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05. April 2017

Schüler auf moderner Spurensuche zur Pogromnacht

Beim Wettbewerb "Erinnerung sichtbar machen" können Jugendliche Material für eine Datenbank sammeln, die alle nutzen können.

Die Idee: Jemand geht mit Smartphone durch Freiburg und überlegt, wo früher die Synagoge stand. Eine App liefert nicht nur die Wegbeschreibung, sondern zeigt am Platz der Alten Synagoge auch Fotos von der Synagoge, die im November 1938 zerstört wurde. Dass die Pogromnacht im November 2018 genau 80 Jahre zurückliegt, ist Anlass für den Wettbewerb "Erinnerung sichtbar machen": Dahinter steckt eine bundesweite Aktion der Initiative "Zentrale für Unterrichtsmedien im Internet" (ZUM), die bei Jugendlichen Bewusstsein schaffen will.

"Was wissen Sie über die Pogromnacht?" Bei einigen lassen die Antworten aufhorchen: "Nichts", sagen zwei Jungs und zwei ältere Frauen. Eine andere ältere Frau sagt, sie wisse nichts mehr, weil sie das Thema verdrängen wollte. Sie alle gehören zu zufällig ausgewählten Menschen, die Achtklässler der Lessing-Realschule auf dem Münstermarkt befragt haben. Zu sehen sind die Interviews in einem Video, das die Schüler mit Unterstützung der Lehrerin Irene Heinzelmann gedreht haben – ihre Erfahrung ist, dass sich Jugendliche durch den Einsatz neuer Medien für Themen begeistern lassen, für die sie sonst wenig Interesse zeigen.

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Am Montagabend sahen das Video bei einer Infoveranstaltung zum neuen Projekt rund 130 Interessierte in der Kooperatur. Dort gab’s auch Eindrücke aus der Geschichtswerkstatt der Lessing-Realschule. Die Geschichtslehrerin Rosita Dienst-Demuth hat sie seit 2001 mit viel Engagement und großer Beteiligung von Schülern aufgebaut: Erforscht wird die Zwangsschule für jüdische Schüler, die im Nationalsozialismus an der Schule untergebracht war. Heutige Schüler sind weltweit im Kontakt mit Zwangsschülern. Doch sie und andere Zeitzeugen werden immer weniger – darauf wiesen alle Rednerinnen und Redner hin.

Umso wichtiger sei es, Geschichte "greifbar zu machen", sagte Michael Moos, Stadtrat der Unabhängigen Listen, als Vertreter der Stadtverwaltung. Genau wie er betonte Johannes Gerster aus Mainz, der Ehrenvorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und Schirmherr des Projekts ist, die beunruhigenden rechten Tendenzen. Ähnlich äußerten sich Margit Fischbach von der Initiative "ZUM" und die Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden in Freiburg: Cornelia Haberlandt-Krüger von der liberalen, egalitären Gemeinde Gescher erinnerte außerdem daran, dass die Gemeinde der 1938 zerstörten Synagoge überwiegend liberal war und die Nachfolgegemeinde dennoch bis heute ohne eigene Räume ist. Ihre Kollegin Irina Katz von der Synagoge der orthodoxen Israelitischen Gemeinde bedauerte die "vergebene Chance", die im Herbst aufgetauchten Mauerreste der alten Synagoge als "hässliche Spuren der Zerstörung" sichtbar zu machen – statt sie durch eine "schöne Erinnerungsstätte" zu ersetzen.

Bis zum Sommer 2018 können Schüler alte Bilder zum jüdischen Leben recherchieren und in eine Datenbank einstellen. Auch Texte, Videos und Audiobeiträge sind willkommen. Rolf Mathis und sein Unternehmen "Future history" sorgen für die technische Umsetzung, Joachim Scheck und sein Verein "Vistatour" werden sich mit Stadtführungen beteiligen.

Infos: Projekthomepage http://reichspogromnacht.zum.de Anmeldung unter der Mailadresse kff@zum.de

Autor: Anja Bochtler