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07. Mai 2014

Schicksal vergessener Opfer

Eine Ausstellung erinnert an geraubte und zwangsgermanisierte Kinder im Dritten Reich.

  1. Bei der Ausstellungseröffnung (von links): Kulturbürgermeister Ulrich von Kirchbach, Ausstellungsmacher Christoph Schwarz und Ulrich Ecker, Leiter des Feiburger Stadtarchivs. Foto: Ingo Schneider

Der Ort ist ungewöhnlich, aber passend. In einem Zelt auf dem Platz der Alten Synagoge mitten im Zentrum Freiburgs zeigt der Verein "Geraubte Kinder – vergessene Opfer" in Zusammenarbeit mit dem Freiburger Stadtarchiv von Freitag, 9. bis Freitag, 16. Mai die Ausstellung "Geraubte Kinder – vergessene Opfer". Sie dokumentiert die Biografien von Menschen, die als Kinder im Dritten Reich zumeist in Polen und Slowenien wegen ihres vermeintlich "arischen" Aussehens nach Deutschland verschleppt und dort in Pflegefamilien, Heimen oder Lagern zwangsgermanisiert wurden.

Eigentlicher Macher der Ausstellung ist der Lehrer Christoph Schwarz. Er hat in jahrelanger Recherche die Opfer ausfindig gemacht und deren Schicksale dokumentiert. Nachvollziehen kann der Besucher die leidvollen Geschichten anhand von Originalinterviews mit den Betroffenen und einer Vielzahl von Bild- und Textdokumenten. 2006 hatte Schwarz bereits die Ausstellung "11000 Kinder – mit der Reichsbahn in den Tod" zusammengestellt. Anlass war für ihn das Schicksal seiner halbjüdischen Großmutter, die im Dritten Reich in Konzentrationslagern gefangen war und einen Todesmarsch überlebte.

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Von dem Schicksal der geraubten Kinder erfuhr Schwarz bereits als Jugendlicher in seinem Heimatdorf im Schwarzwald. Ein polnischer Adeliger, der dort lebte, hatte ihm davon erzählt. Auf 50 000 bis 200 000 wird die Zahl der Opfer geschätzt. "Allein in Polen gab es nach dem Krieg 35 000 Suchanträge", sagt Schwarz, deshalb halte er die Zahl für realistisch. Viele Fälle blieben sicher auch unentdeckt, weil die geraubten Kinder nie von ihrer wahren Identität erfuhren. Die Namen und auch die Geburtsdaten der Kinder wurden meist geändert, die Originaldokumente vernichtet. So war es für die verschleppten Menschen auch sehr schwierig, ihre wahre Identität zu beweisen.

"Allein in Polen gab es
nach dem Krieg
35 000 Suchanträge."

Christoph Schwarz,
Macher der Ausstellung
Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und wird unter anderem auch in Nürnberg, Berlin und Hamburg Station machen. Finanziert hat sie eine Reihe von Stiftungen, Initiativen und Einzelspendern. Die Stadt Freiburg und das Stadtarchiv unterstützten den Macher bei der Organisation und Werbemaßnahmen.

"Wir sind auch jetzt noch auf Spenden angewiesen", betont Christoph Schwarz. Besonders empört ihn, dass die Bundesregierung und insbesondere der zuständige Finanzminister Wolfgang Schäuble eine Entschädigung der Opfer rundweg abgelehnt hätten. Von der Wanderausstellung erhofft er sich die notwendige Aufmerksamkeit, um weiterhin Druck für die Durchsetzung einer Entschädigung ausüben zu können.

Ausstellung "Geraubte Kinder - Vergessene Opfer" vom 9. bis 16. Mai. Eröffnung am Freitag, 9. Mai, 17.30 im Zelt auf dem Platz der Alten Synagoge. Öffnungszeiten täglich von 10 bis 19 Uhr. Eintritt frei. Zusätzlich gibt es ein Rahmenprogramm mit Filmvorführung und Podiumsdiskussionen, genauere Informationen dazu unter http://www.geraubte.de

Autor: Petra Völzing