politisch denkende oder engagierte Menschen, keiner unter 40. Nach dem deutsch-türkischen Biografiegespräch sind sie in Kontakt geblieben.

"Egal, wohin man auswandert: Die Sehnsucht bleibt."
Ali Demirbüker, Buchhalter und Mitglied im Migrantenbeirat

Biografiegespräche gibt es inzwischen deutschlandweit, sie werden von der Robert-Bosch-Stiftung und der Baden-Württemberg-Stiftung gefördert; für die Teilnehmer sind sie kostenlos. In Freiburg gibt das städtische Migrationsbüro einen Zuschuss und hilft bei der Organisation.

Die Moderatoren Ulrike Schnellbach, Türkan Karakurt und Ibrahim Sarialtin suchen jetzt Teilnehmer für das zweite Biografiegespräch, das im Herbst stattfinden soll. So bunt und gemischt wie möglich soll die Gruppe sein. Zwei Mal im Jahr wird es dann Nachtreffen aller Beteiligten geben. Damit, so Ulrike Schnellbach, "ein wachsendes Netzwerk und ein freundschaftlicher Austausch von Deutschen und Türkeistämmigen in Freiburg entsteht".

Deutsch-türkische Biografiegespräche: Das zweite Gespräch findet vom 19. bis 21. September 2014 im Studienhaus Wiesneck in Buchenbach statt. Infos und Anmeldung beim Büro für Migration und Integration, Tel. 0761/201-3054, oder per Mail: ulrike.vogt@stadt.freiburg.de, oder bei Ulrike Schnellbach, Tel. 0761/4880195, Mail: ulrike.schnellbach@googlemail.com. Die Teilnahme ist kostenlos.

Autor: Simone Lutz