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11. August 2011 19:41 Uhr

Ohne Hindernisse

Ratsfraktionen fordern Konzept für barrierefreie Innenstadt

Ausgerechnet der zentrale Knotenpunkt am Freiburger Bertoldsbrunnen ist voller unüberwindbarer Barrieren für behinderte Menschen. Jetzt fordern alle Ratsfraktionen von der Stadt ein Konzept für eine barrierefreie Innenstadt. Die Mängelliste ist lang.

  1. Barriere am Bertoldsbrunnen: Sarah Baumgart hat mit ihrem Elektrorollstuhl keine Chance am Bahnsteig vor dem Kaufhof in die Straßenbahn zu kommen. Foto: Thomas Kunz

Der Abstand zwischen dem Kopfsteinpflaster der Kaiser-Joseph-Straße und dem Trittbrett der Straßenbahn der Linie 2 beträgt 24 Zentimeter. Zu viel für Sarah Baumgart. Der Einstieg am Bertoldsbrunnen wird für sie und ihren Elektrorollstuhl zum unüberwindbaren Hindernis.

Ausgerechnet der zentrale Knotenpunkt am Bertoldsbrunnen ist voller unüberwindbarer Barrieren für behinderte Menschen. Will Sarah Baumgart in die Altstadt, muss sie entweder am Siegesdenkmal, am Stadttheater oder am Holzmarkt aussteigen. Dadurch werden große Umwege notwendig, das Umsteigen auf andere Linien klappt nicht. Das führe gerade abends zu unzumutbaren Wartezeiten.

"Das ist schon paradox", findet die Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Bauen und Verkehr des Beirates für Menschen mit Behinderungen der Stadt Freiburg. "Ausgerechnet Menschen, die in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, können den zentralen Knotenpunkt nicht nutzen und müssen lange Fußwege in Kauf nehmen." Am Bahnsteig vor dem Kaufhof gibt es keine Bahnsteigkante. Hier können Rolli-Fahrer nicht einmal eine Rampe anlegen, weil der Winkel zu steil würde. In der Salzstraße können die Combinos zwar eine Rampe ausfahren – aber auch hier ist der Abstand zu groß.

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"Wir haben so ein tolles Straßenbahnnetz, aber es funktioniert leider nicht für alle", klagt Sarah Baumgart. Betroffen von den Problemen an den Bahnsteigen am Bertoldsbrunnen sind auch Gehbehinderte und Senioren mit Rollator.

Die Chancen, dass der Hindernislauf bald ein Ende hat, sind aber gewachsen. Denn alle Stadträte haben gemeinsam einen Antrag auf den Weg gebracht, nach dem die Stadtverwaltung bis spätestens Dezember über ein Konzept für eine barrierefreie Innenstadt abstimmen lassen muss. "Wir freuen uns sehr über diesen Antrag und die breite Unterstützung", so Daniela Schmid von der AG Bau und Verkehr. Das sei ein Schritt in die richtige Richtung.

Grobes Kopfsteinpflaster macht viele Probleme

Im Antrag sind die wesentlichen Kritikpunkte aufgelistet: Dabei geht es um die Notwendigkeit von erhöhten Bahnsteigen für Menschen mit eingeschränkter Mobilität, aber auch um ein in den Boden eingelassenes Leitsystem für Blinde und sehbehinderte Menschen – wie es etwa auf der Stadtbahnbrücke von der VAG geschaffen wurde, so Daniela Schmid.

Ein anderes Problem ist das grobe historische Kopfsteinpflaster. Das ist schön anzuschauen, aber für gehbehinderte Menschen, für Menschen mit Rollator oder mit Rollstuhl nur eingeschränkt nutzbar. Solche Hindernisparcours finden sich auf dem Münsterplatz, Rathausplatz oder dem Augustinerplatz. "Auch wir schätzen den historischen Charakter der Altstadt", sagt Sarah Baumgart, "aber es muss Kompromisse geben". Vorgeschlagen werden nun 80 Zentimeter breite Fahr- und Gehspuren aus kleinteiligerem Pflastermaterial, die in das grobe Pflaster der Plätze integriert werden. Solche Wege gibt es bereits auf dem Münster- und dem Augustinerplatz – nur sind sie oft durch die Außenbestuhlung der Gastronomie oder Auslagen von Geschäften zugestellt.

Sarah Baumgart, Daniela Schmid und ihrer Mitstreiter vom Beirat kämpfen schon lange für die Verbesserungen. Sie sehen mittlerweile auch, dass es Bewegung im Rathaus gibt. So ist für den Bertoldsbrunnen ein neues Konzept in Arbeit. Das bisherige städtische Veto gegen erhöhte Bahnsteige ist wohl vom Tisch. "Ganz langsam passiert was", sieht auch Sarah Baumgart. Die barrierefreie Innenstadt sei ein innovatives Projekt – und könne auch zum Tourismusfaktor werden. Schließlich sei der Schwarzwald ein beliebtes Rentner-Reiseziel: "Wenn die hier besser klar kommen, bringt das auch mehr Geld."

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Autor: Joachim Röderer