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04. August 2012 00:20 Uhr

"Crossing the Borders of Time"

Neues Buch: Eine Freiburger Jüdin, die vor den Nazis floh

Die US-Journalistin Leslie Maitland hat die Geschichte ihrer jüdischen Familie veröffentlicht, die aus Freiburg stammt und vor den Nazis fliehen musste – eine glückliche Liebesgeschichte inklusive.

  1. Janine, Roland und Leslie im Jahr 1999 in Lyon, einer der Fluchtstationen Foto: Leslie Maitland

  2. Finanzamtsauszug der Familie Günzburger, den sie nach der Enteignung für den Grenzübertritt nach Frankreich benötigte. Als Vermögen wird überall „Nichts“ genannt. Foto: Leslie Maitland

  3. Leslie Maitland Foto: Leslie Maitland

  4. Das Hotel Minerva an der Ecke Poststraße/Rosastraße in Freiburg. Rechts daneben ist das ehemalige Wohnhaus der Günzburgers zu erkennen. Foto: Leslie Maitland

  5. in Familienbild der Günzburgers nach ihrer Flucht . Zu sehen sind die Eltern Alice und Sigmar (vorne), Janine (rechts hinten) mit ihren Geschwistern Trudi und Norbert. Er kehrte kurz nach der Aufnahme als Soldat nach Deutschland zurück Foto: Leslie Maitland

Janine Maitland spricht nicht gerne in der Öffentlichkeit. Noch nicht einmal, wenn es um das neu erschienene Buch geht, in dem sie die Hauptrolle spielt. Die 88-Jährige mag das von ihrer Tochter geschriebene Buch, steht aber nur ungern im Mittelpunkt. Sie überlässt es ihrer Tochter, ihre Geschichte zu erzählen: im Buch, im Rundfunk oder bei Autorenlesungen. Es ist eine Freiburger Geschichte. Janine hat ihre Geschichte Leslie erzählt, Leslie erzählt sie nun uns.

Janine Maitland wurde 1923 als Hanna Günzburger geboren. Hanna ist Jüdin. Sie ist die Tochter eines jüdischen Kaufmanns, der einen erfolgreichen Eisenwaren-Handel in der Rosastraße in Freiburg betrieb. 1938 flohen sie und ihre Familie vor den Nazis. Die Flucht über Frankreich bis in die USA dauerte fünf lange Jahre. Kaum hatte sie Deutschland hinter sich gelassen, nannte Hanna sich fortan Janine und verstand sich seitdem mehr als Französin denn als Deutsche. In Deutschland war die Familie enteignet, verfolgt und gedemütigt worden. Detailliert und präzise erzählt das Buch "Crossing the Borders of Time" dieses für viele jüdische Familien typische Schicksal, aber auch die Geschichte von Janines Liebe zu Roland, einem jungen französischen Katholiken, den sie 1942 in Marseille zurücklassen musste – und nach 50 Jahren wiederfand.

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Auf Spurensuche in der Freiburger Poststraße

Leslie Maitland ist die Autorin des Buches. Die damalige Reporterin der New York Times war überrascht, als ihr ihre Mutter 1989 vorschlug, das für sie bis dahin "verbotene Land" zu besuchen. Janine Maitland wollte ihrer Tochter zeigen, wo sie herkam, wo ihre Lebensgeschichte begonnen hatte. Diese Geschichte, die es mit jedem Drehbuch aufnehmen kann, hat Leslie Maitland dokumentiert. Sie beginnt in Freiburg. Hier wuchsen Hanna und ihre zwei Geschwister auf, hier gingen sie zur Schule und hier hatten sie Freunde.

Im Oktober 1989 gingen Mutter und Tochter erstmals auf Spurensuche. Unweit des Freiburger Bahnhofs klingelten sie an der Tür des Hauses Poststraße 6, das bis zur "Arisierung" im Jahr 1938 der Familie gehört hatte. Hannas Vater Sigmar hatte das Haus vor der Flucht weit unter Wert verkaufen und die "Reichsfluchtsteuer" sowie andere Zwangsabgaben zahlen müssen. Vom kleinen Erlös war nichts übriggeblieben. Womit Hanna, jetzt Janine, und Leslie bei ihrem unangekündigten Besuch nicht rechneten, war, nach mehr als 50 Jahren spontan und herzlich mit "Frau Günzburger" begrüßt zu werden. Noch gut erinnerte man sich hinter der Tür an die früheren Bewohner, auf die heute zwei Stolpersteine vor der Tür hinweisen.

Die Mutter des Mannes, der Janine mit ihrem Mädchennamen begrüßte, war einst Hannas Nachbarin gewesen. Sie, nur wenige Jahre älter als Janine, war 1989 die Hausherrin an der Poststraße. Bei einem späteren Besuch posierte sie stolz für Leslie Maitlands Kamera, vor einer in ihrem Schlafzimmer aufgehängten Urkunde von einem Jugendsportfest aus dem Jahr 1934 – ein Hakenkreuzbanner inklusive. Ihr Sohn ist heute mit den Mait-lands befreundet. Es sollte für Maitland nicht die einzige Erfahrung zwischen Gastfreundschaft, Verdrängen und Vergessen bleiben.

