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18. September 2014 11:20 Uhr

Wiehre

Reinhold-Schneider-Villa soll Kulturstätte werden – Stadt erteilt Absage

Eine Initiative von prominenten Unterstützern fordert, das Wohnhaus des Schriftstellers Reinhold Schneider als Kulturstätte zu erhalten. Doch die Stadt erteilt dem Ansinnen eine Absage.

  1. Stattlich: die Reinhold-Schneider-Villa in der Mercystraße 2 Foto: Ingo Schneider

Rund 130 zum Teil sehr namhafte Bürgerinnen und Bürger aus Freiburg und ganz Deutschland haben sich in einer halbseitigen Anzeige in der Mittwochsausgabe der BZ für den Erhalt der Reinhold-Schneider-Villa als Kulturstätte ausgesprochen. "Wir bezweifeln den Umgang der Stadt mit ihrem eigenen kulturellen Erbe." Das denkmalgeschützte Anwesen an der Mercystraße in der Wiehre, in dem der Schriftsteller 20 Jahre lebte, gehört der Treubau AG. Diese hat im Juli eine Genehmigung für den Bau zweier Häuser im Park und einen Anbau an die Villa bekommen.

Zu den Unterzeichnern der Initiative gehören zum einen 22 Gewinner des Reinhold-Schneider-Preises, den die Stadt seit 1960 alle zwei Jahre abwechselnd in den Bereichen Literatur, Bildende Kunst und Musik vergibt, unter ihnen der Schriftsteller Martin Walser; außerdem zahlreiche Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Politik und Kultur, auch überregional bekannte Gesichter wie die Literaturkritikerin Elke Heidenreich, Kabarettist Matthias Deutschmann, Donatus Prinz von Hohenzollern, der frühere bayerische Kultusminister Hans Maier und die Schriftsteller Karl-Heinz Ott und Theresia Walser. Die Unterzeichner fordern die Stadt auf, das frühere Wohnhaus des Schriftstellers Reinhold Schneider zu erwerben und als Kulturhaus zu erhalten.

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Über konkrete Ideen, etwa die Gründung einer Stiftung oder ein anderes Trägermodell, sei noch nicht gesprochen worden, sagt Mitunterzeichner und Schneider-Preisträger Günter A. Buchwald: "Wir haben das ganz bewusst erst einmal offen gelassen."

Investor Treubau will das alte Haus unsaniert verkaufen

Denkbar seien ein Literaturarchiv oder eine Geschichtswerkstatt, so Musiker Buchwald. "Es ist im Sinne Reinhold Schneiders, wenn das Anwesen nicht verbaut wird. Wir wollen der Stadt sagen, dass sie sich kümmern soll." Sie solle das Wohnhaus des Autors kaufen "und seine Nutzung im Einvernehmen mit der Freiburger Bürgerschaft gewährleisten", heißt es in der Anzeige. Die Initiative verstehe nicht, warum das Anwesen 2009 unter Denkmalschutz gestellt wurde, wenn es nun auf diese Weise bebaut werde, sagt Buchwald. Unlängst hat die Initiative Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach eine Petition übergeben.

"Es gibt keinerlei Planungen von Seiten der Stadt, dieses Haus zu kaufen", sagt Rathaussprecherin Edith Lamersdorf. Wenn dies geschehen solle, müsse dies der Gemeinderat beschließen. Lamersdorf verweist darauf, dass das Bauvorhaben im Zuge der Baugenehmigung mehrfach im Bauausschuss Thema war. Ein Kauf stand aber offenbar nie ernsthaft zur Diskussion. Als Standort für ein Literaturhaus – dieses soll nun Ende 2015 in die Alte Uni einziehen – oder ein Kulturzentrum sei es zu weit abgelegen und zu groß (400 Quadratmeter Wohnfläche) – alles in allem "eher nicht geeignet".

Die Treubau als Eigentümerin des seit langem leer stehenden Anwesens plant derweil weiter: Im Park hinter der Villa sollen zwei Neubauten mit insgesamt sechs Eigentumswohnungen sowie ein Einfamilienhaus direkt an die Villa gebaut werden; das kleine alte Gartenhaus soll ganz abgerissen werden. Stadtverwaltung und Denkmalschutzbehörde haben diese Pläne im Juli abgesegnet. Die Villa, deren älteste Teile aus dem späten 18. Jahrhundert stammen, will die Treubau unsaniert und unabhängig von den Neubauten verkaufen. Es gebe bereits Interessenten, auch für die Schneider-Villa, für die im jetzigen Zustand ein Kaufpreis von 1,2 Millionen Euro im Raum steht – wobei mit Sicherheit eine höhere sechsstellige Summe in eine Sanierung gesteckt werden müsste, die letzte stammt aus den 1970er und 80er Jahren. Die Treubau glaubt nicht, dass die Villa schwer zu verkaufen ist, sie werde nur deshalb unsaniert angeboten, damit der neue Eigentümer je nach Nutzung und Absprache mit dem Denkmalschutz selbst über Veränderungen entscheiden könne.
Reinhold Schneider

Geboren wurde Schneider am 13. Mai 1903 in Baden-Baden. Nach Freiburg kam er 1938, wo er 20 Jahre lang in der Mercystraße 2 am Fuße des Lorettobergs zur Miete wohnte. Der Schriftsteller und Essayist schrieb in der NS-Zeit trotz Berufsverbots gegen den Nationalsozialismus an. Im Frühjahr 1944 durchsuchte die Gestapo seine Wohnung. Schneider versteckte sich. Er stand in regem Austausch mit anderen Künstlern und Intellektuellen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kämpfte er gegen die Wiederbewaffnung der Bundeswehr und gegen die atomare Aufrüstung, 1956 erhielt er dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Er starb am 16. April 1958.

Autor: Frank Zimmermann