"Schlicht nicht aushaltbar"

Das Gespräch führte

Von Das Gespräch führte

So, 07. Oktober 2018

Freiburg

Der Sonntag Interview: Der Freiburger Historiker Gerd Krumeich zum Versailler Vertrag.

Der Freiburger Historiker Gerd Krumeich weiß, dass er mit seinem Buch "Die unbewältigte Niederlage" zum Versailler Vertrag und den Anfängen der Weimarer Republik auf Widerrede stoßen wird. Seine Thesen vertritt er leidenschaftlich, im Gespräch verrät er, dass er für die Kollegen-Haltung "Oh, das ist gefährlich" kein Verständnis habe.

Der Sonntag: Haben Sie Gefallen an der Provokation gefunden, Herr Professor Krumeich?

Das nicht, aber ich habe schon immer für Zwischenrufe gesorgt. In meinem neuen Buch ist es mein großes Anliegen, Fragen, die mich jahrzehntelang beschäftigt haben, zusammenfassend in einer verständlichen Form zu beantworten.
Der Sonntag: Sie provozieren aber bereits mit der öffentlichen Aussage: "Ich hätte den Versailler Vertrag nicht unterschrieben."

Es gibt tatsächlich nun auch Freunde, die mich fragen: "Bist du ein Rechter geworden?" Ich bitte Sie, ich bin Historiker, und es ist die Aufgabe des Historikers zu versuchen, die Zeit zu verstehen, über die er schreibt. Nun geht es beim Ende des Ersten Weltkriegs und den Anfängen der Weimarer Republik um sehr komplexe Sachverhalte, und der Beruf des Historikers wird extrem schwierig, wenn er versucht, diese pointiert zu erklären.
Der Sonntag: Sie kritisieren mit Ihrem Buch deutsche Historikerkollegen, die den Versailler Vertrag als einen "vernünftigen Frieden" deuteten.

Bis in die 1960er Jahre wurde von Publizisten und Historikern behauptet, Versailles sei an Hitler schuld, also nicht die bösen Deutschen. So beispielsweise ganz prominent Golo Mann in seiner Deutschen Geschichte. Damit konnte die historische Kritik auf Dauer nicht zufrieden sein und die Generation der Mommsens, Wehler, Winkler und Kolb haben dann ab den 1960er Jahren das Dritte Reich als Folge eines verhängnisvollen Sonderweges der deutschen Geschichte zu erklären versucht. Das geschah in bester Absicht, doch in den Werken dieser Historikergeneration wurden die Gründe für die Entstehung des Versailler Vertrags und dessen katastrophale Auswirkungen zu sehr ausgeblendet.
Der Sonntag: Was ist nun aus Ihrer Sicht am Versailler Vertrag so fatal gewesen?

Dass an allem, was im Ersten Weltkrieg passiert ist, Deutschland schuld sei und dafür bezahlen müsse. Das war 1918/19 und danach für die Deutschen schlicht nicht aushaltbar. Man darf nicht vergessen, Deutschland hatte zwei Millionen tote Soldaten zu beklagen und erlebt, dass mehr als vier Millionen Versehrte aus dem Krieg heimkehrten. Der französische Regierungschef Georges Clemenceau hat am 16. Juni 1919 in die Mantelnote zum Versailler Vertrag hineinschreiben lassen, die Deutschen seien wegen ihres Appetits auf Weltherrschaft schuld an den sechs Millionen Toten, deren Blut den Boden Europas tränke. Als Historiker muss ich verstehen, welchen ungeheuren Protest dieser Vorwurf in Deutschland auslöste. Somit ist für mich nachvollziehbar, wenn der Regierungschef Philipp Scheidemann sagte, die Hand dessen, der diesen Vertrag unterzeichnet, müsse "verdorren".
Der Sonntag: Könnte es nicht politisch brisant auf Ihre Leser wirken, wenn Sie behaupten, die Revolution, die das Ende des Deutschen Kaiserreiches und den Anfang der Weimarer Republik markiert, sei schuld daran, dass der Erste Weltkrieg nicht mit einem ausgewogeneren Frieden endete?

