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18. September 2015

Freiburg postkolonial

Rundgang auf den Spuren Freiburger Kolonialgeschichte

Der Kolonialismus und das Freiburger Theater – gibt es da Zusammenhänge? Für diese erste Station beim Rundgang mit dem neuen Audioguide über die Kolonialgeschichte am Mittwochabend galt: Sie war keineswegs ein Zentrum des Kolonialismus – doch er hat hier Spuren hinterlassen.

  1. Mit dem neuen Audioguide auf den Spuren des Kolonialismus in Freiburg – hier beim Theater. Foto: bamberger

Und das, betonen der Sozialwissenschaftler Heiko Wegmann und die Journalistin Martina Backes von "Freiburg postkolonial" zum Auftakt einer Veranstaltungsreihe, sei typisch für ganz Freiburg.

Deutsches Farmerleben in Südwestafrika während des Herero-Kriegs: Dazu lief ein Stück im Freiburger Theater. Über einen schwarzen Schauspieler schrieben Kritiker, zu seiner großen Leistung sei er nur imstande gewesen, weil er zur "schwarzen Rasse" gehöre. Außerdem gibt’s im Theater das Winterer-Foyer – der Freiburger Oberbürgermeister Otto Winterer hatte 1909 für die Mitgliedschaft Freiburgs im Kolonialwirtschaftlichen Komitee gesorgt. Sein Sohn Wilhelm war Kolonialoffizier in Deutsch-Ostafrika und warb für den Kolonialismus.

Hier vor dem Theater spielen Heiko Wegmann und Martina Backes ihrem rund 45-köpfigen Publikum dann noch die eigentlich für Stadtgarten und Karlsplatz gedachten Audioguide-Stücke über die Völkerschauen vor – mit Werbeanzeigen aus der Freiburger Zeitung vom August 1882, in denen für 50 Pfennig Eintritt die Besichtigung von neun Indianern versprochen wurde. Dokumente zur "Echtheit" der Indianer lägen an der Kasse aus. Im April war bereits eine Singhalsen-Karawane "mit Schlangenbeschwörern, Teufelstänzern, Eingeborenen" angekündigt worden. Kritische Zitate kommentieren die Klischees, die auf "einfach und exotisch" setzen. Eine ältere Zuhörerin staunt: "Ich wusste nicht, dass in Freiburg Menschen ausgestellt wurden, ich dachte, das gab’s nur in Großstädten."

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Koloniale Spuren sind überall: An der Ecke Moltke-/Wilhelmstraße folgt das Kapitel zum "kolonialen Kontext von Straßennamen". Der Generalfeldmarschall Helmuth Karl Bernhard von Moltke hatte sich prokolonial geäußert, unter Kaiser Wilhelm I. erwarb Deutschland etliche Kolonien. Am Platz der Universität sind Berichte über die Pflanzung der längst verschwundenen Kolonialeiche im Jahr 1935 zu hören, die betonen, die Wurzeln seien in "afrikanische Erde aus den Gräbern deutscher Gefallener gebettet".

Vor dem Kollegiengebäude II der Uni geht’s um die dort im Keller lagernde Schädelsammlung, deren Gründer, der Anatom Alexander Ecker, einst mit den Schädeln von Chinesen und eines Afrikaners, der 1810 in Freiburg an Tuberkulose starb, begonnen hatte. Nebenan im Haus zur lieben Hand fand 2014 die Rückgabe von in der Kolonialzeit geraubten Schädeln an eine Delegation aus Namibia statt. Noch immer gibt’s Streit darüber, ob die deutsche Regierung die Kolonialverbrechen als Völkermord anerkennt.

Kolonialismus-Hörspaziergang: http://www.fernsicht-bildung org oder als App unter http://www.urban-playground.net . Infos zur Veranstaltungsreihe: http://www.freiburg-postkolonial.de Am Samstag, 19. September, 20 Uhr, im Kommunalen Kino, Urachstraße 40: Der Historiker Joachim Zeller spricht über "(Post)Koloniale Bilderwelten"
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Autor: Anja Bochtler