Schwarze Ballons für Stuttgart

Anita Rüffer

Von Anita Rüffer

Do, 07. Dezember 2017

Freiburg

Protestaktion gegen das überraschende Ende der Schule ohne Noten / Gemeinschaftsschulen bleiben verschont.

Die Windrichtung stimmte: 150 schwarze Luftballons nahmen am Nikolaustag Kurs Richtung Stuttgarter Kultusministerium, jeder bestückt mit einem Wunschzettel: "Wir wollen weiter Schule ohne Noten sein". Vor fünf Jahren hatte die Paul-Hindemith-Schule schon einmal Luftballons steigen lassen. Damals waren sie allerdings bunt und ein Grund zur Freude. Symbolisch schickte sie alle Schulnoten auf den Mond. Vom kommenden Schuljahr an sollen sie nach dem Willen der Kultusministerin zurückkehren (die BZ berichtete mehrfach).

Das findet niemand gut in dem Menschenauflauf aus Eltern, Großeltern, Kindern, Stadträtinnen und anderen bildungspolitisch Engagierten, die sich vor dem Regierungspräsidium an der Kaiser-Joseph-Straße zum Protest versammelt haben. Mara, Blanka und Anuk verteilen gelbe Handzettel an die Passanten und laden zum Mitmachen ein. Die drei achtjährigen Hindemith-Schülerinnen haben auch schon einen Leserinnenbrief an die BZ geschrieben: "Wir wollen uns dafür einsetzen, dass wir keine Noten bekommen." Sie bevorzugen die an deren Stelle eingeführten differenzierten Leistungsrückmeldungen. "Es ist uns wichtig, dass wir wissen, was wir gut können und was wir besser machen müssen."

Etwas, das der 16-jährige Lukas Barden am Wentzinger-Gymnasium vermisst, auf das er nach der Grundschulzeit an der Paul-Hindemith-Schule wechselte. Nicht, dass es dort nicht gut klappen würde. Aber die Lernstandsberichte, die häufigen Gespräche zwischen Lehrern, Schülern und Eltern , das Lernen ohne "demotivierenden Notendruck" seien "viel besser" gewesen. Mit fünf weiteren "Ehemaligen" hat er einen Brief an Kultusministerin Susanne Eisenmann geschrieben.

Sie wollen sie davon überzeugen, dass sie im Gymnasium in manchen Bereichen sogar besser abschneiden als ihre Mitschüler aus "normalen" Schulen. Genau das hatte der von der Paul-Hindemith-Schule seinerzeit durchgesetzte Modellversuch "Schule ohne Noten" eigentlich herausfinden wollen.

Es fehlt die wissenschaftliche Bewertung

Aber die Arbeit der zehn Modellschulen in Baden-Württemberg ist nie wissenschaftlich bewertet worden. "Sie darf nicht jetzt und nicht einfach so beendet werden", fordert Nika Strehlein, die mit vier weiteren Müttern die Luftballonaktion gestartet hatte und nun überwältigt ist von dem Zuspruch. "Der Modellversuch muss weitergehen, bis vernünftige Aussagen über das Für und Wider gemacht werden können."

Ein Großvater war vor 35 Jahren schon im Elternbeirat der Schule und freut sich nun über die andere Lernkultur, von der sein Enkel profitiere. "Ich hätte als Schüler auch lieber Gespräche gehabt als schlechte Noten." Den Mann, der namentlich nicht genannt werden möchte, empört vor allem die "Machart", wie die Entscheidung aus Stuttgart willkürlich getroffen worden sei: "Die Schule hat es aus der Zeitung erfahren." Die eigenen Erfahrungen, von denen Eltern und Schüler in überschwänglichen Worten berichten, wollen bei allen Befragten einfach nicht passen zu dem kategorischen Nein aus Stuttgart.

Carsten Rees, Vorsitzender des Landeselternbeirates, ist aus ganz persönlicher Betroffenheit beim Protest dabei: Er war vor neun Jahren, als alles begann, Elternbeiratsvorsitzender an der Paul-Hindemith-Schule.

Das "Freiburger Bündnis eine Schule für alle" befürchtet, dass "die Ministerin mit dem Abbruch des Schulversuchs die vielversprechenden Ansätze zu ... einer kindgerechten Lernkultur mit Absicht und möglicherweise irreparabel beschädigt." Alle an der Schulentwicklung Interessierten sollten sich gegen diese "inhaltlich unbegründete, willkürliche und bedrückende Entscheidung" zur Wehr setzen.

Wird diese auch die Gemeinschaftsschulen treffen? Dort gibt es in der Sekundarstufe I auch keine Noten. "Es ist nicht vorgesehen, das Konzept der Leistungsrückmeldung an den Gemeinschaftsschulen zu ändern", heißt es aus dem Kultusministerium.