Flüchtlinge

Notunterkunft in der Stadthalle: Die letzten Bewohner sind ausgezogen

Sina Gesell

Von Sina Gesell

Sa, 10. Dezember 2016

Freiburg

Nach einem Jahr hat das DRK die Notunterkunft in der Stadthalle geschlossen. Die Option, dort Flüchtlinge unterzubringen, wollen sich Verband und Stadt aber offen halten.

Ziemlich genau ein Jahr lang war die Stadthalle Notunterkunft für Flüchtlinge. Die letzten 110 Bewohner sind diese Woche ausgezogen und wurden auf andere Wohnheime verteilt. Wegen der rückläufigen Flüchtlingszahlen wird die Halle nicht mehr benötigt – vorerst, denn die Stadt will sich die Option offen halten. Das findet auch der DRK-Kreisverband Freiburg als Betreiber sinnvoll, der am Freitag Bilanz gezogen hat.

"Mit der Notunterkunft haben wir Neuland betreten", sagt DRK-Kreisgeschäftsführer Wolfgang Schäfer-Mai. Das Deutsche Rote Kreuz war erstmals zuständig für die Versorgung, Betreuung und Registrierung der zeitweise bis zu 380 Flüchtlinge, die Hälfte davon Kinder. Platz wäre für 410 gewesen. Insgesamt lebten etwa 600 Menschen eine Zeitlang in der Stadthalle, etliche sogar fast ein ganzes Jahr. In der Zeit gingen 255 000 Mahlzeiten über die Kantinentheke sowie 170 000 Liter an Getränken .

Zwar hat die Notunterkunft in dieser Woche geschlossen, die meisten Bewohner sind in die Unterkunft am Kappler Knoten umgezogen; doch soll die Stadthalle im "Stand-by-Betrieb" vorerst erhalten bleiben, sagt Schäfer-Mai. Eine Prognose, ob die Unterkunft in der Oberwiehre noch mal benötigt wird, will er nicht abgeben. "Ich würde niemals nie sagen, aber würde es mir nicht wünschen."

Bei der Eröffnung habe es einen Konsens gegeben, Flüchtlinge wohlwollend aufzunehmen, heute werde darüber debattiert. "Die Geflüchteten hatten damals das Gefühl, willkommen zu sein", so der Kreisverbandsgeschäftsführer.

DRK will Beratungsstelle für Jugendliche eröffnen

Bei einer Bürgerinfo hätten mehr als 400 Menschen Interesse bekundet, mitzuhelfen. Schäfer-Mai schätzt, dass davon noch ein Zehntel geblieben ist. Hans Lehmann, Vorsitzender des Bürgervereins Oberwiehre-Waldsee rechnet dagegen mit etwa 150 Ehrenamtlichen, wie er in einem BZ-Interview sagte.

Das Engagement des Vereins bezeichnet Schäfer-Mai als "außergewöhnlich", es habe zu einer Öffnung des Stadtteils geführt. Etwa zehn Gruppen haben Freizeitangebote organisiert – vom Nähkurs über Malen für Kinder bis hin zu Yoga – und die Menschen bei Behördengängen und Arztbesuchen begleitet. 70 Freiburger haben laut Schäfer-Mai eine Patenschaft übernommen.

Neben fünf Sozialarbeitern kümmerten sich zwei Dolmetscher um die Bewohner. Konflikte zwischen den Flüchtlingen habe es immer wieder gegeben, erzählt Heimleiter Thomas Bäuerle; doch hätten die Mitarbeiter die Konflikte bewältigt; manche Bewohner mussten ihm zufolge verlegt werden, bei Straftaten sei die Polizei eingeschaltet worden. In einer Notunterkunft zu leben, sei eine Extremsituation, hinzu komme die Traumatisierung. "Viele bräuchten eine stärkere psychosoziale Betreuung, als sie derzeit möglich ist", sagt Schäfer-Mai.

Deshalb will der DRK-Kreisverband eine Beratungsstelle für traumatisierte Flüchtlinge eröffnen, wie es sie vor etlichen Jahren schon einmal gab. Damals wurde sie nicht mehr gefördert und musste schließen. Derzeit führe das DRK Verhandlungen mit der Stadt, Schäfer-Mai spricht von "positiven Signalen".

Auch im Hinblick aufs vergangene Jahr ziehen die Verantwortlichen eine positive Bilanz. "Es war ein anspruchsvolles Projekt", sagt Schäfer-Mai, "und wir sind stolz, dass uns das gelungen ist." Zwar sei nun auch ein wenig Wehmut da, aber: "Eine Gemeinschaftsunterkunft ist nicht das, was man auf Dauer will."