Pathologie des Verdrängens

Klaus Riexinger

Von Klaus Riexinger

So, 22. Juli 2018

Freiburg

Der Sonntag Was hatte der Mediziner und Ehrenbürger Franz Büchner mit Menschenversuchen zu tun? Eine Spurensuche von Bernd Martin.

Klaus Riexinger
Anfang der 1990er Jahre kam der Freiburger Historiker Bernd Martin nach einem Vortrag an der Universität Freiburg mit zwei weiteren Gästen ins Gespräch über Verstrickungen in das NS-Regime. Einer der beiden äußerte dabei folgende überraschende Vermutung: "Ob der Büchner nicht vielleicht doch mit Dachau zu tun hatte?" Gemeint war Professor Franz Büchner, der Leiter der Freiburger Pathologie von 1937 bis 1945 und seit 1985 Ehrenbürger der Stadt. Büchner galt – und für manchen gilt das noch immer – als Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime.

Bernd Martin hatte den renommierten Mediziner 1984 persönlich kennengelernt. Martin wollte damals den "Kenner der antiken und modernen Philosophie" für einen Beitrag über den Freiburger Philosophen Martin Heidegger in einem Sammelband gewinnen. Der Historiker versprach sich einen "beruhigenden Beitrag" über den wegen seiner Rolle im Nationalsozialismus umstrittenen Philosophen, mit dem Büchner gut bekannt war. Büchner genoss im Nachkriegs-Freiburg nicht zuletzt deshalb ein hohes Ansehen, weil er als Arzt 1941 in einem Vortrag gegen die Ermordung psychisch Kranker öffentlich Stellung bezogen hatte und zudem nicht Mitglied der NSDAP war. Letztendlich scheiterte der Beitrag für den Sammelband am fortgeschrittenen Alter Büchners. Er starb 1991.

Die Bemerkung nach dem Vortrag trieb Martin weiter um. Er begann zu recherchieren und trug etliches Material aus Archiven zusammen. Doch den Nachlass Büchners durfte er nicht einsehen. Das war für den Geschichtsprofessor der Grund, eine Veröffentlichung erst einmal zurückzustellen. Erst als Martin 20 Jahre später von der Stadt Freiburg in die Kommission zur Überprüfung der Freiburger Straßennamen berufen wurde, hatte er wieder mit Büchner zu tun. Eigentlich war Büchner gar nicht Gegenstand der Untersuchung, denn nach ihm ist keine Straße in Freiburg benannt. Die Kommission beschäftigte sich aber mit Büchners Vorgänger als Leiter der Pathologie, mit Ludwig Aschoff. In der Begründung für ein Umbenennen des Ludwig-Aschoff-Platzes wird Büchner nur in einem Nebensatz erwähnt: Die Kommission bezeichnete Aschoff als "Vater der Konstitutionspathologie", "die sein Nachfolger Franz Büchner als Beratender Pathologe der Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg weiterentwickelte und dabei auch tödlich verlaufende Menschenversuche billigend in Kauf nahm". Dieser Halbsatz brachte Martin eine Menge Ärger mit Büchners Familie ein. Ein Sohn zeigte Martin 2017 wegen der "Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener" an. Obwohl sich der Historiker für die Formulierung "billigend in Kauf nahm", die er, wie er betont, nicht im juristischen Sinn verstanden wissen wollte, entschuldigt hatte und der Satz aus dem Gutachten gestrichen wurde, blieb es bei der Anzeige. Die Freiburger Staatsanwaltschaft stellte das Verfahren jedoch ein. Für Martin war der Fall damit nicht erledigt. Im Gegenteil. Jetzt war sein Forscherdrang geweckt. Da nun auch der Nachlass Büchners für ihn zugänglich war, vertiefte er sich wieder in die Akten.

Herausgekommen ist der jetzt erschienene Band "Die Freiburger Pathologie in Kriegs- und Nachkriegszeiten". Nicht alle Rätsel um die Person Büchner konnten geklärt werden, doch ergibt sich für Martin ein klareres Bild. Hatte der Medizinhistoriker Karl-Heinz Leven, "der bisher beste Kenner Büchners" diesem zugutegehalten, gegen Menschenversuche im KZ Dachau wenigstens in privaten Kreisen protestiert zu haben, zieht Martin genau dies nun in Zweifel.

In dem Band "Medizin ohne Menschlichkeit" von Alexander Mitscherlich und Fred Mielke sind die Menschenversuche im Auftrag der deutschen Luftwaffe in Dachau dokumentiert. Der verantwortliche Stabsarzt Sigmund Rascher protokollierte in einem Fall Folgendes: "Der dritte Versuch dieser Art verlief derartig außergewöhnlich, dass ich, da ich diese Versuche allein ausführte, mir einen SS-Arzt des Lagers zum Zeugen holte. Es handelte sich um einen Dauerversuch ohne Sauerstoff in 12 km Höhe bei einem 37-jährigen Juden in gutem Allgemeinzustand. Die Atmung hielt bis 30 Minuten an. Bei 4 Minuten begann Versuchsperson zu schwitzen und mit dem Kopf zu wackeln. Bei 5 Minuten traten Krämpfe auf, zwischen 6 und 10 Minuten wurde die Atmung schneller, Versuchsperson bewusstlos, von 11 Minuten bis 30 Minuten verlangsamte sich die Atmung bis 3 Atemzüge pro Minute, um dann ganz aufzuhören, … außerdem Schaum vor dem Mund, … anschließend etwa eine halbe Stunde nach Aufhören der Atmung, Beginn der Sektion."

