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07. Oktober 2016 08:15 Uhr

Zwölf Biografien

Warum die Namen dieser Persönlichkeiten von Freiburger Straßenschildern verschwinden sollen

Heidegger und Hindenburg stehen seit Jahren in der Diskussion, andere Namen der Kommissionsliste sind deutlich unbekannter. In zwölf Einzelgutachten skizzieren die Wissenschaftler die Biografien der zwölf Namensgeber – und ihre Begründungen, warum sie sie hierfür als ungeeignet ansehen. Eine Zusammenfassung.

  1. Johann A. Ecker Foto: Heiko Wegmann

  2. Ludwig Aschoff Foto: Privat

  3. Martin Heidegger Foto: zdf

  4. Sepp Allgeier Foto: Stellmach

Sepp Allgaier (1895-1968)

Der Pionier des Bergfilms arbeitete unter anderem mit Arnold Fanck und Luis Trenker zusammen. Er war aber auch der Chefkameramann von Leni Riefenstahls nationalsozialistischen Parteitagsfilmen "Sieg des Glaubens" (1933) und "Triumph des Willens" (1934) und drehte zahlreiche weitere NS-Propagandafilme. Umbenennungsvorschlag: Hildesuse Gärtner, siebenfache deutsche Meisterin im Skilaufen und Freiburger Stadträtin.

Ludwig Aschoff (1866-1942)

Denken, Forschen und politisches Handeln des Professors für Pathologie wurden laut Gutachten von rassenhygienischen, völkisch-nationalen Kategorien geleitet: "Seine Forschung verstand er immer als einen Beitrag zur Reinheit und Stärkung des deutschen Volkes, Krieg und Heldentod als Brennpunkt aller großen sittlichen und körperlichen Kräfte." Als einer der bekanntesten Pathologen seiner Zeit hatte er großen Einfluss auf jüngere Kollegen. Umbenennungsvorschlag: Die Kommission empfiehlt die Einbeziehung des Friedrich-Gymnasiums am Ludwig-Aschoff-Platz bei der Namenssuche.

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Julius Brecht (1900-1962)

Der Volkswirt war von 1938 bis 1945 Präsident des Reichsverbandes des deutschen gemeinnützigen Wohnungswesens. Nach dem Krieg wurde er Direktor des Gesamtverbandes gemeinnütziger Wohnungsbauunternehmen und war von 1957 bis 1961 SPD-Bundestagsabgeordneter. Das Gutachten nennt ihn einen "überzeugten Vertreter der nationalsozialistischen Ideologie", der auch die Vertreibung von Jüdinnen und Juden aus ihren Wohnungen und Häusern unterstützte. Mit seiner Rolle im Nationalsozialismus habe er sich nie öffentlich auseinandergesetzt und seine Karriere nach Eintritt in die SPD 1947 weitgehend ungebrochen fortgesetzt. Umbenennungsvorschlag: Gertraude Ils, SPD-Stadträtin in Freiburg.

Johann A. Ecker (1816-1887)

Der angesehene Freiburger Anatom begründete eine anthropologische Sammlung, deren Herzstück 1600 Menschenschädel sind. Diese "Rasseschädel" stammen unter anderem aus Afrika, Peru und Malaysia. Seine Studien dienten nach Ansicht der Kommission der Begründung rassistischer Ideologien des 20. Jahrhunderts, auch sei die "Bestellung" von Schädeln als Forschungsobjekte zumindest fragwürdig. Umbenennungsvorschlag: Adolf Kußmaul, Direktor der Klinik für Innere Medizin.

Max von Gallwitz (1852-1937)

Der hoch dekorierte General wurde im Ersten Weltkrieg an der Ost- und an der Westfront eingesetzt, er machte sich vor allem durch den verlustreichen deutschen Angriff auf Verdun und die "Abwehrschlacht" an der Somme einen Namen. Laut Gutachten stand Gallwitz nach dem Krieg für die "politisch verhängnisvolle Losung", die deutschen Soldaten seien "im Felde unbesiegt" geblieben. Als Förderer des deutsch-nationalen Revisionismus gegen das Versailler "Schanddiktat" sei er maßgeblich am Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung beteiligt gewesen. Umbenennungsvorschlag: Erich Maria Remarque, pazifistischer deutscher Schriftsteller.

Alfred Hegar (1830-1914)

Der Direktor die Freiburger Universitätsfrauenklinik gilt als Begründer der operativen Gynäkologie. Neben seinen Verdiensten im Bereich der Geburtshilfe habe er nicht nur ein zeitgenössisch durchaus übliches frauenfeindliches Denken vertreten, sondern auch rassenhygienische und eugenische Forderungen erhoben. Laut dem Gutachten war er unter anderem "einer der ersten Fürsprecher einer staatlichen Regulierung der Fortpflanzung". Umbenennungsvorschlag: Sabine von Kleist, erste Dekanin der Medizinischen Fakultät der Uni Freiburg.