Wenn das Enteignungsdatum zum Gründungsdatum wird

Zusammen mit der 2009 verstorbenen Freiburgerin Sissi Walther, die sich intensiv für die deutsch-jüdische Aussöhnung einsetzte, fuhr Leslie Maitland während ihres zweiten Deutschland-Besuchs 1990 zur Freiburger Firma Eisen Glatt. "Eisen Glatt" hieß ursprünglich "Gebrüder Günzburger". 1938 hatte Leslie Maitlands Großvater, Sigmar Günzburger, der eigentlich "Samuel Sigmar" hieß, den Betrieb abgeben müssen. Das Schild "Neue arische Eigentümer" hing schon am Eingang, als die Günzburgers auf dem Weg ins Exil zum nahen Bahnhof gingen. 1990 führte ein Sohn der Familie Glatt die Geschäfte. Leslie Maitland und Sissi Walther hatten ihn für ein Gespräch über die Vergangenheit aufgesucht. Stundenlang ließ er sie im Foyer warten, berichtet Leslie Maitland. Als er erfuhr, weshalb die Besucherinnen gekommen waren, warf er sie kurzerhand raus. "Ich bin nicht interessiert!" Die Firmenchronik in einer Hochglanzbroschüre zum 50-jährigen Jubiläum nannte das Jahr der Enteignung als Gründungsdatum. Tags drauf besuchte Leslie Maitland den jüdischen Friedhof in Ihringen. Ihr Großvater war 1880 in Ihringen geboren worden. Nahezu sämtliche der knapp 200 Gräber des Friedhofs waren kurz vorher geschändet worden. Auch ein Grabstein der Familie Günzburger war umgeworfen worden. Die Täter wurden nie gefasst.

"Crossing the Borders of Time", das sich so spannend wie ein Roman liest, aber ein Tatsachenbericht ist, erzählt neben der teilweise leidvollen Familiengeschichte eine glückliche Lovestory. In Mulhouse lernte Janine den aus Rücksicht auf seine Familie im Buch "Roland" genannten Elsässer kennen und lieben. Janines Eltern hielten nichts vom jungen Liebesglück, welches sie lange versteckt hielt. Die Familie floh weiter – über Gray bis ins unbesetzte Lyon. In Lyon traf Janine auf der Straße Roland wieder, der sich an der dortigen Uni eingeschrieben und sie und ihre Schwester Trudi zufällig entdeckt hatte. Roland und Janine verlobten sich. Er kaufte ihr einen Ring, sie schenkte ihm ihr Amulett. Es war das einzige wertvolle Schmuckstück, das sie noch besaß, und es war ausgerechnet mit ihren ungeliebten deutschen Initialen graviert: H.G. Beim Abschied im Hafen von Marseille gab Janine Roland ihr Poesiealbum mit, das Leslie Maitland bei ihrer Recherche 1990 in Mulhouse wiederfinden sollte. Dem Dampfschiff Lipari, mit dem die Familie 1942 floh, ruderte Roland im Hafen hinterher. Vergebens.

Nach einer Odyssee über Casablanca und Kuba ließen sich die Günzburgers in New York nieder. Rolands Briefe und Telegramme erreichten Janine fortan nicht mehr, denn Vater Sigmar fing die Post ab. Schließlich heiratete Janine den New Yorker Len Maitland, Leslie Maitlands Vater. Nach dessen Tod und ein Jahr nachdem Leslie Rolands Schwester in Mulhouse aufgespürt hatte, sahen sich Janine und Roland zum ersten Mal wieder. Roland war Ende der 1940er Jahre nach Kanada ausgewandert und nahezu 50 Jahre lang wussten die beiden nichts vom Schicksal des jeweils anderen. Sie wussten voneinander nicht, ob sie die Flucht oder er den Krieg überlebt hatten. Beide inzwischen um die Siebzig, wurden sie erneut ein geradezu turtelndes Paar. Und so hält die Lebensgeschichte der Janine Maitland, was der Untertitel des Buches verspricht: "Eine wahre Geschichte von Krieg, Exil und einer wieder gewonnenen Liebe".

Leslie Maitland hat seit 1989 mehrmals in Freiburg recherchiert und hier zahlreiche Freundschaften geschlossen. Sie war auch Gast bei den damaligen Begegnungswochen für ehemalige jüdische Mitbürger. Mehr als zehn Jahre dauerte es, die Lebensgeschichte ihrer Mutter für das Buch zu dokumentieren. Dazu besuchte Leslie Maitland – oft begleitet von Janine und Roland – sämtliche Stationen der Flucht von 1938 bis 1943.
Bibliografische Angaben

Leslie Maitland: Crossing the Borders of Time, Other Press: New York, 2012. Das 500 Seiten starke Buch ist in englischer Sprache erschienen. Es ist beziehbar über den Internet-Buchhandel. Eine französische Ausgabe erscheint 2013. Maitland sucht noch einen deutschen Verleger.

Autor: Alexander M. Preker