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17. März 2011 17:27 Uhr

Interview

Professor Weber rät von der Einnahme von Jodtabletten ab

Die Angst vor einer atomaren Katastrophe in Japan steigt weiter. Miriam Steimer hat bei Professor Wolfgang Weber nachgefragt, in wie fern Jodtabletten gegen die radioaktiven Strahlen schützen.

  1. Professor Wolfgang Weber arbeitet an der Universitätsklinik Freiburg in der Abteilung Nuklearmedizin. Foto: Universitätsklinik Freiburg

BZ: Herr Professor Weber, wieso werden bei einem atomaren Unfall überhaupt Jodtabletten verteilt?

Wolfgang Weber: Über die Nahrung, zum Beispiel Seefisch oder Milch, nehmen wir natürliches Jod auf. Dieses nutzt die Schilddrüse zur Herstellung von Hormonen.Bei einem atomaren Unfall werden radioaktive Stoffe freigesetzt, unter anderem Jod-131. Das Problem ist, dass der Körper das radioaktive Jod nicht von dem natürlichen unterscheiden kann, es wird in der Schilddrüse eingelagert. Im Fall eines radioaktiven Störfalls verteilt man nun Jodtabletten, um den Körper dazu zu bringen, viel nicht-radioaktives Jod aufzunehmen. Weil die Schilddrüse nur begrenzt Jod aufnehmen kann, wird dann das radioaktive über die Niere einfach wieder ausgeschieden.

BZ: Es gibt verschiedene Arten von Jodtabletten. Die einen kann man in der Apotheke kaufen, die anderen werden nur im Falle eines atomaren Störfalls ausgeteilt. Was ist der Unterschied?

Wolfgang Weber: In normalen Jodtabletten, die es als Nahrungsergänzungsmittel in der Apotheke zu kaufen gibt, sind 100-200 Mikrogramm Jod enthalten. Ein Mikrogramm entspricht einem Millionstel Gramm. In den Jodtabletten, die nach radioaktiver Strahlung empfohlen werden, sind 100 Milligramm enthalten – die Konzentration ist also 1000 Mal so hoch.

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BZ: Sie raten den Menschen in Deutschland davon ab, aktuell Jodtabletten wegen des Atomunfalls einzunehmen. Warum?
Wolfgang Weber: Erstens wissen wir noch nicht, ob es überhaupt eine radioaktive Wolke gibt, die die Umgebung des Atomkraftwerkes verlässt. Zweitens würde eine Wolke, die sich über Japan bildet, lange brauchen, bis sie – wenn überhaupt – Deutschland erreichen würde. Und drittens ist es unklar, wie viel Jod-131 in einer derartigen Wolke wäre. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass ein großer Teil des Jod-131 zerfallen ist, ehe es zu uns kommt. Zwar hält die Wirkung der Tabletten einige Tage an, jedoch klingt die Wirkung auch nach und nach ab. Deshalb ist die Einnahme von Jodtabletten wirklich nur sinnvoll, wenn absehbar ist, dass eine radioaktive Wolke in Kürze Deutschland erreichen wird.

BZ: Die Behörden warnen davor, die Tabletten jetzt einzunehmen, weil das zu einer Schilddrüsen-Überfunktion führen kann. Was bedeutet das?

Wolfgang Weber: Sehr viele Menschen in Deutschland leiden unter einer Krankheit, die sich "Schilddrüsen-Autonomie" nennt oder unter dem Begriff "heiße Knoten" bekannt ist. Sie entsteht dadurch, dass viele Deutsche unter Jodmangel leiden – das wissen jedoch viele nicht. Wenn sie dann Jodtabletten einnehmen, kommt es in der Schilddrüse ganz plötzlich zu einem Überschuss, der zu einer Schilddrüsenüberfunktion führt. Die Schilddrüsenüberfunktion macht viele Beschwerden, vor allem aber kann Sie zu Herzrhythmusstörungen und einem Schlaganfall führen. Wegen dieser schlimmen möglichen Nebenwirkung würde ich zum jetzigen Zeitpunkt in jedem Fall von einer Einnahme von Jodtabletten abraten. Eine etwas seltenere Krankheit, die  auftreten kann, ist die sogenannte Jodallergie, die sich vor allem in Hautausschlägen äußert.

BZ: Was sollen die Menschen machen, die schon Jodtabletten für einen Strahlenunfall eingenommen haben?
Wolfgang Weber: Sie sollten diese hochdosierten Tabletten auf keinen Fall über einen längeren Zeitraum einnehmen. Dadurch kann es zu einer Schilddrüsen-Unterfunktion kommen. Das klingt ein wenig verwirrend, aber man muss sich die Schilddrüse wie eine kleine Fabrik vorstellen. Wenn man unter Jodmangel leidet, hat die Schilddrüse normalerweise zu wenig Jod zur Produktion des Hormons. Durch die Einnahme von Jodtabletten über einen längeren Zeitraum wird diese "Fabrik" in der Schilddrüse, die daran gewöhnt ist, zu wenig Jod zu haben, plötzlich durch die große Jodmenge überflutet. Unter dieser Überflutung bricht die "Fabrik" dann zusammen, weil sie das viele Jod nicht verarbeiten kann.

Zur Person:

Professor Wolfgang Weber arbeitet an der Universitätsklinik Freiburg, in der Abteilung Nuklearmedizin.

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Autor: Miriam Steimer