Martin Heidegger (1889-1976)

Das Plädoyer für die Umbenennung des Zähringer Spazierwegs dürfte wohl für das größte Aufsehen sorgen. Trotz seines "Weltruhms" als Philosoph stehen für die Kommission aber Heideggers "verhängnisvolle Rolle bei der Nazifizierung der deutschen Universität außer Frage". Der kurzzeitige Rektor der Uni Freiburg habe sich nie deutlich vom Nationalsozialismus distanziert; die "Radikalität" der von ihm erhofften völkisch-nationalen Wiedergeburt Deutschlands gehe "weit über die nationalsozialistischen Ambitionen hinaus". Umbenennungsvorschlag: Philosophenweg – mit Zusatzschild, das auf Heidegger und seine Kollegen Husserl und Cohn verweist.

Ludwig Heilmeyer (1899-1969)

Der Leiter der Inneren Medizin an der Universitätsklinik Freiburg galt zu Lebzeiten als als herausragender Hämatologe, noch heute ist eine Station der Uniklinik nach ihm benannt. Neben seinen medizinischen Leistungen verweist das Gutachten aber auf Heilmeyers politische Haltung: Er war Mitglied eines Freikorps, engagierte sich im "Stahlhelm", der später in die SA überführt wurde, war wesentlich an der Gründung eines Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbundes beteiligt und entlastete nach dem Krieg in einem Gutachten einen KZ-Arzt. Umbenennungsvorschlag: George Charles Hevesy, ungarischer Chemieprofessor an der Uni Freiburg.

Paul von Hindenburg (1847-1934)

Als "besonders schwerwiegend" für ihre Empfehlung, die Hindenburgstraße umzubenennen, wertet die Kommission seine Berufung von Adolf Hitler zum Reichskanzler. Als Reichspräsident habe Hindenburg niemals die Verordnungen und das Ermächtigungsgesetz unterzeichnen dürfen, "die die freiheitlichen und demokratischen Grundrechte der Verfassung aufhoben und die nationalsozialistische Diktatur erst ermöglichten". Aber auch schon durch die Verbreitung der "Dolchstoßlegende" habe der Ex-Generalfeldmarschall antidemokratische Kräfte gegen die Weimarer Republik mobilisiert. Umbenennungsvorschlag: Otto Wels, SPD-Vorsitzender, im Exil seit 1933.

Erich Lexer (1867-1937)

Der Mediziner gilt als "Vater der Wiederherstellungschirurgie", in Freiburg ist auch eine Klinik nach ihm benannt. Lexer begrüßte laut Gutachten die Machtübernahme der Nationalsozialisten, wurde 1933 "förderndes Mitglied" der "Algemeinen SS". Unter seiner Verantwortung wurden 1050 Menschen zwangssterilisiert. Umbenennungsvorschlag: Wilhelm von Möllendorff, Professor für Anatomie.

Johann Jacob Renner (um 1600)

Renner wurde 1590 zum auf Lebenszeit ernannten Mitglied im Rat der Stadt Freiburg, er war auch Oberzunftmeister. Als für das Gerichtswesen zuständiger Statthalter des Schultheißen brachte er 1599 zwölf Frauen als Hexen auf den Scheiterhaufen und beförderte auch später noch Hexenprozesse – obwohl es auch zu dieser Zeit bereits "begründete Stellungnahmen gegen den Hexenwahn" gab. Umbenennungsvorschlag: Friedrich von Spee, zeitgenössischer Gegner der Hexenverbrennung.

Alban Stolz (1808-1883)

Der Freiburger Professor für Pastoraltheologie und Pädagogik erreicht mit seinen im Herder-Verlag erschienenen katholischen Kalendern und Schriften ein Massenpublikum. Seine Werke sind laut Kommission gekennzeichnet von einem "aggressiven Antisemitismus", den er letztlich rassisch begründete. Er bezeichnete Juden unter anderem als "Unkraut", "Ratten", "Maden". Sein "antisemitisches Wahnsystem" habe große Wirkung auf das katholische Milieu in Deutschland gehabt. Umbenennungsvorschlag: Gottfried Keller, Schweizer Dichter.
Erklärungsbedürftig

Neben den zwölf Straßen, für die die historische Kommission eine Umbenennung empfiehlt, nennt sie 15 weitere, die einer Erläuterung auf den Straßenschildern bedürfen:
  • Arndtstraße (Haslach),
  • Conrad-Gröber-Straße (Altstadt),
  • Fichtestraße (Haslach),
  • Freytagstraße (Betzenhausen),
  • Hansjakob-Straße (Waldsee),
  • Hermann-Mitsch-Straße (Industriegebiet Nord),
  • Jahnstraße (Waldsee),
  • Körnerstraße (Haslach),
  • Linnéstraße (Mooswald),
  • Richard-Strauß-Straße (Herdern),
  • Richard-Wagner-Straße (Herdern),
  • Seitzstraße (Haslach),
  • Staudingerstraße (Haslach),
  • Weismannstraße (Waldsee), und
  • Zasiusstraße (Wiehre).
Der Pfarrer und Schriftsteller Heinrich Hansjakob und der Chemie-Nobelpreisträger Hermann Staudinger sind wegen antisemitischer Haltungen umstritten. OB Salomon begrüßt den Vorschlag des Historikers Bernd Martin, die nach Staudinger und Hansjakob benannten Schulen sollten sich selbst mit ihren Namensgebern beschäftigen, etwa im Geschichts-Leistungskurs. Das letzte Wort hat der Gemeinderat.

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Autor: Thomas Goebel