Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. Juni 2012

Kinderbetreuung

Nachfrage nach Ganztagsschule und Hortplätzen explodiert

Den flächendeckenden Ausbau der Ganztagsschulen hat sich die Stadt auf die bildungspolitische Fahne geschrieben. Noch ist dieses Ziel keineswegs erreicht. Deshalb tun sich nach den vergleichsweise besser ausgestatteten Kita-Jahren große Lücken in der Kinderbetreuung auf. Ein Riesenproblem für viele Eltern von Grundschulkindern. Dem man in Freiburg vielfältig zu begegnen versucht.

  1. … und in der Schulmensa ein Mittagessen. Foto: Michael Bamberger

Es brennt", klagen Elternvertreter, freie Träger und Schulleiterinnen übereinstimmend, wenn sie nach dem Stand der Nachmittagsbetreuung von Grundschülern befragt werden. "Die Nachfrage explodiert", beobachtet Petra Hoja vom Gesamtelternbeirat (GEB) der Freiburger Schulen. Andrea Letzner vom Kita-GEB schildert ihre eigenen Erfahrungen als betroffene Mutter: "Die Eltern fallen in ein Betreuungsloch, wenn ihr Kind von der Kita an die Grundschule wechselt."
Gretel Maertins könnte locker eine vierte Klasse füllen in der von ihr geleiteten dreizügigen Vigelius-Grundschule, so groß ist die Nachfrage nach einem Platz in der bislang ersten und einzigen gebundenen Ganztagsgrundschule in Freiburg. Die Eltern lockt nicht nur die verlässliche Betreuung ihres Kindes bis 17 Uhr, sondern auch das qualifizierte pädagogische Konzept, das kognitives und soziales Lernen, Unterricht und Freizeit zu einem Ganzen verknüpft. Mindestens 40 Kinder aus anderen Schulbezirken hatte die Schulleiterin für das laufende Schuljahr ablehnen müssen. Grundschüler sind eigentlich an die Schule ihres Bezirks gebunden. An die Vigeliusschule gehen deshalb vorrangig Kinder aus Haslach. Nur drei Prozent der Eltern wollen keine Ganztagsschule und schicken ihr Kind stattdessen zur dann zuständigen Pestalozzischule. Andrea Letzner und ihr Mann hingegen wollten für ihren Sohn unbedingt die Vigeliusschule und nahmen das komplizierte Antragsverfahren für einen Schulbezirkswechsel auf sich. Weil die Familie in Weingarten wohnt, müsste das Kind eigentlich in die Adolf-Reichwein-Schule gehen. Aber die wird erst in drei Jahren eine (offene) Ganztagsschule. "Wir brauchen eine Betreuung bis 17 Uhr", bekräftigt die berufstätige Mutter. Allein sechzehn "Adolf-Reichwein-Eltern" wollten ihre Kinder an der Vigeliusschule unterbringen, nur drei wurden genommen, weil schon Geschwisterkinder dort sind. Die anderen kehrten notgedrungen an die Adolf-Reichwein-Schule zurück.

Werbung


Am liebsten wäre es Rudolf Burgert vom Amt für Schule und Bildung, wenn er überall eine qualitativ hochwertige Ganztagsbetreuung wie in der Vigeliusschule anbieten könnte. Den flächendeckenden Ausbau der Ganztagsschulen hat sich die Stadt auf ihre bildungspolitischen Fahnen geschrieben. Aber bis es soweit ist, dürften viele der jetzt unversorgten Kinder dem Schulalter entwachsen sein. Nun muss das zuständige Amt sehen, wie es in der Übergangszeit immer neue Lücken stopft, die sich auftun.

