Neun weitere Schulen wollen islamischen Religionsunterricht anbieten

Silvia Faller

Von Silvia Faller

Di, 09. April 2013

Freiburg

Pionierin ist die Adolf-Reichwein-Schule

An der Adolf-Reichwein-Grundschule in Weingarten gibt es seit sechs Jahren islamischen Religionsunterricht. Nach Auskunft des Staatlichen Schulamtes wollen neun weitere Schulen dieses Angebot einrichten. Darunter ist die Pestalozzi-Grundschule in Haslach. Eine vom Elternbeirat im September initiierte Umfrage ergab, dass die Eltern von 35 Kindern diesen Unterricht begrüßen würden. 55 Kinder islamischen Glaubens besuchen die Schule, 220 zählt sie insgesamt.

Warum, erzählt der Iraker Hassan Failee, dessen Tochter Sarah (9) die vierte Klasse dieser Schule besucht: "Kinder verbringen viele Stunden eines Tages in der Schule, es ist gut, wenn sie auch dort etwas über Religion hören." Wichtig ist Hassan Failee zudem, dass qualifizierte Pädagogen, die in ein Kollegium eingebunden sind, das Fach unterrichten, und zwar ideologiefrei und in deutscher Sprache. Ein allgemeines Angebot an den staatlichen Schulen würde sich Hassan Failee auch deshalb wünschen, weil er davon überzeugt ist, dass damit das in seinen Augen derzeit vorherrschende negative Bild vom Islam überdacht würde. "Unsere Religion würde stärker in die Gesellschaft einbezogen. Sie ist ebenso wie der christliche Glaube ein Weg mit Gott in Verbindung zu stehen und menschliche Beziehungen in einer guten Art und Weise zu gestalten", sagt er. Dieses Bewusstsein will Failee auch seinen Kindern vermitteln. Er lebt seit 1997 in Freiburg. Seine Ehefrau Nathalie Schoddert, eine katholische Christin, ist damit einverstanden, die beiden Töchter Sarah und Jasmin im islamischen Glauben zu erziehen. Das bedeutet unter anderem, dass Hassan Failee mit ihnen zu Hause regelmäßig betet.

Eltern, Lehrer und die Schulkonferenz machen mit

Norbert Kühn, Leiter der PestalozziGrundschule, unterstützt die Eltern, auch die Gesamtlehrerkonferenz und die Schulkonferenz haben das Projekt einstimmig befürwortet. Und so kommt es, dass Kühn den Antrag gestellt hat, den Unterricht zum Schuljahresbeginn 2013/14 einzuführen. Dem Staatlichen Schulamt liegen ebenso Anträge der Anne-Frank-, der Albert-Schweitzer-Schule sowie der Lortzing- und der Hebelschule vor. "Vier weitere Schulen bereiten die Antragstellung vor", berichtet Susanne Link vom Schulamt. "Es wird eine Frage der Finanzierung sein." Der Freiburger Gesamtelternbeirat hat sich mit dem Thema noch nicht befasst.

Das im September 2006 an der Adolf-Reichweinschule eingeführte Angebot ist eingebettet in ein Modellprojekt des Kultusministeriums, wonach an landesweit 20 Grund- und sechs Hauptschulen befristet bis zum Schuljahr 2013/14 islamische Religion sunnitischer Prägung unterrichtet wird; Sunniten bilden die weltweit bedeutendste islamische Glaubensrichtung. In Weingarten nehmen auch Kinder aus schiitischen Familien das Angebot wahr. Insgesamt sind es 106 Jungen und Mädchen, das sind 30 Prozent aller Schüler, die anderen besuchen in der Zeit den christlichen Religionsunterricht oder werden betreut. Die Lehrer Yamina Tahiri und Jörg Imran Schröter, die den Erweiterungsstudiengang Islamische Religionspädagogik absolviert haben, unterrichten das Fach. Themenfelder sind unter anderem "Gott-Mensch-Schöpfung", "Koran und die islamischen Quellen", "Ausdrucksformen individuellen und gemeinsamen Glaubens" und "Religionen und Lebensweisen".

In Baden-Württemberg gibt es auch einen Religionsunterricht für die alevitische Glaubensrichtung. Zwei Schulen starteten damit ebenfalls im Rahmen des Modellprojekts. Seit dem Schuljahr 2010/11 gibt es diesen Unterricht als ordentliches Lehrfach, das in die schulische Organisation eingebunden ist und benotet wird – nach Informationen der Alevitischen Gemeinde Deutschland derzeit an 32 Schulen im Land. Den Unterricht erteilen von der Alevitengemeinde Deutschland ausgebildete und bevollmächtigte Pädagogen, die ebenso wie katholische und evangelische Religionspädagogen vom Land bezahlt werden. Der alevitische Unterricht ist ebenfalls auf deutsch. "Die Kinder sollen lernen, ihren Glauben in der Sprache des Landes auszudrücken, in dem sie heute leben", sagt Yamina Tahiri. Norbert Kühn würde sich freuen, den Kindern seiner Pestalozzischule den Unterricht anbieten zu können. "Der islamische Unterricht würde das Schulleben bereichern und die Integration der muslimischen Kinder verstärken."

Ob die Modellprojektschulen den Unterricht weiterführen können und ob neue Angebote eingerichtet werden, ist tatsächlich offen. Das Kultusministerium in Stuttgart teilt dazu mit: "Es bedarf noch einer politischen Entscheidung."