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16. März 2010

Neugierig auf Alltag der 50er Jahre

Schülerinnen und Schüler forschen im Stadtarchiv über Regionalgeschichte / Zeitzeugen-Gespräch mit Ex-OB Rolf Böhme.

Der Geruch passt zum Thema, als die Schüler und Schülerinnen am Ende eines langen Vormittags das Staatsarchiv Freiburg betreten: "Die Fünfziger Jahre – Zwischen Mief und Rock ’n’ Roll". Das Gebäude aus den 1950er Jahren riecht etwas muffig, nach Archiv eben. So bekommen die jungen Nachwuchsforscher gleich einen Eindruck von ihrem Arbeitsplatz während der nächsten Monate. Doch das schreckt die Schüler und Schülerinnen nicht ab. Sie wollen beim Wettbewerb des Freiburger Netzwerks Geschichte zur damals noch jungen Bundesrepublik forschen.

Im Zentrum muss jedoch die Regionalgeschichte stehen, zum Beispiel die Auswirkungen des Kalten Kriegs im Südwesten oder der Alltag in den 1950er Jahren. Dafür sollen sie bis Ende Juli in Freiburger Archiven Quellen zu dieser Zeit suchen und bearbeiten. Am Ende sollen ein etwa 25-seitiger Arbeitsbericht und eine kreative Präsentation stehen – zum Beispiel in Form eines Hörspiels, einer Wandtafel oder eines Theaterstücks.

Sophie Otto und Ronja Späth aus der neunten Klasse des Berthold-Gymnasiums wissen noch nicht genau, ob sie beim Wettbewerb mitmachen. Sie möchten aber eine GFS, eine Gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen, über die 1950er Jahre machen. Deshalb wollen sie sich schon jetzt über das Thema informieren, da sie im Unterricht noch den Zweiten Weltkrieg behandeln. Und einfach mal ein Archiv von innen sehen, denn: "So was macht man normalerweise nicht in der Schule." Spannend fanden es die beiden Schülerinnen und beim nächsten Mal wollen sie auf jeden Fall dabei sein.

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Etwas konkretere Vorstellungen haben Eleonora Dutton und Stephan Ramsperger vom Droste-Hülshoff-Gymnasium. Die beiden gehen in die zwölfte Klasse, den Wettbewerbsbeitrag können sie sich seit diesem Jahr als mündliche Präsentationsprüfung im Abitur anrechnen lassen. Ein zusätzlicher Anreiz zur Teilnahme, da auf die Jugendlichen viel Arbeit zukommen wird. "Da muss man sich die Ferien und Wochenenden freihalten", schätzt Eleonora Dutton realistisch ein. Die Achtzehnjährige und ihr Mitschüler haben Geschichte als vierstündiges Fach belegt. Am Wettbewerb nehmen sie teil, weil sie "Geschichte mal aus einer anderen Perspektive" kennenlernen möchten. Zwei Themen haben sie sich überlegt: entweder "irgendwas zu Theater, Kunst, Musik" oder zu den "Restnazis" in Freiburg. Bevor sie sich entscheiden, wollen sie im Archiv geeignete Quellen suchen.

Bei einer Informationsveranstaltung im Uniseum haben die Schülerinnen und Schüler jetzt einen inhaltlichen und einen methodischen Einblick in das Thema bekommen: Zum Umgang mit Fotos als historischer Quelle einen Vortrag von Cornelia Brink, Privatdozentin an der Uni Freiburg, zum Einstieg in die Fünfziger Jahre ein Zeitzeugengespräch mit Rolf Böhme, dem ehemaligen Oberbürgermeister und in jener Zeit Student in Freiburg. Interessiert zeigen sich die Schüler und Schülerinnen dabei besonders am Alltag: Wie war die Wohnsituation? Wie hat man sich ein Studium finanziert? Welche Vorbilder hatten die Studierenden?

Und sie hören von einer Welt ohne Internet und Fernsehen, in der Studierende froh waren, ein Zimmer mit separatem Eingang zu haben, um dem Blick des engstirnigen Vermieters weniger ausgesetzt zu sein. Da war es nicht mehr so wichtig, dass es statt fließendem Wasser nur eine Waschschüssel im Zimmer gab. Und sie erfahren, was damals ein begehrter Nebenjob war: Nachts Eisblöcke auf Wagen laden, die am nächsten Morgen an Restaurants ausgeliefert wurden. Denn üblich war ein Kühlschrank damals noch nicht.

Gespannt hören die etwa 65 Gymnasiasten aus Freiburg und der Region zu. Das freut Lehrerin Sybille Buske vom Netzwerk Geschichte: "Die Schüler waren sehr aufmerksam, ich glaube, dass sie am Ball bleiben werden." Eleonora Dutton hat das Schülerseminar nicht nur gefallen, weil es gut organisiert war: "Die Lehrer geben sich viel Mühe und nehmen uns ernst. Wir werden wie Studenten behandelt, das ist ein schönes Gefühl."

Autor: Mariette Franz