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16. Dezember 2011 19:42 Uhr

Fußballfans

SC Freiburg: Polizei greift gegen Kinder und Jugendliche in den Reihen der Ultras durch

Lange galt die Fanszene des SC Freiburg als unproblematisch – doch die Zahl der Ultras nimmt zu. Unter ihnen sind mittlerweile viele Minderjährige. Dagegen will die Polizei vorgehen – mit Hilfe des Jugendschutzgesetzes.

  1. Meist sind die SC-Fans friedlich und zeigen – nicht ganz uneigennützig – Herz für bestimmte Spieler. Foto: dpa

Bei Bundesligaspielen des SC Freiburg hat die Polizei minderjährige Mitglieder unter den Ultras im Blick. Kinder und Jugendliche sollen aus der Gruppe herausgeholt werden – zu ihrer eigenen Sicherheit, sagt Gabriel Winterer, der Leiter des Polizeireviers Süd. Die Polizei stützt sich auf einen Paragrafen des Jugendschutzgesetzes und hat ihr Vorgehen mit dem Jugendamt der Stadt Freiburg abgestimmt. Nach Beobachtung der Polizei hat die Zahl der Ultras in Freiburg zugenommen – und auch die Zahl der "gruppendynamischen Auseinandersetzungen".

Der SC Freiburg stand bislang immer am Ende der Bundesligatabelle, wenn es um Anzahl und Heftigkeit von Fankrawallen geht. Im Vergleich zu anderen steht der SC zwar immer noch gut da, aber es ist unruhiger geworden. Gabriel Winterer, der Leiter des Polizeireviers Freiburg-Süd, hat eine Liste von Zwischenfällen, die in diesem Jahr bei zehn Fußballspielen registriert wurden. So zünden laut Polizei Freiburger Ultras bei jedem Auswärtsspiel Pyrotechnik, was verboten ist. Es gab Schlägereien nach Partien in Hamburg, Stuttgart oder Hoffenheim und jüngst nach dem Heimspiel gegen Hertha BSC. Der schlimmste Zwischenfall ereignete sich beim Auswärtsmatch in Kaiserslautern: 30 Freiburger Fans und vier Polizeibeamte wurden verletzt. Die Ermittlungen laufen noch. Augenzeugen berichteten, dass in der Pfalz weder ein privater Sicherheitsdienst noch die Polizei zur Deeskalation beitrugen.

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Kinder unter den Ultras

In Freiburg hat man das Problem erkannt, dass die Gruppe der Ultras wächst: von der lange konstanten Zahl von 100 Hardcore-Fans auf das Doppelte. Darunter sind auch viele Jugendliche und Kinder – einige gerade einmal 13 oder 14 Jahre alt. Hier sieht die Polizei eine Gefährdung der jungen Fans und wendet in Abstimmung mit dem Jugendamt den Paragrafen 8 des Jugendschutzgesetzes an. Der fordert ein Eingreifen, wenn sich Kinder oder Jugendliche an einem Ort aufhalten, an dem "eine unmittelbare Gefahr für körperliche, geistige oder seelische Wohl droht". Die Polizei hat bereits in drei Fällen eingegriffen und ganz junge Fans zu ihren Eltern gebracht: "Die sind aus allen Wolken gefallen", so Winterer.

Winterer sagt auch: "Es geht uns nicht darum, Stimmung gegen die Ultras zu machen, sondern um notwendige Jugendschutzmaßnahmen im Umfeld von Problemfangruppen." Im Arbeitskreis Sport und Sicherheit ist das Vorgehen der Polizei abgesprochen worden: "Man kann nicht immer nur sagen, bei uns ist heile Welt und die Augen zumachen", so Herbert Mayer vom Sportreferat der Stadt. Michael Weber, der Fankoordinator der Sportclubs, findet die neue Vorgehensweise der Polizei zwar "nicht falsch", will aber kein zu offensives Auftreten. "Die Ultras gehören dazu, man darf sie jetzt auch nicht verteufeln." Es käme auch viel Positives, wie etwa besondere Fan-Choreographien.

Deutliche Abgrenzung zu Ultras

Die Polizei wünscht sich, dass sich der Verein um die jungen Fans kümmert. Detelf Romeiko, der Verwaltungsleiter des Sportclubs, könnte sich eine Art Juniorenclub für die Jugendlichen vorstellen, analog zum Füchsleclub. Der hat bei den ganz kleinen SC-Fans schon 900 Anhänger gefunden. Aber Romeiko dämpft die Erwartungen: "Wir können keine Sozialarbeit machen." Zu den Ultras will er nichts sagen: "Wir wollen mit den Verantwortlichen der Ultras sprechen nicht über sie."

Die Ultras selbst halten das Vorgehen der Polizei in Sachen junge Fans und Jugendschutzgesetz für überzogen. Die Supporters Crew Freiburg (SCFR) ist am Donnerstagabend über die Maßnahmen von Polizeichef Winterer selbst informiert worden. Die SCFR ist ein Interessensverband, dem neben anderen Fans auch Teile der zwei Ultra-Gruppen Wilde Jungs und Natural Born Ultras angehören. "Natürlich muss man die Jugend schützen, aber da wird jetzt viel dramatisiert", so SCFR-Vorsitzender Matthias Günter. Er widerspricht der Darstellung, dass es in Freiburg mehr Probleme gebe: "Es ist nicht schlimmer als es früher war, aber es steht mehr in der Öffentlichkeit".

Die Anwendung des von der Polizei angeführten Jugendschutz-Paragrafen beziehe sich seiner Ansicht nach ohnehin eher auf Bordelle und Casinos denn auf Fußballstadien. Günter hätte sich eher gewünscht, wenn präventiv gearbeitét würde. So müsste auch für die 14- bis 18-Jährigen ein Fanprojekt geschaffen werden. Die SCFR habe dies vorgeschlagen, doch der Sportclub wolle dies mit allen Möglichkeiten verhindern, so Günter: "Dabei gibt es sonst bei allen Bundesligaclubs solche Fanprojekte".

Zwischen den unterschiedlichen Fangruppen gibt es Diskussionen. So hat sich jetzt die Fangemeinschaft, der Dachverband, dem die Ultras nicht angehören, zu Wort gemeldet.

Die Fangemeinschaft des SC äußert sich in der aktuellen Ausgabe der Stadionzeitschrift Heimspiel in einem von 50 Fanclubs unterschriebenen offenen Brief, in dem sich deutliche Abgrenzungen zur Ultraszene finden: "Die überwiegende Mehrheit der Freiburger Anhänger ist weder aggressiv noch gewaltbereit." Die Fangemeinschaft stellt sich auch ohne Wenn und Aber hinter das von den Ultras bekämpfte Pyrotechnikverbot. Alle Anhänger müssten auf den Weg der Kommunikation zurückkehren, heißt es.

Die Fangemeinschaft fordert auch Fairness für den Fankoordinator und die ehrenamtlichen Fanbetreuer. Die Ultras lehnen diese ab, weil sie lediglich dazu da seien, die Vereinsmeinung bei den Fans zu propagieren, wie Ultras jüngst in einem Interview mit dem Südkurier sagten. Die Ultras fühlen sich von niemandem im Verein vertreten. Es habe viele Versprechungen gegeben, die nicht gehalten worden seien.

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Autor: Joachim Röderer