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18. Februar 2011

"Nicht das Plakat ist peinlich, sondern Berlusconi"

Die Trattoria Tizio plakatiert "Basta Berlusconi!" und erntet dafür reichlich Lob unter Italienerinnen und Italienern in Freiburg.

  1. Solidarisch mit Protesten: Trattoria Tizio gegen Berlusconi. Foto: Bamberger

"Basta Berlusconi!" plakatierte Angelo Pellegrini vor einigen Tagen unübersehbar im Schaufenster seiner Trattoria Tizio. Im Untertitel ist vermerkt "Verfassungstreue Italiener in Freiburg" – und um die Verfassungstreue gleich auch noch hieb- und stichfest zu dokumentieren, sind zwei Artikel aus der Verfassung abgedruckt, die Berlusconis Verfassungsfeindlichkeit belegen. 70 solcher Plakate hat er unter anderem mit Domenico Vela, Inhaber des Feinkostladens Pasta Mia, drucken lassen. Etliche davon hängen zum Beispiel an Läden und Pizzerien. Welche Reaktionen gibt es auf die Plakataktion?

"Für uns Italiener in Freiburg ist es ein Glück, dass hier jemand zeigt, dass Silvio Berlusconi einfach nicht unser Berlusconi ist", sagt eine junge Römerin, die seit sechs Jahren in Freiburg studiert. Und auch die 38-jährige Software-Testerin Barbara Baldi ist angetan von der Plakataktion, die Solidarität mit den Protesten in Italien demonstriert. "Millionen Frauen haben dagegen demonstriert, dass ausgerechnet ihr Staatsoberhaupt Frauen in eine unerträgliche Objektrolle drängt", erklärt sie, "und es tut gut, dass hier deren Motto solidarisch aufgegriffen wird!"

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Für die Romanistin Rosanna Pedretti ist genau dieses auch ein Grund, stolz zu sein: "Endlich beziehen Italiener auch hier Stellung – denn nicht dieses Plakat ist peinlich, sondern Berlusconi selbst ist peinlich für uns alle." Schrecklichste Vision der Wissenschaftlerin, die seit 18 Jahren in Deutschland lebt: Wenn Berlusconi im Juni wiedergewählt würde. Das ist auch für Angelo Pellegrini ein Alptraum: "Wenn Berlusconi wiedergewählt wird, gebe ich meine italienische Staatsbürgerschaft zurück und beantrage symbolisch politisches Asyl in Deutschland", kündigt er an. Tatsächlich habe er sich in den annähernd dreißig Jahren in Freiburg nie so sehr geschämt wie in den vergangenen Wochen: "Nicht einmal die Mafia hat unserem Image so sehr geschadet wie unser Staatspräsident."

Wie sehr das ursprünglich sehr positive Image von Italienern im Ausland gelitten hat, ist der 19-jährigen Studentin Maria Fagetti erst aufgefallen, als sie kürzlich ihren Deutschkurs am Goethe-Institut begann: "Zuhause in Italien nehme ich diese Resonanz gar nicht so wahr, aber hier werden wir oft darauf angesprochen." Das liege auch an der Macht, die Berlusconi über die heimatlichen Medien habe, erzählt die 27-jährige Ärztin Irene Lorenzi. Und auch Angelo Pellegrini sieht genau darin eine enorme Schwäche der Italiener: "Die lesen keine Zeitung, sondern 80 Prozent sitzen ständig vorm Fernseher und lassen sich mit Berlusconi-Propaganda füttern."

Außerdem, gibt Maria Fagetti zu bedenken, fehlt auf der politischen Bühne Italiens ein charismatischer Gegenspieler. Stimmt, sagen auch Irene Lorenzi und Barbara Baldi, eine gute Alternative fehlt. Dennoch finden die Frauen, es sei sehr verdienstvoll, dass sich in Freiburg eine lose Gruppe Italiener zusammengetan hat, um in einer Kampagne zu zeigen, dass bei weitem nicht alle Italiener für Berlusconi sind. Mehr als hundert Unterschriften haben denn auch die Freiburger Initiatoren schon unter ihre Rücktrittsaufforderung an Berlusconi gesammelt – zu der sich der italienische Konsul in Freiburg auch auf Nachfrage der Badischen Zeitung nicht äußern kann: Der italienische Konsul in Freiburg sieht sich auf Grund seiner Verpflichtung zur Loyalität nicht in der Lage, eine private oder geschäftliche Stellungnahme abzugeben. Maria Fagetti aber fühlt sich frei zu sagen, dass sie es am liebsten hätte, man müsse nicht so heftig gegen den eigenen Präsidenten angehen – aber leider sei es nötig.

Autor: Julia Littmann