Nicht nur in Vauban gärt es (die BZ berichtete). Auch von Engpässen in Littenweiler, St.Georgen, Mooswald und eben Haslach-Weingarten ist zu hören. "Alle Schulen, die einen Bedarf signalisieren, bekommen eine flexible Nachmittagsbetreuung", heißt es aus dem städtischen Presseamt. "Die Stadt ist sehr entgegenkommend und an kreativen Lösungen interessiert", wird dem Schulamt nicht nur von Sylvia Bohn, Leiterin der Adolf-Reichwein-Schule, sondern auch von Trägern und Elternvertretern bescheinigt. Aber "es bleibt eine Flickschusterei", bemängelt Karin Seebacher vom Jugendzentrum der Diakonie-Südwest in Weingarten.

Karin Seebacher organisiert die flexible Nachmittagsbetreuung für die Adolf-Reichwein-Schule. Die derzeit 56 Plätze in acht Gruppen mit einer Betreuungszeit bis 16 Uhr sollen aufgestockt werden auf zehn Gruppen für 80 Kinder. Die Schulleiterin setzt sich ein für die Einrichtung einer "Notgruppe" mit Betreuungszeiten bis 17 Uhr, damit auch der Bedarf von Andrea Letzner abgedeckt werden kann. Diese Gruppe ist aber jetzt schon voll. Ihr Sohn steht auf Platz 20 der Warteliste. Und Karin Seebacher weiß noch nicht, wo sie die Räume hernehmen soll für die Erweiterung.

An der Paul-Hindemith-Schule im Stadtteil Mooswald organisiert der 2003 gegründete Förderverein die Kernzeit- und Übermittagsbetreuung bis 14 Uhr. Waren es zunächst 30, so nutzen sie jetzt 160 Kinder. "Wir mussten einen Deckel drauf machen", erklärt Vorstandsmitglied Petra Hoja. Eltern müssen Arbeitsnachweise vorlegen. Viertklässler werden nur noch in Ausnahmefällen genommen. Wer ein Anschlussangebot bis 16 oder 17 Uhr braucht, kann einen der Schularbeitskreise buchen, die der Bürgerverein seit 13 Jahren anbietet. "Wir bräuchten Lösungen aus einem Guss", fordert GEB-Vorsitzende Antje Reinhard. Das Schulamt bastelt an einem neuen Konzept, das unter anderem die Nachmittagsbetreuung an den Schulen in der Hand jeweils eines Trägers konzentrieren will. Eine qualitativ hochwertige Betreuung ist damit nicht garantiert: 7,50 Euro pro Stunde kann Karin Seebacher ihren Betreuungskräften zahlen – meist Studierende der pädagogischen oder evangelischen Hochschule. "Da hält sich das Engagement in Grenzen, und die Fluktuation ist hoch." Dabei wären gerade viele Weingartener Kinder auf qualifizierte Fachkräfte angewiesen, ist sie sich mit Sylvia Bohn einig. Allein 30 besonders belastete, weiß die Schulleiterin, warten auf einen Platz im heilpädagogischen Hort in der benachbarten Krozinger Straße, dessen 32 Plätze aber alle belegt seien.

Im Schülerhort am Luckenbachweg (Haslach), den die Arbeiterwohlfahrt (AWO) betreibt, sind von ursprünglich vier nur noch zwei Gruppen geblieben. "Es gab keine Finanzierung mehr", erklärt Rainer Luithardt. "Der Bedarf wäre da gewesen." Stattdessen wurden zwei Kitagruppen eingerichtet. Auch im interkulturellen Kinder- und Familienzentrum in Weingarten nutzte die AWO die energetische Sanierung dazu, eine neue Gruppe für unter Dreijährige einzurichten. Statt ursprünglich 15 können jetzt nur noch acht Schulkinder betreut werden. Hortplätze sind nicht nur wegen des pädagogisch qualifizierten Personals begehrt. Sie haben weniger Schließzeiten als die flexible Nachmittagsbetreuung, die während der Schulferien komplett ausfällt. Stadt und freie Träger bieten aber "Lückenfüller" an.

