Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

13. Februar 2015

Täter sind oft Kommilitonen

Opfer sexueller Gewalt an der Uni sollen ermutigt werden, Anzeige zu erstatten

Opfer sollen ermutigt werden, Anzeige zu erstatten / Expertin schlägt vor, das Sicherheitsgefühl auf dem Campus zu verbessern.

"Sexuelle Diskriminierung und Gewalt findet leider in allen Kontexten statt, auch an unserer Hochschule", sagte Gisela Riescher, Prorektorin für Gleichstellung und Vielfalt, in dieser Woche bei einer Podiumsdiskussion. Und Claudia Winker, Leiterin der Beratungsstelle Frauenhorizonte, sagt: "Studentinnen sind eine hohe Risikogruppe"; die Hälfte der jährlich 200 Beratungen betroffener Frauen sei bei Frauenhorizonte unter 25 Jahre alt, darunter sei "ein hoher Anteil" an Studentinnen.

Laut einer Umfrage der Politologin und Sozialwissenschaftlerin Katrin List unter mehr als 12 000 Studentinnen an deutschen Hochschulen wurden fast 55 Prozent im Verlauf ihres Studiums sexuell belästigt, knapp 23 Prozent gestalkt und 3,3 Prozent Opfer sexueller Gewalt. Seit 2013 erfasst die Gleichstellungsbeauftragte Ina Sieckmann-Bock Fälle sexueller Diskriminierung und Gewalt an der Uni Freiburg. Sie ist zuständig für Studentinnen und das wissenschaftliche Personal, Katharina Klaas als Beauftragte für Chancengleichheit für Mitarbeiterinnen in Verwaltung und Technik. Seit Dezember 2012 sei sie zehn Mal von betroffenen Frauen kontaktiert worden, sagt Sieckmann-Bock. Dabei sei es um sexuelle Belästigung, Stalking und tätliche Übergriffe gegangen, in zwei Fällen um Vergewaltigungen auf dem Campus. Bei einer sei der Täter kein Mitglied der Uni gewesen. "Die Betroffene hat Anzeige bei der Polizei erstattet. Beim anderen Fall war es wohl ein Student, der eine Studentin vergewaltigt hat. Dies ist mir aus einem anonymen Brief bekannt", sagt die Gleichstellungsbeauftragte: "Es gab keine Anzeige." Auch Winker sagt: Keine der Studentinnen, die in den vergangenen vier Jahren Frauenhorizonte aufgesucht haben, hat die Tat bei der Polizei angezeigt.

Werbung


Winker weiß: Je mehr ein Opfer den Täter kennt, desto geringer ist seine Bereitschaft, ihn anzuzeigen. Bei Studentinnen bestehe ein großer Vorbehalt gegenüber der Universität, weil sie davon ausgingen, dass die Hochschule nicht in ihrem Interesse handle, glaubt Katrin List, die viel über das Thema forscht. "Es gibt einen Heidenrespekt vor dem System Universität", sagt auch Winker. Schwierig findet sie, dass Frauen bei der Anlaufstelle der Uni ihren Namen nennen müssten, damit weitere Schritte eingeleitet werden können. Dies sei bei Frauenhorizonte anders. Hemmschwellen müssten abgebaut werden.

Täter sind häufig Kommilitonen. Eine Rolle spielen aber auch Abhängigkeitsverhältnisse. Sie lassen Studentinnen vor einer Anzeige zurückschrecken, sagt Winker. Schließlich sitzen Dozenten und Unimitarbeiter an Schaltstellen für die Vergabe von Stipendien und Forschungsgeldern und geben Noten.

Tätern drohen gravierende Konsequenzen

Die Folgen: Die Betroffen en ziehen sich aus dem Studium oder Forschungsprojekt zurück und gefährden dadurch ihre Karriere. Ihre Leistungen lassen nach, es kommt zu Verzögerungen oder Unterbrechungen des Studiums bestimmte Lehrveranstaltungen, Orte auf dem Campus werden gemieden. Laut Lists Studie fühlen sich 40 Prozent der Frauen nicht sicher auf dem Campus, sieben Prozent gehen nicht alleine übers Unigelände. Angstorte gibt es auch an Freiburger Uni. Ein Vergewaltigungsversuch fand an einem solchen Ort statt, bestätigt die Uni, ohne konkret zu werden. Mittlerweile seien dort Bewegungsmelder für Licht und ein Alarmknopf in den Toiletten eingebaut sowie der Zugang beschränkt worden. List schlug bei der Podiumsdiskussion weitere Maßnahmen vor, die das Sicherheitsgefühl verbessern – etwa Notrufsäulen auf dem Campus.

Und was geschieht mit den Tätern? "Wegen der Schwere der Vorfälle war es nötig, zuständige weitere Personen und Verantwortliche der jeweiligen Fakultät in Kenntnis zu setzen und das weitere Vorgehen zu besprechen", in einem Fall sei das Personaldezernat eingeschaltet worden, sagt Sieckmann-Bock. Konsequenzen können gravierend sein und für Beamte vom Verweis und der Gehaltskürzung bis zur Entfernung aus dem Dienst reichen, für Studenten vom Ausschluss von Lehrveranstaltungen und Unieinrichtungen bis hin zur Exmatrikulation.

Autor: Frank Zimmermann