Aufgrund einer Vielzahl von Indizien hält es Martin für belegbar, dass Büchner über diese Menschenversuche in Dachau informiert war. Allein seine Stellung spricht dafür. 1940 war Büchner zum "Beratenden Pathologen der Luftwaffe" berufen worden. Er bekam dafür sogar ein eigenes Institut in Freiburg, das er neben der Pathologie leitete. Aufgabe des Luftfahrtmedizinischen Instituts war es, sich mit plötzlichen Todesfällen von Piloten zu beschäftigen – etwa mit dem sogenannten Höhentod oder mit dem Tod durch Unterkühlung nach einem Absturz ins Meer. 1941 äußerte sich der Freiburger Chefpathologe in einem Aufsatz skeptisch zur Übertragbarkeit von Befunden aus Tierversuchen auf den Menschen und erklärte es "zur Pflicht", "die tatsächlichen Verhältnisse am Menschen exakt zu prüfen". In einem 1942 publizierten Aufsatz von August Weltz, dem Leiter des Münchner Instituts und Mitverantwortlichen für die Versuche mit KZ-Häftlingen, heißt es, dass auch Büchner keine Unterschiede zwischen Tieren und Menschen fand, die den Abkühlungstod starben. Martin stellte zudem fest, dass der entsprechende Zeitschriftenband nach dem Krieg sowohl in der Freiburger Universitätsbibliothek als auch in der Bibliothek der Chirurgie fehlte. Die Bände waren offensichtlich gezielt entfernt worden – möglicherweise schon nach der Order der Medizinischen Fakultät vom 6. Dezember 1944, "alles politische Aktenmaterial" zu vernichten. Ob Büchner die Menschenversuche in seinen Forschungen verwertet hat, lässt sich nach Martin nicht nachweisen, er hält es aber für möglich. Fest steht für ihn aber, dass Büchner als oberster Pathologe in Freiburg nicht gegen die verbrecherischen "Terminalversuche" eingeschritten ist.

Martin fand weitere Verbindungen zwischen Dachau und der Freiburger Pathologie sowie falsche Angaben in eidesstattlichen Versicherungen Büchners in der Nachkriegszeit. So hat er seine Mitgliedschaft in mindestens vier NS-Organisationen verschwiegen.

Wie zur Bestätigung von Martins Vermutungen lesen sich dann Büchners "Gedanken zur akademischen Selbstbestimmung", die er drei Wochen nach Kriegsende in einer Fakultätssitzung der Mediziner vortrug: "Verhängnisvoll wäre es, wenn wir diese Dinge jetzt bagatellisieren wollten", schloss Büchner in einem "einmaligen Bekenntnis seiner Mitschuld" (Martin). Martins Kommentar dazu: "Leider geschah genau Letzteres."

Was aber hatte Büchner veranlasst, im November 1941 in Freiburg vor 1 000 Gästen eine Rede gegen die Euthanasie zu halten? Darüber kann Martin nur spekulieren. Waren es schlichtweg Gewissensbisse aufgrund seiner luftfahrtmedizinischen Forschungen? Oder war er – als Katholik – dem Freiburger Erzbischof und Euthanasiekritiker Konrad Gröber gefolgt? Martin weist aber darauf hin, dass die Krankenmorde zu diesem Zeitpunkt bereits offiziell beendet waren. Das von Kreisleiter Willi Fritsch geforderte Disziplinarverfahren wurde nie eingeleitet. Stattdessen wurde Büchner 1943 das Kriegsverdienstkreuz I. Klasse verliehen und er wurde zum Oberfeldarzt befördert.

Der französischen Besatzungsmacht galt Büchner als unbelastet, weil er kein Parteimitglied war. Das ebnete in der Nachkriegszeit seinen Aufstieg zum einflussreichen Prorektor der Universität. Noch 1945 publizierte Büchner seine Rede gegen die Euthanasie unter dem Titel "Der Eid des Hippokrates" und setzte sich, so Martin, damit ein Denkmal als Widerstandskämpfer. Von dieser unangreifbaren Position aus habe er es sich erlauben können, NS-belastete Kollegen zu verteidigen. Selbst der Hauptverantwortliche für die Euthanasie und medizinische Hauptkriegsverbrecher Karl Brandt benannte Büchner im Nürnberger Prozess als Entlastungszeugen. Womöglich aus Furcht, selbst auf die Anklagebank zu kommen, war Büchner vor einem Verhör in Dachau ins Kloster St. Lioba in Günterstal geflohen, wo ihn die Franzosen fanden. Zur 500-Jahr-Feier der Universität 1957 sorgte Büchner dann dafür, dass Heidegger einen Festvortrag halten konnte, womit der Philosoph im Urteil Martins in der Öffentlichkeit als vollständig rehabilitiert galt. Auf die NS-Zeit ging beim Jubiläum kein Redner ein. Als 1960 das Buch von Mitscherlich und Mielke publiziert wurde, ging Büchner gegen die Nennung seines Namens darin vor und gab eine eidesstattliche Erklärung ab. Martin spricht von einer "Pathologie des Verdrängens".

Ein abschließendes Urteil über Büchner fällt Martin trotz der vielen belastenden Hinweise, die er gefunden hat, schwer. Wie so oft seien Menschen weder ganz schwarz noch ganz weiß, sagt er. Letztlich sei für Büchner wohl die unerschütterliche Treue zum ethisch-moralischen Kodex des Katholizismus bindend gewesen – falls dieser jedoch mit seiner Tätigkeit, etwa als Luftwaffenpathologe, kollidierte, habe er geschickt taktieren können. Wenn das auch nicht half, duckte sich Büchner weg und wurde krank. Dafür findet Martin einige Beispiele.
Bernd Martin: Die Freiburger Pathologie in Kriegs- und Nachkriegszeiten (1906-1963), Verlag Regionalkultur, 144 Seiten, 19,90 Euro