"Hortplätze anzubieten ist betriebswirtschaftlich verrückt", sagt Stefanie Rausch vom Diakonieverein Südwest. Sie gelten als finanzielle Stiefkinder, weil ihnen vieles nicht gewährt wird, was für Kitaplätze zum Standard gehört: zum Beispiel die 350 Euro pro Kind und Jahr für ein Kind ausländischer Herkunft.

"Es werden keine

Schulkindplätze

abgebaut."

Edith Lamersdorf,

Pressesprecherin der Stadt
"Um uns zukunftsfähig zu halten, müssen wir auch Plätze für unter Dreijährige anbieten." Zehn U 3-Plätze sind für das Kinderhaus der Diakonie in Weingarten beantragt – bevor die Investitionszuschüsse des Bundes Ende 2013 auslaufen. Die Hortplätze für Schulkinder werden im Gegenzug von 24 auf 18 reduziert – es sei denn, das Landesjugendamt lässt mit sich verhandeln über eine Übergangsregelung, und mit der Stadt wird eine kreative Lösung zur Unterbringung der Schulkinder – etwa in einem Container – gefunden.

2007 hatte der Gemeinderat beschlossen, die Schulkindbetreuung vollständig aus der Jugendhilfe (Amt für Kinder, Jugend und Familie) in die Zuständigkeit des Schulamtes zu überführen und die Horte allmählich aufzulösen. Inzwischen wurde die Notbremse gezogen: Wegen der großen Nachfrage und weil es kaum Ganztagsschulen gibt, "werden keine Schulkindplätze in Jugendhilfeangeboten abgebaut, bis ausreichend schulische Angebote zur Verfügung stehen", versichert Edith Lamersdorf vom städtischen Presseamt.

Schulamtsleiter Rudolf Burgert versteht die Klagen der Beteiligten über die schlechten Rahmenbedingungen für die Schulkindbetreuung. Ein neues Konzept könne allerdings nur umgesetzt werden, wenn der Gemeinderat im kommenden Doppelhaushalt ausreichend finanzielle Mittel und Personalstellen zur Verfügung stelle.

ANGEBOTE

Aktuelle Situation

Staatliche
Ganztagsschulen
:

– Vigelius-Grundschule Haslach (gebunden, das heißt, die ganztägige Teilnahme ist verpflichtend)

– Albert-Schweitzer-Grundschule Landwasser (offen)
– Reinhold-Schneider-Schule Littenweiler (offen, im Aufbau)

In Planung:

– Adolf-Reichwein-Schule Weingarten

– Schönberg-Grundschule St.Georgen

(beide offen)
Schülerhorte:

– 10 reine Schülerhorte mit 358 Plätzen,

– 11 Horte an Schulen mit 525 Plätzen (davon einer schul- und stadtteilübergreifend, die übrigen nur für Schüler/innen dieser Schule)

– 25 Kitas mit 370 Plätzen für Schulkinder in Hort- oder altersgemischten Gruppen

Flexible Nachmittagsbetreuung:

Von 13/14 bis 16/17 Uhr, je nach Bedarf der Familien; gibt es an 22 von 30 öffentlichen Grundschulen einschließlich Reinhold-Schneider-Schule. Neu ab kommendem Schuljahr: Johannes-Schwartz-Grundschule Lehen. An der Pestalozzischule Haslach wird mit der Übermittagsbetreuung bis 14 Uhr eine Angebotslücke geschlossen (bisher zu wenig nachgefragt). Schauinslandschule Kappel: Gespräche mit dem Förderverein laufen, flexible Nachmittagsbetreuung vermutlich ab Schuljahr 2012/13.

Anmeldungen stiegen von 600 im Schuljahr 2003/04 auf 1472 im Schuljahr 2010/11.

Keine Nachmittagsbetreuung:

Feyelschule (Ebnet), Hofackerschule (Mooswald), Schneeburgschule (St.Georgen)
 

Autor: arü

Autor: Anita Rüffer