Muss ich noch erklären, dass ich kein Gegner der Weimarer Verfassung bin? Aber als Historiker kann ich nicht übersehen, dass der französische Marschall Ferdinand Foch noch am 29. Oktober 1918 im Alliierten Rat argumentierte, man dürfe den um Waffenstillstand nachsuchenden Deutschen keine allzu harten Bedingungen stellen. Dies könnte sie motivieren weiterzukämpfen. Als aber am 9. November der deutsche Minister Matthias Erzberger zur Unterzeichnung des Waffenstillstandes nach Compiègne kommt, sagt Foch, es gebe nichts mehr zu verhandeln. Denn inzwischen war es in Deutschland zur Revolution gekommen, in München hatten radikale Linke die Republik ausgerufen.
Der Sonntag: Sie gehen in Ihrem Buch so weit, die Ansicht zu vertreten, es habe damals nicht nur die von den Nazis aufgestellte Dolchstoß-Legende gegeben, das "siegreiche" deutsche Heer sei von hinten "erdolcht" worden, sondern ausgewogenere Überlegungen, die besagten, das Heer hätte noch für bessere Friedensbedingungen weiterkämpfen können, wäre es nicht ab Ende Oktober 1918 zur deutschen Revolution gekommen.

Ich finde angesichts des Versailler Vertrages die Frage berechtigt, was passiert wäre, hätten die Deutschen noch ein paar Monate weiterzukämpfen vermocht. Hierfür den Begriff "Dolchstoß" zu übernehmen, behagt mir überhaupt nicht, doch ich habe keinen besseren. Aber ich muss das deutsche Dilemma 1918/19 beschreiben, wie es war: Einerseits war das Diktat des Versailler Vertrages schwer verständlich zu machen angesichts dessen, dass kein feindliches Heer in Deutschland eingedrungen war. Andererseits war die Gefahr gegeben, dass die Alliierten Deutschland besetzen und es zerstückeln.
Der Sonntag: Ihr Freiburger Historikerkollege Jörn Leonhard wirft Ihnen vor, Sie machen sich zum Anwalt der Gegner der Weimarer Demokratie.

. Das ist eine Haltung, die ich nicht verstehe. Man kann gegen einen Historiker doch nur sachlich anhand der Quellenlage argumentieren, aber nicht derart moralisch oder furchtsam. Ich räume ein, ich habe mich manchmal schwergetan beim Schreiben dieses Buches. Ich habe mich gefragt, ob es mir gelingen kann, so komplexe Argumente und Gegenargumente gut zu erklären. Denn ich möchte keinen Applaus von der falschen Seite.
Der Sonntag: Ihr Buch, dessen eine These lautet, die Weimarer Republik sei ein Kind des Krieges gewesen und habe diese traumatische Last des verlorenen Krieges nie abschütteln können, liest sich auch wie eine Analyse der Desintegration eines politischen Gemeinwesens.

Die nicht verstandene Niederlage, der "Dolchstoß"-Vorwurf und der Versailler Vertrag haben zur Entstehung einer alles zersetzenden Hass-Kultur geführt. Vor der haben auch die Eliten der Weimarer Republik versagt. Ich stelle deshalb auch Fragen: Wie konnte in der Weimarer Verfassung stehen, dass keine Orden mehr verliehen werden? Warum hat man damals nicht wie in Frankreich Kriegerdenkmäler errichtet? Und ich stelle Fragen an die Dadaisten, aber auch an Otto Dix und Ernst Friedrich, die die Soldaten verächtlich machten. Warum ist man sich nicht bewusst gewesen, was ein Slogan "Soldaten sind Mörder" bei so vielen Millionen frustriert aus dem Krieg heimkehrenden Soldaten anrichten kann?
Der Sonntag: Muss man angesichts der heutigen Polarisierung in der deutschen Politik Weimarer Verhältnisse befürchten?

Als Historiker sollte man vorsichtig mit Gegenwartsdiagnosen sein. Dennoch sage ich: Nein. Berlin ist nicht Weimar. Rückblickend aber stelle ich fest: Die Wunden des Ersten Weltkriegs sind verheilt, man sollte heute über die historischen Ereignisse von damals frei denken und schreiben können.

Das Gespräch führte Toni Nachbar
Gerd Krumeich: Die unbewältigte Niederlage. Das Trauma des Ersten Weltkriegs und die Weimarer Republik, Herder Verlag, 25 Euro