Interview

"Obdachlose Frauen sind Gewalt schutzlos ausgesetzt“

*Name von der Redaktion geändert

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Di, 29. Mai 2018

Freiburg

In der Einrichtung FreiRaum des diakonischen Werks Freiburg finden Frauen in Wohnungsnot seit 19 Jahren Hilfe. Sebastian Krüger sprach mit der Leiterin Simone Hahn und der wohnungslosen Marion Meier* über die alltäglichen Probleme von Frauen ohne festen Wohnsitz.

FREIBURG. In der Einrichtung FreiRaum des diakonischen Werks Freiburg finden Frauen in Wohnungsnot seit 19 Jahren Hilfe. Sebastian Krüger sprach mit der Leiterin Simone Hahn und der wohnungslosen Marion Meier* über die alltäglichen Probleme von Frauen ohne festen Wohnsitz.

BZ: Ist Wohnungs- und Obdachlosigkeit ein vorwiegend männliches Phänomen?
Hahn: Nein, etwa ein Drittel der wohnungslosen Menschen sind Frauen. Doch sie fallen seltener auf und nehmen Hilfsangebote deutlich später an als Männer. Möglicherweise kommen sie auch länger bei Bekannten unter. Es gibt aber auch die sogenannte Unterkunftsprostitution. Männer bieten wohnungslosen Frauen für Sex einen kostenlosen Schlafplatz an.
Meier: Als mir das mal angeboten wurde, bin ich nicht drauf eingegangen. Ich kenne aber Frauen, deren Not so groß ist, dass sie sich auf solche Angebote einlassen.
BZ: Verstecken sich Frauen denn öfter?
Hahn: Ich kenne nur wenige Frauen in Freiburg, die richtig auf der Straße leben. Die meisten von ihnen haben eine Clique um sich herum, die ist wie eine Familie. Die Menschen passen aufeinander auf, in der Regel haben sie auch Hunde zum Schutz. Sind Frauen alleine, müssen sie sich verstecken, da sie Gewalt sonst schutzlos ausgesetzt sind. Es gibt Fälle, in denen Frauen nachts überfallen oder vergewaltigt werden.
BZ: Von solchen Fällen hört man recht selten.

Hahn:
Möglicherweise kennen die Frauen die Täter, weil sie aus dem gleichen Milieu kommen. Dann trauen sie sich nicht, sie anzuzeigen.
Meier: Viele scheuen sich auch, zur Polizei zu gehen. Sie befürchten, von den Behörden als Mensch zweiter Klasse behandelt zu werden.
BZ: Kennen Sie selbst dieses Gefühl ebenfalls?
Meier: Ja, man begegnet immer wieder Vorurteilen. Anfangs habe ich daher meine Wohnungslosigkeit verschleiert. Mittlerweile gehe ich selbstbewusst mit ihr um, weil ich mich trotz meiner Situation als vollwertiges Mitglied unserer Gesellschaft ansehe und nicht als Opfer. Ich gehe wählen, gehe zum Lesen in die Unibibliothek und bin Mitglied in einem Turnverein. Aber ich bin wohl nicht repräsentativ.
Hahn: Die repräsentative Wohnungslose gibt es nicht. Zu uns kommen Frauen, die aus Gewaltbeziehungen geflüchtet oder psychisch krank sind. Andere haben ihre Wohnung gekündigt, weil sie sich diese nach dem Tod des Partners nicht mehr leisten konnten, aber auch keine neue gefunden haben. Wir hatten hier mal eine 82-jährige ehemalige Unternehmerin. Sie verarmte im Alter, weil sie nie privat vorgesorgt hatte, aber zu stolz war, Grundsicherung zu beantragen.
BZ: Mangelt es denn an Einrichtungen für wohnungslose Frauen?
Hahn: Es mangelt eher an Anschlusswohnungen. Viele der Frauen hier sind wohnfähig, finden aber keinen bezahlbaren Wohnraum.

Simone Hahn, 46, ist Sozialarbeiterin und lebt in Freiburg. Marion Meier* hat keinen festen Wohnsitz und will weder mit Bild noch mit richtigem Namen in der Zeitung stehen.